Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1878)
- Date
- 1878-11-26
- Page
- Seite 762 (sequence 10)
- Language
- German
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762 Ireigesprochene Herr von Cimara bat eine Entschädigungsklage! gegen die Juden in Höhe von 45,000 Ducaten erhoben und die rumänischen Richter, welche die Räuber und Mörder freigesprochen haben, werden die Juden verurtheilen, die all' ihr Hab und Gut werden verkaufen müssen, um die Entschädigung zu bezahlen. Dies wird der Ausgang einer Angelegenheit sein, in welcher der Minister Cogalniceanu dem Grafen Andraffy eine prompte Justiz und eine correkte Entschädigung der mißhandelten und geplünderten Juden versprochen hatte, nachdem die österreichischen Consularbehörden die Thatsachen festgestellt und nachgewiesen hatten, daß unter den Mißhandelten auch nicht wenige österreichische Unterhanen gewesen! — Die Drohung des „Romanul": man werde nur die nachweislich in Rumänien geborenen Juden für gleichberechtigt erklären, scheint in Erfüllung gehen zu sollen, denn die Regierung hat bereits angeordnet, daß von der jüdischen Bevölkerung eine neue Volkszählung stattfinden solle, bei welcher sorgfältig die in Rumänien geborenen aufgeführt werden sollen. Es war in der Unglückszeit eine besondere Bemühung des Herrn Pixotto und seines Nachfolgers, die Juden zu veranlassen, sich amerikanische, holländische und andere Pässe zu verschaffen, um als Unterthanen dieser Staaten den Schutz dieser zu genießen. Dieses Vorgehen würde ihnen unter solchen Umständen sehr nachtheilig werden. Rußland. Wien, 15. Nov. (Privatmitth.) Die Leser werden sich erinnern, daß im vorigen Jahre (S. 218) in einer Correspondenz aus Petersburg von einem in hebräischer Sprache abgefaßten, „Aufruf der Nihilisten an die jüdische Jugend" berichtet wurde, den Sie alsdann in einem Leitartikel „Der Nihilismus und die Juden in Rußland" (S. 229 ff.) ausführlich besprachen. An diesen „Aufruf wurde ich in diesen Tagen durch eine Gerichtsverhandlung erinnert, denn, wenn nicht Alles täuscht, war es der Angeklagte, der als Urheber jenes Aufrufs zu betrachten ist. Ein kleines schmalbrüstiges Männlein mit bleichem Gesicht und lebhaften Augen, die jedoch mehr Gutmüthigkeit und Schwärmerei als Blutdurst und Gewaltthat verriethen, stand vor Gericht, angeklagt, als Agent der Nihilistenpartei zwischen dem Auslande und Rußland die Vermittelung betrieben zu haben. Ungefähr 30 Jahre alt, längst verheirathet und Vater dreier Kinder — diese seine Familie lebt in Wilna, nannte er sich Arthur Freemann, hatte sich unter diesem Namen bei der Polizei in Wien vor anderthalb Jahren durch einen, wie es sich erwies, gefälschten Paß legitimirt, sein eigentlicher Name war Aron Liebermann, indem er das deutsche „Lieber" in das französische libre verwandelte und dies ins englische „free" übertrug. Sein Hauptgeschäft bestand in Empfangnahme und Versendung nihilistischer und socialistischer Schriften und hierbei wurde er gefaßt und in Haft genommen. Um es gleich hier zu bemerken, wurde er vom Gerichtshöfe dem Wortlaute des österreichischen Gesetzes gemäß, da ihm eine Theilnahme an inländischen geheimen Gesellschaften nicht nachgewiesen werden konnte und seine Vermittelung nur vom Ausland zum Ausland reichte, freigesprochen und nur wegen „Falschmeldung" zu einem Monat Arrest und zur „Abschaffung" aus den cisleithanischen Ländern verurtheilt. Diese letztere, wenn gleichbedeutend mit Auslieferung nach Rußland, wäre allerdings sehr gefährlich für den Unglücklichen. Der Gerichtshof konnte ihn hierüber nicht beruhigen, da die Bestimmung, nach welcher Grenze er „abgeschafft werden solle, nicht von den Gerichten abhängt. — Der Angeklagte verweigerte standhaft jede Aeußerung über Angelegenheiten, welche andere Personen betrafen. Ueber sich selbst sagte er ungefähr aus, daß er Affecuranzbeamter in Wilna gewesen, aber schon in jungen Jahren sich den Nihilisten zugewrndt habe. Seine Versuche in der sg. Rabbinerschule in Wilna, eine geheime Gesellschaft zu bilden, scheiterten, und er mußte fliehen. Dennoch hörte er nicht auf, unter den Juden in der Ukraine und in Klein-Rußland agitiren zu wollen, und zwar, wie er selbst zugesteht, ohne Erfolg. 1875 floh er aus Rußland. Er erklärte, zwar der Nationalität nach Jude, aber „confessionslo s" zu sein. Er gab in Wien auch eine Zeitschrift in hebräischer Sprache heraus, Ha-Emoth, natürlich socialistischen Inhalts, jedoch mit Artikelchen aus der Naturwissenschaft und Culturgeschichte verbrämt. Es erschienen jedoch nur 3 Nummern. Aus den Verhandlungen selbst geht überklar hervor, daß für die Sache der Nihilisten unter den russischen Juden gar nichts zu hoffen und zu erwirken sei. Zu kleinen Diensten wie Transport- Verstecken u. s. w. würden sie sich Wohl hier und da für schweres baares Geld brauchen laffen, aber zu wirklicher Theilnahme, zu irgend einer Förderung und Handlung sich niemals verstehen. — Wie ich oben bemerkt, ist in diesem Aron Liebermann auch der Verfasser jenes Aufrufs in hebräischer Sprache vorauszusetzen, da er eben von Wien aus seine Agitation in hebräischer Sprache fortzusetzen versuchte und er offenbar ohne alle Genossen und Gleichgesinnte in Rußland selbst geblieben ist. Ein Brief aus Königsberg sagt ihm auch geradezu, daß das Spiel mit der hebräischen Sprache ganz nutzlos sei. Durch obiges Factum werden denn auch die Sätze bestätigt, welche Sie in dem angeführten Leitartikel ausführten und die darin gipfelten (S. 230'/. „Das Judenthum ist der strikteste Gegensatz zum Nihilismus und kein wirklicher Jude kann ein Nihilist sein." So bekannte denn auch dieser Liebermann, daß er sein Judenthum längst verloren und aufgegeben und „confessionslos" sei. Auch dies erinnert an jenen Aufruf, der sich in maßlosen Ausdrücken gegen die Religion überhaupt und die jüdischen Institutionen insbesondere aussprach.