Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1878)
- Date
- 1878-11-19
- Page
- Seite 749 (sequence 13)
- Language
- German
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749 denn Dir zu Liebe bin ich hier eingekehrt." — Er schloß die Thüre, und ich bat den Hausdiener, Wache zu halten, damit der Herr von Niemand gestört werde, und begab mich in's Badehaus. Gegen Abend ging ich in die Synagoge; nie war inein Gebet andächtiger gewesen. Welch eine Woche ist das gewesen? sagte ich mir. Ich schüttete mein ganzes dankerfülltes Gemüth im Gotteshause aus, kam dann getrösteten Muthes nach meinem Quartier, nahm am Tische des Wirthes Platz, der mit seiner Familie festlich gekleidet in feierlicher Stille dasaß. Wir aßen und tranken und priesen den Herrn nach alter, guter, jüdischer Sitte . . . Des Tages darauf ließ mich mein Reisegefährte erst um zehn Uhr des Morgens rufen; er lag noch im Bette und begrüßte mich mit dem Rufe: „Ach, mein lieber Abraham, Euer Schabbes hat doch eine wahre Zauberkraft; welch ein herrliches Geschenk hat Euch doch Euer großer Gesetzgeber Moses mit demselben gemacht! Wie dankbar bin ich Dir, daß Du ein so frommer Jude bist und den Samstag heiligst durch Ruhe und Erholung. Ich habe königlich geschlafen und in Abraham's Schooß könnte ich nicht bester ausruhen; ich bin ein ganz neugeschaffener Mensch." Während der Nacht hatte das Wetter umgeschlagen; draußen blies ein schneidender Nordwind, der die dichte Wolkenhülle vom Himmel wegrollte und sie gegen Süden scheuchte. Die Luft war rein, ein heiterer Himmel, wie er wochenlang nicht zu sehen war, lächelte auf die Erde hernieder. Der Uebergang vom Herbste zum Winter ließ sich durch eine empfindliche Kälte anmelden. Wir saßen behaglich Nachmittags im hellen, geräumigen Zimmer. Mein Reisender war anfangs heiter und gesprächig, bald jedoch wurde er schweigsamer und es schien, als ob plötzlich eine Verstimmung fich seiner bemächtigt hatte, von der er sich selbst keine Rechnung zu geben wußte. Er saß gesenkten Hauptes und es schien, als ob er niit den Augen auf dem Boden des gefüllten Weinglases Dir für mein Leben gefahrbringend ist. Darum höre mir aufmerksam zu: „Ich bin der jüngste Sproß eines alten Grafengeschlechrs aus Polen. Der Name meiner Familie hat dort einen guten Klang, denn er ist mit dessen Geschichte eng verwebt. Ich bin der jüngere von zweien Brüdern. Im Jahre 1840 war ich kaum achtzehn Jahre alt, als sich in Posen, Galizien und Polen eine weitverzweigte Verschwörung bildete, deren geheime Fäden bis nach Paris, London, Dresden u. s. w. ausliefen. Es waren die alten chimärischen Illusionen von nationaler Befreiung und Unabhängigkeit der ganzen polnischen Nationalität, soweit die polnische Zunge gesprochen wird. Bevor aber diese Verschwörung noch zum Ausbruche kam, wurde sie in Polen, wo die Polizei wahrscheinlich wachsamer war, entdeckt und natürlich vereitelt. — Eine kurze Schilderhebung in Posen, an deren Spitze Miroslawski stand, endete, wie vorauszusehen war, kläglich und stellte dessen Unfähigkeit und die ganze Bodenlosigkeit des wahnwitzigen Unternehmens an's hellste Tageslicht. Strenge Untersuchungen über die Theilnehmer an den politischen Umtrieben und Wirren ließen bald ihre Urheber entdecken, und da man in den Listen der Verschworenen auch den Namen meiner Familie fand und mein älterer Bruder kurz zuvor die Flucht ergriffen hatte, zog man mich gefänglich ein. Da aber keine Thatsachen Vorlagen, auf die man meine Anklage und Verurtheilung begründen konnte, indem ich wirklich keine Ahnung von dem geplanten Aufstande hatte — man hatte eben meiner Jugend nicht zugemuthet, ein so wichtiges Geheimniß bewahren zu können — wurde ich vorläufig unschädlich gemacht; ich mußte mit Anderen meines Gleichen in's Exil wandern. Ich wurde in eines der östlich von der Wolga gelegenen Gouvernements verwiesen. — Unser Güter-Compler wurde nicht confiscirt, da er das Eigenthum der Mutter war, die, wie es sich bei der strengsten Untersuchung herausstellte, von allen den Umtrieben keine Kenntniß Etwas suche. Endlich erhob er das Haupt — ließ sein ernstes, j hatte. — — Jung und voll Lebenskraft, wie ich damals war, forschendes Auge auf mir lange ruhen und brach dann das! ließ ich mir, an meinem Verbannungsorte angelangt, kein Schweigen, das für mich peinlich zu werden anfing. — „Es' graues Haar wachsen. Meine Bildung, meine Kenntniß der ist wohl Zeit", begann er, „daß ich Dir, lieber Abraham, den! französischen Sprache, mein lebhaftes, einnehmendes Wesen größten Beweis meines Zutrauens gebe. Du hast Dir's zwar! verschafften mir bald den Zutritt zu den hohen Cirkeln der bis jetzt nicht merken laffen, aber ich finde doch Deine Neugierde ganz natürlich und darum verzeihlich. — Ich sehe es Deinen treuherzigen Äugen an. Du bist kein Verräther und ich kann getrost Dir mein Geheimniß anvertrauen, ohne zu i freundschaft in ihrem ganzen befürchten, daß Du je einen Mißbrauch davon machst. — Da-! Aufenthalte hatte ich mir so baute-vo16 der Gouvernementsstadt. Besonders war es mem gut geschultes Clavierspiel, das mir alle Thüren öffnete. Ich war überall ein beliebter Gast und genoß die russische Gast- Umfange. Nach zweijährigem weit die russische Sprache anmit Du weißt, was Du in der Hand der göttlichen Schickung, geeignet, daß ich im Stande war, darin mich schriftlich und die unser Schicksal so wunderbar an unsichtbaren Fäden lenkt, mündlich auszudrücken. Unter den angesehenen, vornehmen geworden bist, mußt Du mich und meinen Lebenslauf kennen. Gutsbesitzern der nächsten Umgegend machte ich die Bekannt- Jch will mich kurz fasten. Du siehst, ich fordere von Dir, schaft eines alten Generals, der einst mit seiner Division eine kein Versprechen, verschwiegen zu sein wie das Grab, Du wirst geraume Zeit in Warschau gestanden hatte. Jetzt lebte er es selbst hernach einsehen, daß jedes unvorsichtige Wort von lauf seinen Gütern in der Nähe der Stadt. Er war Wittwer,