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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-11-19 · Heft 47 (19.11.1878) · p. Seite 748

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 47 (19.11.1878)
Date
1878-11-19
Page
Seite 748 (sequence 12)
Language
German
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748 Nachdem wir am fünften Tage — es war Freitag — bis Mittag unaufhaltsam gefahren waren, sagte ich zu meinem Begleiter: „Morgen haben wir Samstag, und ich bin Jude. Wie Sie sehen, find die Pferde ganz abgemagert und erschöpft. Es wäre wohl Recht, wenn wir uns Allen einen Tag der Ruhe und Rast gönnten." „Sind wir noch fern von einer Stadt?" fragte Jener mich. „Ich bin in dieser Gegend nie gereist, und daher ganz fremd," entgegnete ich, „ich will in der nächsten Schenke nachftagen." „Frage, Abraham, ob in der nächsten Stadt ein gutes Einkehrhaus und ein Telegraphenbüreau sei," bat mich der Mann. Wir erfuhren bald, daß wir noch 1ö Werst zu einer Kreisstadt haben, wo es mehrere Wirthsäuser, aber kein Telegraphenamt giebt. „Nun gut," sagte er, „fahre nur zu, wir wollen Deinen Schabbes rasten, uns gütlich thun. Ich habe schon viele, viele Monate auf keinem rechten Bette meine müden Glieder gestreckt; ich bin ganz zerschlagen und von den vielfachen Strapazen todtmüde." Um 4 Uhr Nachmittags kehrten wir in einem schönen, sauberen Wirthshaus ein. Alsbald nahm mein Reisender von einem geräumigen, reinlich gehaltenen Zimmer Besitz, in welchem er mit meiner Hülse eine totale Reinigung seines schönen, ebenmäßigen, aber mit Schmutz bedeckten Körpers vornahm, und frische Wäsche und Kleider anlegte. Wie war er verwandelt, der Mann mit dem edlen Antlitz, mit den feurig blitzenden Augen! — Kaum hatte er einen flüchtigen Blick in den ihm gegenüberhängenden Spiegel geworfen, als er mir um den Hals fiel, mich küßte und seinen Freund, seinen Bruder nannte. „Jetzt, Abraham," sprach er wohlgemuth, „reiche nur eine Flasche dieses Göttertrankes her, wir wollen guter Dinge sein, und aus unsere beiderseitige Gesundheit trinken; komm', setze Dich her, wir wollen miteinander ein Stündlein verplaudern." Er nahm dabei aus einem Seffel Platz, streckte fich gemächlich hin, und hieß mich einschenken. Wir tranken aus beiderseitige Gesundheit, und nachdem er ein Paar Gläschen getrunken, begann er, mich nach meinen häuslichen Verhältnissen auszusragen. Ich nahm keinen Anstand, ihm Alles haarklein zu berichten, erzählte ihm unter Andern, wie es mir in den letzten Tagen ergangen war; meine Verzweiflung, meinen Entschluß, Hand an mir zu legen, und wie er mir als Nettungsengel vom Himmel urplötzlich erschien mW mich von aller Roth und Pein erlöste. — Mein Mann machte anfangs große Augen, stand dann jählings aus und machte einige hastige Gänge durch das geräumige Zimmer. Seine Brust schien fich zu heben, seine Wangen rötheten fich; er schien in seinem Innersten tief erschüttert. Endlich, als ob seiner Regungen nicht mehr mächtig, trat er an's Fenster, warf einen andachtsvollen Blick gen Himmel und stieß die Worte aus: „O, Himmel, o. ziger, du rettetest nicht nur mich selbst, sondern machtest mich zum willenlosen Werkzeug der Rettung dieses braven Familienvaters, o, unerforschlich sind deine Rathschlüfie, unendlich deine Barmherzigkeit!" Ich lauschte erstaunt diesen Ausbrüchen eines tief religiösen Gemüths, dem innigen Erguß einer frommen Seele. Ich hatte wohl geahnt, daß dieser Mann nicht das war, wofür er fich selbst ausgegeben hatte und wofür ich ihn Anfangs gehalten, aber daß mit diesem Manne etwas Außerordentliches, Ungewöhnliches vorgegangen sein müfie — das sah-ich jetzt klar ein; aber wie sehr meine Neugierde angesacht wurde durch diese Worte, die ein unwillkürlicher Ausbruch eines gegen Gott dankerfüllten Herzens waren, ich ließ mir's nicht merken, sondern wartete bescheiden ab, bis es ihm selbst gefallen würde, den Schleier von seinem Geheimnifie zu lüften. — Eine Pause trat ein, die mir fast peinlich zu werden ansing. Endlich aber unterbrach er sie, indem er fich zu mir mit den Worten wendete: „Ja, mein lieber Abraham, man sagt im gewöhnlichen Leben: es geschehen keine Wunder mehr. Die Thoren! Hier hat sich die wunderbare Hand Gottes sichtbarlich erwiesen, und wer sie hier nicht sehen wollte, der ist mit Blindheit geschlagen, wer sie nicht bewundern und anbeten wollte, der ist ein elender Wicht, nicht Werth, daß er athme! Wir beiden, wollen Ihn, den Allvater, in Temuth anbeten für diese zweifache Rettung! Ja, das war eine gegenseitige Rettung: Du mich, ich Dich, wir beiden unfreiwillige Werkzeuge in Gottes Hand. Damit aber Deine Rettung eine vollständige sei," fuhr er nach einer Weile Schweigens und Nachfinnens fort, „nimm hier Ties, kaufe Dir und den Deinigen ein eigenes Häuschen, damit Tu fürder einen eigenen Herd besitzest, eine eigene Scholle Erde Dein müdes Haupt niederzulegen," und hierbei reichte er mir dreihundert Rubel hin. Ich wich erschrocken zurück, „mein Herr, mein lieber, edler Herr," rief ich aus, „haben Sie mich nicht schon mehr als hinreichend belohnt? was habe ich denn so Außerordentliches für Sie gethan? nichts, als wozu ich mich verpflichtet hatte." Er ließ mich aber nicht ganz ausreden, sondern umarmte mich und bat mich mit Thränen in den Augen, das Geld anzunehmen. „Thue mir den Gefallen," sprach er, erzeige mir die Wohlthat und nimm das Wenige, das ich Dir so gern gebe, womit soll ich meinem dankerfüllten Herzen Lust machen? kann ich's bester, als daß ich Dich edlen, rechtlichen Menschen glücklich, froh sehe? Ich bin ein sehr reicher Mann und Du bist arm," und er schritt zum Kopfkissen hin, langte ein Packet hervor und zeigte es mir, „o, sieh," sprach er, „ich besitze des Zeuges genug, das werdest Du wohl schon bemerkt haben" — und damit nöthigte er mir das Geld aus. Ich stand sprachlos da, mir war die Zunge wie gelähmt. — Was konnte ich thun, was sagen? — Endlich sagte der Mann: „Lieber Abraham," ich will versuchen, ob ich ein Stündchen Siesta halten kann, geh' also, und siehe, " fügte er hinzu, „Niemand, barmherziger Vater, und ich Elender konnte noch an deiner unendlichen Güte zweifeln! Ich wollte mir den Kops an den felsigen Mauern meines Kerkers zerschellen! 'Du, o Barmher-; daß mich Niemand störe, hörst Du,

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