Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1878)
- Date
- 1878-11-26
- Page
- Seite 754 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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754 den Allgemeinsinn, der hier seinen ersten Ausdruck und seine erste Bethätigung fand. Eine weitere nicht zu unterschätzende Frucht war es, daß nach einigen Jahren nach ihrem Beispiel und Vorbilde nicht blos in Deutschland (die isr. Annalen von Jost, der Orient von Fürst), sondern auch in anderen Ländern Zeitschriften mit gleicher Tendenz entstanden; so drei Jahre später die Archive* Israelites de France, deren Redacteur S. Cahen bis dahin Mitarbeiter der A. Z. d. I. gewesen, so das Jewish Chronicle in London —- bald breitete stch die jüdische Presse in ihren Verzweigungen über Occident und Orient, über die neue wie über die alte Welt aus. Unter den großen Erschütterungen, welche seitdem die politische Welt erfuhr, kam es, wie 1848, daß fast alle jüdischen Blätter zu erscheinen aufhörten: die A. Z. d. I. behauptete ununterbrochen ihre Stellung und diente so immer wieder zum Stamme neuer Schößlinge. — Was zunächst auf diesem Verbindungswege durch die Schilderungen der Zustände und Verhältnisse in allen Ländern, durch die Berichte über die Vorgänge des Tages, durch die Bekämpfung der Hindernisse, welche der Besserung in politischer und Culturbeziehung im Wege standen, durch die Abwehr jedes Angriffes u. s. w. erwirkt werden sollte, war, daß das geweckte Interesse zum Gemeinsinn und dieser zu thatkräftiger Vereinigung führen sollte. Hierzu dienten auch außergewöhnliche Vorkommnisse, wie namentlich die Blutbeschuldigungen in T amascus (1840), welche selbst in Europa vielfach Glauben fanden. Dies fachte die allgemeine Theilnahme in starkem Maße an, und seitdem fand kein Fall von Unterdrückung und Mißhandlung irgend eines Theiles des jüdischen Stammes statt, ohne daß von Seiten der europäischen und amerikanischen Juden die möglichsten Schritte geschahen, um Gerechtigkeit und Freiheit zu erlangen. Besonders war es der Orient, auf welchen die A. Z. d. I. seit 1840 die Aufmerksamkeit richtete. Zunächst die Errichtung eines jüdischen Hospitals in Jerusalem, der Einsetzung des anglikanischen Bisthums und den Missionsanstalten gegenüber, später (1854) die Erziehung der jüdischorientalischen Jugend, sei es durch Heranbildung von Jünglingen in Europa, sei es durch Herstellung von Schulen im Oriente, welche die A. Z. d. I. betrieb, bis jene von Rothschilds und Montesiore, diese von der später gegründeten Alliance Israelite universelle übernommen wurde. Wer den Stand der Dinge vor und nach den dreißiger Jahren, wer namentlich das Damals mit dem Jetzt vergleicht, wird eingestehen, daß die beabsichtigte Wirkung vollständig erreicht worden. Denn es versteht sich, daß dieser Gemeinsinn sich nicht blos in den gedachten großartigen Zügen, sondern auch in gemeinsamen Schritten bei wichtigen Vorkommnissen, wie zum ersten Male 1842 bei den von Friedrich Wilhelm IV. beabsichtigten Veränderungen in der Stellung der Juden, und in vielfachen Vereinen und Instituten bethätigte, welche von den Grenzen des Weichbildes absehen und irgend ein gemeinsames Interesse vertreten, einen gemeinsamen Zweck verfolgen. — Diesen Geist der Vereinigung auch auf anderen Gebieten; zu wecken, war unausgesetzt das Ziel, das ich verfolgte. Zu diesem Zwecke sollten (1844': Rabbinerversammlungen in's Leben treten, durch welche möglichst die innere, die religiöse Entwicklung auf eine gemeinsame Bahn geleitet und mit vereinten Kräften befördert werden sollte. Sie kamen wiederholt, auch nach längeren Pausen wieder, zu Stande. Aber von vornherein trennten und widersetzten sich die Orthodoxen stärkerer und schwächerer Färbung, und dieser Entschiedenheit gegenüber fehlte einer großen Zahl von Rabbinern der Muth. Andererseits wurde in den zu den Versammlungen Erschienenen von gewisser Seite her durch kleinliche Eifersüchtelei ein einträchtiges Zusammengehen verhindert, und was die Hauptsache war, statt zunächst die allgemeinen Fragen und Aufgaben in's Auge zu fassen, versenkte man sich alsbald in Erörterung von - Detailreformen, während die Gemeinden der Natur ihrer Beschaffenheit gemäß noch lange nicht geneigt waren, dem Reformwerke auch nur in gottesdienstlicher Beziehung sich entschlossen hinzugeben und der rabbinischen Autorität hierbei zu folgen. Demungeachtet erwirkten die Rabbiner-Versammlungen das Bewußtsein der Solidarität auch auf dem Gebiete des Cultus und steckten den Gemeinden die Ziele fest, auf welche sie in dieser Richtung zu steuern hätten. — Eine gleiche Verbindung auch sür die Literatur zu bewerkstelligen, wurde das „Institut zur Förderung der Israelitischen Literatur (1854) gegründet. Es sollte für die jüdische Literatur ein weitverbreitetes Publicum gesammelt und durch diese umfassendere Theilnahme das Erscheinen vieler und größerer Schriftwerke ermöglicht werden. Beides gelang in einem ansehnlichen Maße (bis auf 3500 Abonnenten) und erhielt sich durch 18 Jahre hindurch. Der Gedanke, der die Leitung beseelte, war der, in der gebildeten Masse das Interesse für die Erzeugnisse der jüdischen Literatur zu wecken und zu stärken, dadurch die Theilnahme an der Entfaltung des jüdischen Geistes auszubreiten, die Kenntnißnahme unsrer Geschichte und des jüdischen Lebens zu verbreiten, die Liebe und Anhänglichkeit für die Religion und die Geschicke des jüdischen Stammes anzufeuern und hierdurch überhaupt das intellectuelle, religiöse und sittliche Wesen zu heben. Zu diesem Zwecke durften allerdings die streng gelehrten Fachwerke, welche in den Händen des größeren Publtcums doch nur ungelesen, also unwirksam blieben, weniger Raum einnehmen und sollten vielmehr durch Subventionen gefördert werden. Dieser Kreis sollte erst nach und nach mit der wachsenden Intelligenz des Publicums mehr ausgedehnt werden. Dagegen kam es besonders darauf an, an Inhalt und Form bedeutende, dem allgemeinen Verständniß zugängliche, belebend und begeisternd einwirkende Schriften vorzugsweise zu liefern, welches Gebiet, welche Disciplin des Judenthums sie auch verfolgen. Auch dieses Institut fand einen