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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-11-26 · Heft 48 (26.11.1878) · p. Seite 755

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 48 (26.11.1878)
Date
1878-11-26
Page
Seite 755 (sequence 3)
Language
German
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755 umfassenden Anklang und bewirkte, was bis dahin unerhört, daß jüdischen Schriften sofort nach ihrem Erscheinen ein sehr bedeutendes Feld nach allen Ländern hin dargeboten und jüdischen Autoren ein ansehnliches Honorar gewährt war. Jndeß traten auch dieser Anstalt vielfach kleinliche Leidenschaften entgegen. Viele, deren eigenstes Interesse und wahre Pflicht die Förderung derselben gewesen wäre, hinderten und schmälerten dessen Ausbreitung, wozu schließlich auch eine Erschlaffung des schöpferischen Geistes kam, so daß das Institut seine Thätigkeit einstellte, einer späteren Zeit überlassend, es dereinst wieder in's Leben zu rufen. — So bedeutsam diese Schöpfung, so weit wir sie bis jetzt verfolgt haben, in ihrer Wirksamkeit und ihren Folgen war, so blieb doch, um dem ganzen Gedanken? Genüge zu schaffen, noch Vieles übrig. Sollte das Judenthum eine dauernde Zukunft haben, sollte es in Gemäßheit der Eulturstellung, welche die Juden zu gewinnen anstrebten, einen dieser entsprechenden und feiner selbst würdigen Platz seinnehmen, so mußte es — gelehrt werden. Die bisherigen Lehrstätten des Judenthums waren aber bis auf wenige verschwunden und in den übrig gebliebenen wurde nur der alte Stoff in der alten Methode und ohne Geist und Leben behandelt. Hatte daher Predigt und Religionsunterricht bereits ihre Form gefunden und ihren Entwicklungsgang angetreten, so kam es darauf an, auch eine neue Lehrstätte zu schaffen, eine Pflanzstätte für die wiffenschaftliche Bearbeitung des Judenthums, aus welcher wiffenschastlich gebildete Rabbiner und Religionslehrer hervorgehen könnten. Schon in ihrem ersten Jahrgang erließ deshalb die A. Z. d. I. einen Aufruf zur Gründung einer jüdischtheologischen Facultät. Auch dieser Aufruf zündete und an vielen Orten wurden Sammlungen veranstaltet. Auch gab das damalige preußische Unterrichtsministerium mittelbar seine Bereitwilligkeit, eine solche Anstalt erstehen zu laffen, dadurch kund, daß es die Sammlungen für „die jüdisch-theologische Facultät" im preußischen Staate obrigkeitlich gestattete. Der Gedanke war hierbei, für die zu schaffende Lehranstalt den Charakter eines abgeschloffenen, unter der einseitigen Einwirkung eines Directors stehenden Seminars zu vermeiden und durch die Eingliederung in eine deutsche Universität der Wissenschaft des Judenthums sofort die Ebenbürtigkeit und Gleichberechtigung im allgemeinen wiffenschaftlichen Bewußtsein zu verschaffen. Die Beihülse des intelligenten Theiles des jüdischen Mittelstandes fehlte nicht, aber kein einziger unter den jüdischen Reichen, deren Sinn über ein Kranken- und Waisenhaus nicht hinausgeht, bot hülfteiche Hand, und ebenso wenig zeigten sich die großen Städte opferwillig, bis endlich durch den damaligen Vorstand der Berliner Gemeinde, der sich anfangs sehr angeregt zeigte, dann aber die Angelegenheit verschleppte und endlich ablehnte, weil er „zuvor für die Armen Berlins zu sorgen hätte", dieselbe vorläufig scheiterte. Aber der Gedanke war da und seine Dringlichkeit einsichtlich gemacht worden. Immer von Neuem angeregt, fand er endlich seine allmälige Erfüllung in der Gründung des Breslauer Seminars, der Hochschule für die Wiffenschaft des Judenthums, und des Seminars für das orthodoxe Judenthum in Berlin, der Rabbiner-Bildungsanstalt in Pest, des Be th-hamid rasch in Wien, eines College in London und in Cincinnati. Allerdings blieb das zweite Moment, das wir oben bezeichneten, unerledigt. In der Hauptsache ist erreicht, was wir von Anfang an beabsichtigt hatten. (Fortsetz, folgt.) Petersburg, 10. November. Petersburger Lrirfe. v. Die Leistungen der neuhebräischen Literatur, inwiefern sie zur Lösung der Judenfrage beigetragen haben, werden, meinem Versprechen gemäß, Gegenstand meines gegenwärtigen Briefes sein. Der Einfluß der Literatur und der Presse auf das gesammte Volksleben ist bekannt. Es war mithin ein glücklicher Gedanke unserer Vorkämpfer, auf literarischem Wege auf unsere Glaubensgenossen zu wirken. Da die einzige den Juden damals zugängliche Sprache die hebräische war, so lag es auf der Hand, daß man hier mit ihr zu operiren hatte. Und man hat sich auch nicht geirrt. Die literarischen Bestrebungen haben eine ungeheuere Wirkung hervorgerufen. Leider aber war diese Wirkung nicht immer segensreich und heilbringend; sie hat viel Gutes geschaffen, aber auch viel Unheil angerichtet. Ist es ihr Verdienst, die Neigung zur Bildung im Herzen unserer Jugend angeregt, und das Geisteswachsthum unseres Volkes gefördert zu haben, so war sie es auch, welche eine schädliche und dünkelhafte Halbbildung, eine krankhafte Aufklärungssucht unter unseren Brüdern verbreitete, ihr ist auch zum Theil der tiefe Riß im Herzen der russischen Judenheit, und der eisigstarre Jndifferentismus, an welchem wir dahinsiechen, zuzuschreiben. Daß die neuhebräische Literatur so viel geschadet hat, war kein Zufall, sondern wohl begründet und von den obwaltenden Verhältnissen bedingt. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach, sind folgende Ursachen daran schuld: die Autodidarie unserer neuhebräischen Literaten, ihre unbändige Reformsucht, die nicht selten in Zerstörungswuth überging, und schließlich ihre falsche Anschauung hinsichtlich der Bedeutung und der Aufgabe der hebräischen Sprache im Dienste der modernen Cultur. Ich will dies motiviren. n« psaw ^n; das ist ein großes und wahres Wort. Der persönliche Umgang mit bedeutenden Männern der 48*

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