Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1878)
- Date
- 1878-11-26
- Page
- Seite 756 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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756 Wissenschaft, der lebendige Verkehr mit geistig hochstehenden Lehrern läßt sich selbst durch die besten Bücher kaum ersetzen, und das was man durch einen geregelten und systematischen Unterricht spielend oft erreicht, das wird man selten selbst durch ein eifriges, aber ungeregeltes Selbststudium erlangen. Durch eine planmäßige Erziehung und regelrechte Unterrichtsmethode bekommt nicht bloß unser Wissen und Können, sondern auch unser Leben und Wirken Styl und Charakter, was dem Autodidacten abgehen muß. Wie er sein Wissen ohne jede Ordnung und Stufenleiter in stch ausgenommen hat, so bleibt es bei ihm chaotisch verworren und verwickelt; ihm fehlt der Sinn für das „vor'" und „nach". Er ist auch am ehesten zur Einseitigkeit und zum Dünkel geneigt, weswegen es ihm an einer ruhigen und möglichst objectiven Kritik häustg gebricht. Daher ist er am wenigsten zum Erzieher und Lehrer geeignet. Der Literat aber, insbesondere der tendenziöse, ist und soll in erster Linie Erzieher und Lehrer seines Publicums sein. Nun waren und stnd unsere neuhebräischen Literaten Autodidacten reinsten Wassers. Wohl waren auch unsere Pioniere im Auslande Autodidacten, allein sie lebten unter ganz anderen Verhältnissen. Waren sie ja selbst, wenn sie in einem kleinen Orte wohnten, von gebildeten und gelehrten Männern umgeben, die ihnen zugänglich waren, während unsere jüdischen Gebildeten oder Sichbildenden allein dastanden. Vermochten ja selbst größere Städte, wo der Jude in Rußland sich aufhalten durfte, ihm wenig an gebildetem Umgang zu bieten, und dies wenige war in Folge der Unkenntniß der Landessprache von jüdischer Seite dem Verkehr unzugänglich. Zu dieser Autodidarie gesellt sich noch die Reformsucht. Unsere Pioniere, meist Männer mit hochsittlichem Ernste, haben es gewiß gut gemeint, und darf man mit Sicherheit annehmen, daß sie nur das Wohl ihrer Brüder im Auge gehabt; nur wußten sie nicht, wie diesem Wohle am besten dienlich zu sein, und haben sie im heißen Eifer Manches übersehen. Manches nicht eingesehen und Ursache und Wirkung miteinander verwechselt, was sich später bitter gerächt hat. Sie fanden ihre Glaubensgenosien im schrecklichen Elend, in großer Unwissenheit, und im tiefen Aberglauben, und meinten, die Ursache dieses Elends sei die Unwisienheit; der Jude würde ganz anders aussehen, wenn er gebildet wäre, und die Ursache dieser Unwisienheit sei der Aberglaube; „ist er es ja vorzüglich, welcher den Juden von Bildung zurückhält'." Daher unternahm man gegen diesen, den Aberglauben, einen Feldzug. Nun ist es aber ganz umgekehrt der Fall. Das politische und sociale Elend, der Jahrtausend alte Druck hat den Juden gewaltsam den Künsten und Wisienschaften entzogen und zur Unwisienheit verdammt, und diese Unwisienheit eben führt ihn zum Aberglauben, zum Fanatismus. Ist doch der Aberglaube nichts anderes als die Armuth an Erkenntniß, wie Finsterniß nichts weiter als Mangel an Licht ist. Daß die Armuth nicht getilgt werden kann, ohne vom Wohlstand verdrängt zu werden, daß Finsterniß nicht dort verschwindet, wo noch kein Licht eingebrochen, ist klar. Ebenso klar und einleuchtend ist es, daß Menschen, die lange Zeit im tiefen Dunkel der Nacht gelebt haben, nur allmälig an das blendende Tageslicht sich gewöhnen können. Hätte man bei uns das und Aehnliches eingesehen und danach verfahren, die Geistesbildung unserer Brüder hätte eine ganz andere Richtung genommen; der Jude hätte im jüdischen Geiste europäische Bildung ausgenommen und verarbeitet, er wäre ein echter Sohn seiner Zeit, ohne dem Glauben seiner Väter untreu zu werden, mit einem Worte er wäre ein europäischer Jude. Allein, wie gesagt, unsere Pioniere und Pseudopioniere haben so Manches übersehen und nicht eingesehen und zogen gegen den Fanatismus in's Feld. Dabei aber waren sie selbst zu fanatisch, um den Fanatismus zu bekämpfen. Haben die „alten" Juden im Namen Gottes zu einem gottlosen Verfolgungseifer sich hinreißen lasten, so haben die „neuen" unter der Fahne der Vernunft unvernünftig und unbesonnen gefochten, indem sie mit Reformversuchen die Umwandlung der Juden zu beginnen gedachten, und so während sie das Haus beleuchten wollten, es ganz in Flammen steckten, so haben sie den Glauben mit dem Aberglauben, das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Freilich das geschah nicht bewußt und absichtlich, wenigstens nicht von den wirklichen Pionieren, aber das lag in der Methode ihres Verfahrens, oder richtiger in desien Methode- und Planlosigkeit. Man muß mich nicht mißverstehen. Ich spreche hier nicht gegen Reform an sich, sondern nur, daß sie bei uns vor der Hand noch nicht am Platze war und ist. Jede Reform im religiösen Leben eines Volkes stellt bekanntlich folgende Bedingungen: a) die zu reformirende Religionsgenosienschaft muß sich eines Reformbedürfnisies bewußt sein, t>) der Reformator muß bei seinem Publicum als eine unerschütterliche Autorität dastehen, o) die Reform muß mit großer Rücksicht und Pietät vor sich gehen. Sind diese Bedingungen nicht vorhanden, so droht eine Reform nur Gefahr. Entweder das Volk erhebt sich mit unbändiger Wuth gegen Reform und Reformator und wirst Alles über den Haufen, oder im Glauben einmal schwankend gemacht, ist vom Aberglauben zum Unglauben nur noch ein Schritt. Bei uns, besonders in der ersten Zeit der Bewegung, war von diesen Bedingungen noch keine Spur. Das Volk fühlte nicht das geringste Verlangen nach Reform und wollte davon nichts wisien, und die Wenigen, welche dafür schwärmten, haben auf eigene Hand nach Herzenslust reformirt. Ferner waren die Reformatoren weit entfernt als Autorität zu gelten, vielmehr haben sie nicht ohne eigene Schuld ihre Stellung und ihr Ansehen beim Volke untergraben und schließlich gingen sie zu radical an's Werk.