Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1878)
- Date
- 1878-11-26
- Page
- Seite 758 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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758 fte sich nicht, mit frechem Spott und obscurem Witz über Alles herzufallen. Selbst bei streng wissenschaftlichen Arbeiten, wie die Exegese der Haggada doch Wohl eine ist, konnte ein Ereget frivoler Bemerkung sich nicht enthalten, denen kaum in irgend einem Schmutzbuch zu begegnen wäre. Solche Schriftsteller von Gottesgnaden fragen sich weder, wozu sie sich berufen fühlen, noch was ste dem Publicum bieten könnten, oder wessen ihr Publicum am meisten bedürftig ist — sie schreiben über Alles und Jedes, sie schreiben rechts und links, was ihnen überhaupt der launische Zufall eingiebt. So ist mir ein noch junger schriftstellernder Elementarlehrer bekannt, der uns aber zu keinen großen Hoffnungen berechtigt — wie er selbst in seinen Schriften uns davon zu überzeugen eifrig bemüht gewesen zu sein scheint — der über Astronomie, Geographie, Geschichte, Jurisprudenz geschrieben und gedruckt und dabei, was beim neuhebräischen Schriftsteller unvermeidlich ist, in allen Vers- und Tonarten uns vorwimmert, während er den bei uns so bescheidenen Ansprüchen eines Elementarlehrer-Eramens nur vermittelst Protection kaum genügt hat, und was noch schlimmer ist, er grammatisch unconscquent noch heute schreibt. Nichtsdestoweniger maßt sich ein solcher elender Scribent noch an, als Autorität sich zu geberden, und das Volk zu lehren und zu leiten. Bei Alledem muß man doch leider gestehen, daß er noch der Schlimmste nicht ist. Er belästigt wenigstens das Publicum nicht mit seinen Werken, d. h. er drängt sie nicht auf, und steht es einem Jeden frei, pe zu kaufen oder nicht, wie ihm zu schreiben und zu veröffentlichen. Es giebt aber noch viel traurigere Subjecte, die mit ihren Machwerken uns buchstäblich heimsuchen und uns förmlich zwingen, solche zu kaufen: sonst lesen wir bald in irgend einem hebräischen Journal einen Schmähartikel gegen uns, und es giebt genug Schwächlinge, die sich davon einschüchtern, wie solche, die von öffentlichen Lobhudeleien sich ködern lapen. Wie wenig unsere Literaten um die Bedürfnisse und den Geschmack des Publicums sich kümmern, zeigen jene Uebersetzüngen französischer Romane, die selbst dem überreizten Geschmack einer überbildeten Nation etwas zumuthen, und die geschmacklosen pamphletartigenOriginals-Erzählungen aus dem jüdischen Leben, welche den Juden Beschuldigungen andichten, die hinter den Verleumdungen eines Eisenmenger, Rohling und Brawmann nicht zurückstehen; jene schmutzigen Travestien der Gebete und Piutim; das bezeugen uns ferner jene pietätlosen Angriffe aus die talmudisch-rabbinische Literatur, die ein neuer Literat mit dem Epitheton rras?“ bz* b: bezeichnet, das bezeugt schließlich der ungerechte Feldzug, welchen sie gegen Orthodoxie, Orthodoxe und deren Rabbiner rnit großer Er- Einst und Jetzt ein himmelweiter Unterschied ist, daß wir von den letzteren nichts zu fürchten haben. Nicht blos, daß von ihrer Seite von einer Verfolgung der Bildung jetzt gar nicht die Rede sein kann, sondern auch sie selbst lasten nach Möglichkeit ihren eigenen Kindern eine moderne Erziehung angedeihen, selbst die „alten" Rabbiner nicht ausgenommen, ja unter Letztern findet man jetzt Männer, welche selbst das Versäumte, hinsichtlich allgemeiner Bildung, nachzuholen suchen. Daß sie von Reform nichts wisten wollen, wer dürfte es ihnen verargend Von ihrer religiösen- Anschauung und Lebensweise ist es auch nicht anders zu erwarten, um so mehr, als selbst besonnene Liberale vor der Hand sich nach keiner Reform sehnen. Wir haben noch viel Wichtigeres vor. Im Auslande, wo die Juden schon weit vorgerückt sind und unter ganz anderen Verhältnissen leben, mag Reform nützlich, möglich, auch nöthig sein, aber bei uns droht sie nur Verderben. Während wir von allen Seiten von Feinden umgeben sind, darf in unserer Mitte keine Zwietracht sein und keine Parteisucht uns in Lager zersplittern, die für nichts und wieder nichts sich gegenseitig befehden. Uns thut vor Allem Einheit und Eintracht Nolh. Es ist schon die höchste Zeit, daß wir aushören, gleich unfern slavischen Mitbürgern, dem Auslande blindlings nachzuäffen. Ter Culturkamps im Auslande hat nicht die geringste Aehnlichkeit mit unserer Bewegung. Unsere Orthodoxen streben nicht nach weltlicher Herrschaft wie die Ultramontanen, sie freuen sich jetzt, wenn man sie nur in Ruhe läßt. Unsere Rabbiner sind keine Jesuiten, die, selbst im Besitze von Bildung, das Volk, um es besser ausbeuten und beherrschen zu können, im Finstern behalten wollen. Jeder Unparteiische muß der ausrichtigen Frömmigkeit und selbstverleugnenden Ehrlichkeit der meisten unsrer „alten" Rabbiner volle Anerkennung zollen. Daß sie dennoch für unsere Verhältniffe, wie ich in Brief III. eingehender erörtert habe, nicht ganz taugen, ist nicht ihre Schuld, sondern liegt ausschließlich an der Zeit, die ihnen vorausgeeilt ist- Das Alles wollen unsere Literaten nicht einsehen und fahren konsequent ihre einmal eingeschlagene Bahn fort, wodurch sie Unheil und Verderben auf uns bringen. Das Volk ist daher mit Haß gegen diese Literatur und deren Productionen erfüllt und deshalb läßt der Orthodoxe sein Kind lieber in fremden Sprachen unterrichten, als im Hebräischen, obgleich ihm letzteres sonst so lieb und theuer ist. Und in der That ist nun hebräische Lectüre mit geringer Ausnahme nicht blos dem Geschmacke, sondern auch der ethisch-religiösen Erziehung schädlich. Es ist gewiß sehr traurig, aber wahr. Viel gediegener ist die jüdische literarische Thätigkeit in bitterung unternehmen, was zu nichts führt, als zu Zank und j russischer Sprache; hier ist sofort Plan und Methode zu be- Hader, die uns jetzt mehr als je gefährlich sind. Ich bin weit l merken. Allerdings ist aus diesem Gebiete noch wenig geschehen, entfernt, unseren Orthodoxen das Wort zu reden, aber jeder aber dies Wenige ist von sehr großem Werth. Abgesehen von Unparteiische muß Zugeben, daß zwischen den Orthodoxen von > guten Uebersetzüngen ist noch manches Originelle geliefert