Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1878)
- Date
- 1878-11-26
- Page
- Seite 764 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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764 Jeuilleton. Eine gegenseitige Rettung. Einer wahren Begebenheit nacherzählt, von Leon Mendelsburg in Koretz (Volhynien). (Fortsetzung.) Als er einst in einer glänzenden Versammlung mein Clavierspiel hörte, ließ er mich sich vorstellen, lud mich ein, ihn zu besuchen. Ich folgte natürlich recht gern seiner Einladung und da lenkte der Alte das Gespräch auf die Verhältnisse Warschaus, die er sehr gut kannte. Ich sah bald ein, daß die alte Polenresidenz ein beliebtes Thema in der Unterhaltung des alten, gutmüthigen Mannes war, indem an dieselbe sich liebe, zarte Reminiscenzen aus seinem Mannesalter knüpften. Ich wurde nach und nach der Liebling des alten Mannes und er bat mich, seiner Tochter Unterricht im Clavierspiele zu geben. Da ich materiell gut versorgt war, so schlug ich jedwede Belohnung von vornherein aus und unterzog mich mit großem Eifer meinem Lehramte. Olga, so hieß meine neue Schülerin, war sehr fteißig und machte große Fortschritte in der Musik. — Wir spielten aber nicht allein zusammen, wir lasen auch die russischen und französischen Classiker. In den erstem war ich ein Schüler meiner Schülerin, in den letztem aber war ich wieder Lehrer. Nach und nach aber gestaltete sich unser gegenseitiges Verhältniß ganz anders, als es der Vater gewünscht. Olga war ein Kind der Grazien, voll Liebreiz und Unschuld, sie war eine echt klassische Schönheit, schlank gewachsen, anmuthig in allen ihrm Bewegungen. — Ich muß bekennen: sie hatte mir's angethan! Es war meine erste Liebe und deren Gegenstand war in allen Beziehungen, in leiblicher und geistiger Beschaffenheit, derselben würdig. Ein Jahr lang lag ich in ihrm Feffeln, ohne daß ich's über mein zagendes Herz gewann, ihr meine Huldigung zu bekennen und ihren Seelenfrieden zu störm. Sie war ja so voll Unschuld und kindlicher Naivetät, wenn auch bisweilen nicht ohne muthwillige Schalkheit, die aber nur noch ihre Liebenswürdigkeit steigerte. — Endlich in einer Stunde, wo wir allein waren, lag ich zu ihren Füßen, ihr die heiligsten Schwüre meiner ewigen Liebe betheuemd. Das liebe, seelengute Mädchen war anfänglich erschreckt, endlich aber erhob sie mich, zog mich an sich und versicherte ohne jede Ziererei, daß meine glühenden Worte nur das Echo der Stimme ihres eigenen Herzms seien; wir besiegelten den Bund unserer jugendlich glühenden Herzen mit einer Umarmung. Es verstrichen so mehrere Momente, wir vergaßen die Welt um uns und waren selig. Ich 'fragte mich nie, was wohl das Ende von der ganzen Sache sein werde, sondem lebte in den Tag hinein, unbekümmert um die dunkle Zukunft. Da kam aber das Erwachen vom süßm Traume. Der Gmeral schim gegen Alles blind; so ging es, so lange es ging; aber eines Tages bekam ich einm gefährlichen Nebenbuhler in der Person eines jungen Obersten, der mit feinem Regiments in der Stadt stand. Dieser, nicht so vorurtheilsfrei gegen meine polnische Nationalität, wie der alte General, und die Liebreize der schönen, reichen Erbin gewahrend, fing an, den General öfter mit seinen Besuchen zu beehren und mit scheelen Augen mein intimes Verhältniß zu dem liebenswürdigen Engel zu betrachten. Wir mußten auf unserer Hut sein, desto süßer aber gestaltete sich unser geheimes Verhältniß. Der Oberst wurde von seinen Dienstpflichten sehr oft zurückgehalten, ich aber hatte freie Muße, also auch freies Feld. Zwar war mir von Seiten des Mädchens gar nicht bange, trotz der glänzenden Uniform und anderer wirklich guter Eigenschaften des Obersten. Ich kannte ja die Charakterfestigkeit meines lieben Mädchens und wußte, welche Gewalt ich über ihr edles, tieffühlendes Herz ausübte. Allein desto mehr stand von Seiten des Vaters zu befürchten, der, wenn man ihm die Wahl vorlegte: zwischen dem heimatlosen Polen und dem echten Ruffen, der, noch jung, schon eine so hohe Militaircharge bekleidete, keinen Augenblick anstehen würde, dem Ruffen den Vorzug zu geben. Wir beriethen zusammen, was in solchem Falle, wenn nämlich der Oberst als Bewerber um ihre Hand offen auftreten sollte, zu thun wäre. Meine Olga meinte, sie wolle dem Vater, deffen Abgott zu sein sie sich wohl bewußt war. Alles freimüthig gestehen; daß er zu edel, zu gut sei, sie zu sehr liebe, als daß er ihrem Herzen Gewalt anthun könnte und ihr einen Mann aufdringen, den sie nicht lieben könne. „Er wird nicht", fügte sie hinzu, „zwei Herzen trennen wollen, die ohne einander nicht leben können." — Ich billigte zwar dieses Geradeaufs-Ziel-gehen, ich war nicht minder Feind aller krummen Wege der Kabale — aber ich sah mit Zagen und Bangen dem Erfolge solchen Verfahrens entgegen. Endlich trat der gefürchtete Augenblick ein. Der Oberst kam an einem Festtage, die breite Brust von Orden decorirt, und hielt feierlich um die Hand der Generalstochter an. — Der Vater war hocherfteut und meinte, daß von seiner Seite kein Hinderniß im Wege stehe, allein der Oberst müffe zusehen, ob er die Liebe seines einzigen Töchterleins gewinnen könne. Da kam er aber schlecht an. Das Mädchen erklärte rund heraus, daß sie ihn hoch halte und schätze, daß sie aber ihn nicht lieben könne. Warum? wiffe sie sich selbst keine Rechnung zu geben; sie müffe sich mit dem russischen Sprichworte entschuldigen: „das Herz ist kein Knabe, dem man befehlen kann." — (Fortsetzung folgt.)