Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 116 (27.9.1838)
- Date
- 1838-09-27
- Page
- Seite 468 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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468 Anspruch. Vergangnen Freitag Abends, als bei Vorfeier des Sabbats, so wie am Sonnabend selbst, waren sie die den israelitischen Cultus Ausübenden. In dieser Liturgie hat der Vorsänger - wenn ich seinen Namen richtig schreibe — Hr. Käst an Weintraub, ein Tenor, die Hauptstimme, die andern drei Sänger, Diskant, zweiter Tenor und Bariton, begleiten ihn, größrentheils nur in kurzen Sähen oder beim Einfällen in den Grundton. Zuweilen aber, vorzüglich bei den Lobgesangen, wird ein vollständiger vierstimmiger Gesang gehört. Der Vorsänger selbst besitzt einen sehr schönen Tenor, von bedeutender Höhe, die er bei Cadenzen in ein wohlklingendes Falser fortseht; der Dis-- kant des Knaben ist hell und rein, der Bariton von angenehmem Fagotten. Alle bilden zusammen ein sehr reineö harmonisches Vokalquartctt. — Der Vorsänger hat eine seltene Fertigkeit und hohen Ausdruck im rezitativischen Gesänge. Seine Artikulation ist ausgebildet und deutlich; der Ausdruck dem religiösen Aspekt angemeffen und ergreifend. Er schmiegt sich genau den Worten, dem Sinne, dem Charakter und den Empfindungen der poetischen Liturgie an, seren die Gefühle sanft elegisch oder anbetend und erhaben. Der musikalische Ausdruck des rezitativischen Gesanges, oder wenn man eS so bezeichnen wich die Komposition, ist im jüdischen Cultus dem Sänger überlassen,^ auch gründet er sich auf einen traditionellen Typus, den der Sänger allerdings vorzugsweise festhalten muss. Hr. Weintraube befolgt dieses, doch ist in seinen Compositionen, namentlich der vierstimmigen Gesänge, die Kenntniß und Anwendung der Kirchenmusik anderer Confcssionen sichtbar, wie es auch nicht anders sein kann; denn jede Kirchenmusik hat einen generellen Charakter, und die althebräische Kirchenmusik läßt sich nicht wieder Herstellen, da sie verloren gegangen und sich nur in einer sehr getrübten weit ab von der Quelle entlegnen Tradition wie in einem schwachen Schimmerlicht erhalten hat. Es käme also darauf an, sich ganz in den Geist der hebräischen Poesie zu versenken, und hienach eine musikalische Gestaltung zu erwecken, was allerdings von der höchsten Schwierigkeit ist; indeß, um nur ein Beispiel anzuführen, von den Opernkomponisten Mehül im Joseph von Aegypten und von Halevy, in der Jüdin, zu ihrem Zweck, mir Glück versucht ist. Hr. Wcintraub, mit großem Talent ausgerüstet, müßte diesen dunkeln Spuren folgen, und es sich zur Aufgabe setzen, den versunknen Cultus zu erwecken und zu beleben. Er hat bereits große Schritte getdan, und die höhere Vollkommenheit wird nicht ausbleiben. Als Hörer und Würdiger seines Gesanges muß man sich allerdings in einen alterthümlichen Cultus und in den orientalischen Geist versetzen können. In so fern können die nach unfern Begriffen ausschweifenden und bizarren Cadcnzen zwar befremden, sie sind indeß im orientalischen Charakter begründet, gewiß vorhanden gewesen, und ich meinerseits möchte sie bei ekstatischen Stellen ntcht vermissen. In wiefern die Kirchenmusik in die weltliche, oder sogenannte profane übergehen könne, muß aus dem Charakter der Liturgie hervorgehen, denn in uralter Musik war gottesdienstliche und Profanmusik gewiß nicht so getrennt, wie bei uns, und in sofern hier da» alterthümliche stets das Vorherrschende bleiben wird, muß ihm auch der Uebergang in die sinnliche Freude frei stehen, nur wäre zu vermeiden, daß die Anklänge nicht ganz modern wären, und etwa an die neuen Gesangsweisen erinnerten. Doch ist hier schwer die Grenzlinie zu bestimmen. Denn jede Liturgie, wenn sie nicht feststehend gemacht wird, nimmt alle Zeitformen in sich auf, wie wir eS z. B. beim katholischen KulruS erfahren, wo auf keine zu tadelnde Weise Haydn, Mozart, Beethoven, Cherubini, die Zeitformen und jede musikalische Erweiterung in ihre Messen üusnahmen. — Der rczitarivische Vortrag des Hrn. Weintraub ist von allen ausübenden Sängern wohl zu beachten. Er besitzt darin eine Fertigkeit, einen Ausdruck, und eine Bcherrschung der Wendungen, wie ich es noch nicht gehört habe. U'uch ist dies Verdienst von den gewichtigsten auswärtigen Kennern anerkannt worden. Ich schweige, als Nebensache, von seinen Ca)enzen im Fallset, die man nicht reiner, bestimmter, und kunstvltter in den Staccatopaffagen und Ketten trillern hören kann. Ich halte mich nur wesentlich an seinen apfektvollen rezitativischen Vortrag, der aus einer Fülle von religiöser Empfindung entspringt^ rnd also jedes unbefangene, wievielmehr höher gestimmte Gemüth ergreifen muß. — Zu bedauern ist nur, daß bei dieser, am Sebbat fast dreistündigen Ausführung, die Kraft des Sängers nothwendig ermüden muß, obgleich er sie bis ans Ende aufrecht erhält. ES ist bestimmt vorauSzusehen, daß die Stimme auf diese Weise sich in Kurzem abnutzen muß. Hr. Weintraub müßte also in seiner Composilion und Vortragsweise seine volle Kraft auf Hauptpunkte der Liturgie konzentriren, und die minder wichtigen in einen den Gesang erleichternden Schatten.zu stellen wissen. Die in Vorschlag gebrachte Anstellung dieses Sängers mit seinem Chor an hiesiger Synagoge wäre allerdings höchst wünschenswerth. Der Gottesdienst würde in seiner altehrwürdigen Gestalt hervortreten. Jeder musikalische Ritus, er sei von welcher Art er wolle, auch selbst der unvollkommne wird stets der Erbauung genügen, allein nur eine wahrhaft künstlerische Ausführung kann dem feinen Gefühl zusagcn und dem Höhergebildeten den religiösen Kultus annehmlich machen. Auch der niedere Stand ist für die höhern Eindrücke der Kunst nicht so unempfindlich, als man gewöhnlich glaubt. Wozu wären die Künste da, wenn sie das Gemüth nicht erhöben und veredelten. Unsre Zeit zeichnet sich darin aus, daß sie das religiöse Element in dem Menschen lebendig erwecken will. Von allen Seiten erfolgen Anregungen. Wollte Gott, es geschähe nur auf die rechte Art." Ferd. Raabe. Verhandlungen der Provinzialstände für Nord-Zütland. (Aus dem Dänischen der Ständezeitung.) (Schluß.) Proponent äußerte, daß die Meinung, der Mosait betrachte Dänemark nicht als sein Vaterland, offenbar sowol gegen dieAeußerungen der Petitionaire, als gegen die Worte des genannten Lehrbuchs streite, wo es S. 39 heißt: „Das Land, in welchem ich lebe, und in welchem ich Nahrung, Schutz und Sicherheit finde, nenne ich mein Vaterland, welchem ich alle Bürgerpflichten schuldig bin;" und auf die Weise prägt man keinesweges dem Mosaiken Lehren ein, welche ihn dazu verleiten könnten, einen Staat im Staate zu bilden, er wird vielmehr durch die äußeren Verhältnisse dazu gezwungen. Der Präsident (Professor Schow) äußerte, daß wenn man Gelegenheit gehabt habe, den Zustand der Juden in Rom zu sehen, wo Schlechtigkeit, Kriecherei und Gewinnsucht die vorherrschenden Züge bei dieser Klasse von Menschen sind, welchen beinahe alle Bürgerrechte versagt werden, denen keine andere Handthiecung als Schacher und Pfänderleihen erlaubt ist, und welche jeden Abend in das für sie bestimmte Stadtquartker eingeschlossen werden, — und man vergleicht hiermit den Zustand ihrer Glaubensgenossen in Kopenhagen, wo der größte Theil an Lebensweise, Sitten und Betragen sich von den christlichen Mitbürgern nicht unterscheidet, wo man unter ihnen nicht allein fleißige Handwerker, betriebsame Fabrikanten, vorzügliche Sachwalter und Aerzte, Gelehrte und Künstler findet, — so sieht man hier-