Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1878)
- Date
- 1878-11-26
- Page
- Seite 761 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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761 Saarlouis, 14. Nov. (Privatmitth.) Ein ebenso seltenes wie ungewöhnliches Leichenbegängniß sahen wir in diesen Tagen durch die Straßen unserer Stadt ziehen: an der Seite des christlichen Leidtragenden der jüdische Geistliche im Ornat und dahinter eine ebenso große Zahl israelitischer wie christlicher Einwohner von hier und Umgegend. Der Sarg enthielt die Ueberreste einer im 26. Jahre verstorbenen Jüdin, welche vor einem Jahre mit ihrem Manne, einem christlichen Musikdirector, hierher gekommen. In der Lebensgeschichte der Verstorbenen machte sich eine alte Erfahrung geltend: so lange der Mensch im Vollbesitze seiner Gesundheit ist, glaubt er oft ohne Religion und Gotteswort recht gut leben zu können; sobald aber Noth und Krankheit an ihn herantreten, da erwacht das Gewissen, die längst verblichenen Bilder der Jugend drängen sich hervor und die lange vernachlässigte Religion fordert wieder ihre Rechte. So auch hier, die Frau erkrankte und als die Aerzte ihren Zustand für hoffnungslos erklärten, wurde der Prediger der israel. Gemeinde, Herr L. Wolff, zu der Kranken gerufen, welcher Trost bringen sollte. Als derselbe sich überzeugte, daß die Frau, trotz der Civilehe mit einem Christen, Jüdin geblieben, geschah von Seiten der israel. Gemeinde und von dem Frauenvereine alles Mögliche, um das Leiden der Kranken zu mildern und das Gemüth zu erheben. Nach dem längst erwarteten Tode war die Bevölkerung, welche mit regem Jntereffe diese Vorgänge verfolgte, nicht jwenig auf das Begräbniß gespannt. Man durste mit Recht erwarten, daß der Prediger Wolff, welcher durch seine zahlreichen Kämpfe mit den ultramontanen Organen ebenso gefürchtet wie allgemein geachtet wird, diese Gelegenheit nicht vorübergehen laffen würde, ohne über die eigenthümlichen Umstände, sowie über die Civilehe sich auszusprechen. Wenn die Zuhörer aus allen Confessionen je nach ihrer Stellung zu dieser Frage eine Verdammung oder eine Beschönigung erwartet haben, so wurden alle getäuscht. Als er die äußeren Kämpfe der Heimgegangenen schilderte, welche in der frühesten Jugend von der Heimath sich trennen mußte und im vorigen Jahre an einem Tage zwei Kinder verlor, kam der gesch. Redner auf die inneren Kämpfe ihres Lebens und sprach ungefähr Folgendes: „Wer kennt nicht das Verlangen des Weibes nach einer festen, männlichen Stütze im Leben, besonders wenn es allein steht, allein auf seine schwachen Kräfte angewiesen ist? Und wenn sie nun einem Manne die Hand zum ewigen Bunde reichte, der ihr wohl sein ganzes Herz, sein redlich Streben widmete, nicht aber in einer Sprache mit ihr zu dem Vater über den Sternen betete — wenn sie anstatt der Verführung der Weltstadt zu verfallen, dem Manne ihrer Wahl in rechtlicher Ehe angehören wollte, auch wenn nicht des Priesters Hand den Bund segnete, wer wollte da den Stab über sie brechen, wer wagt es, den ersten Stein auf diese Sünde zu werfen? Wahrlich m. A., ich bin kein Verehrer, viel weniger denn ein Lobredner jener modernen Ehen, die da glauben, ohne Religion, ohne Cultus recht gut leben zu können; alle Erfahrungen zeigen uns, daß in einer solchen Ehe nie eine vollkommene Uebereinstimmung herrschen kann, aber ich kenne die Anforderungen des Lebens und weiß zu unterscheiden zwischen dem Zwange der Armuth und der Hülflosigkeit und dem Reichthum, welcher in bodenloser Gleichgültigkeit oft der Religion den Rücken kehrt. Wenn ich hier und in diesem Falle kein Vergehen sinde, so verdamme ich dagegen die Sucht der Großen, welche um ein Adelsdiplom oder um eine Herzogskrone ihren Gott, den Glauben ihrer Väter verkaufen. Mir aber ist jetzt die Aufgabe geworden, als jüdischer Prediger einem Christen Trost zu sprechen, eine Aufgabe, vor der ich nicht zurückschrecke, denn Gottes Wort ist daffelbe, in welcher Sprache es auch geschrieben, Gottes Wort und Trost sindet Eingang in die Herzen aller Leidenden und Gebeugten." Keiner der Theilnehmer verließ trockenen Auges die Stätte der Trauer. Die Israeliten hörten mit gerechtem Stolze solche Worte aus dem Munde ihrrs verehrten Predigers, die Christen erkannten rückhaltlos, daß eine solche Sprache, erfüllt zugleich von innigem Glauben und wahrer Menschenliebe, die Herzen aller rechtlichen Menschen erheben müsse. Der Leidtragende ehrte den Frauenverein und den Prediger Wolff durch eine öffentliche herzliche Danksagung. Oesterreich-Ungarn. Lemberg, 3. Nov. Ter „Lemberg. Isr." berichtet: Wir sind in der Lage, unfern geehrten Lesern die Mittheilung zu machen, daß das Statut des Gemeindetages bereits sanctionirt dem Gemeindetagspräsidium intimirt wurde. Wie man sieht, haben alle jene Proteste gegen dieses so gemeinnützige Institut nicht genützt. Der hiesige Gemeinderath hat der Petition des isr. Cultusvorstandes um Ertheilung einer Subvention an unsere isr. Schulen keine Folge gegeben, hingegen beschloffen, eine eigene jüdisch confessionelle Schule für das nächste Schuljahr zu errichten. Der Zudrang zu den isr. Volksschulen ist dieses Jahr ungewöhnlich groß. Nicht weniger als 1600 Kinder wurden zur Aufnahme angemeldet. Der Vorstand sah sich genöthigt, noch 4 Paralellclaffen zu errichten. Guter Wille zum Lernen ist also, auch ohne daß es des Schulzwanges bedarf, in den größeren Gemeinden vorhanden, wenn nur die Mittel nicht fehlen sollten. Rumänien. Bukarest, 2 November. (Privatmitth.) Der Proceß von Darabany wird für die unglücklichen dortigen Inden noch ein trauriges Nachspiel haben. Der auf so schmähliche Weise 4~>