Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1878)
- Date
- 1878-11-19
- Page
- Seite 747 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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747 einigen Monaten erschienene „Israelitische Religionslehre für i die oberen Klassen der Mittelschulen und Gymnasien von Dr. Ludwig Philipp son (Wien, Holder 1878)" wird von! einem bewährten Autor ins Englische übersetzt. — In einigen j Tagen erscheint im Verlage von I. H. Meyer in Braunschweig „die Handelsgeschichte des Alterthums von I-r. L. Herzfeld." Wir erwarten in diesem Werke eine vorzügliche gelehrte Leistung, wozu uns nicht allein die tresslichen Werke des Autors überhaupt, sondern noch besonders seine, vom „Institute zur Förderung der Israel. Literatur" herausgegebenen metrologischen Untersuchungen" berechtigen. — Wir wollen hier auf einen ausführlichen Artikel über die „bleueste Shaksspeare- Literatur" von(Ur.) David As her in Nr. 44 der „Blätter für literarische Unterhaltung" aufmerksam machen. Der Vers, bricht in dieser kritischen Arbeit auch eine Lanze gegen den i „Kaufmann von Venedig", und werden seine Auslassungen ge- I wiß nicht ohne Wirkung bleiben. — Tie „Berliner Börsen-! Zeitung" enthält ein aussührliches Feuilleton „Rabbi Salomo : Halewi, später Erzbischof von Brugos," von vr. I. Morgenstern, i Es ist dies aber nur ein meist wörtlicher Auszug aus Grätz B. VIII, S. 84 ff. — ohne die Duelle anzugeben. — K e u i l Eine gegenseitige Rettung. Einer wahren Begebenheit nacherzählt, von Leon Mendclsdnrg in Korctz (Bolhymen). (Fortsetzung von Nr. 45.) Als ich jedoch die Augen aufschlug und sie auf dem Manne haften ließ, fand ich ihn fast verwandelt vor mir stehen. Er nahm eine so imponirende Haltung an, die Augen, die sonst so herzgewinnend und wohlwollend blickten, flammten von innerm Zorn, er schleuderte einen Blitz des Zornes und, wie mir schien, auch der Verachtung auf meine ganze Figur. — Ich schämte mich innerlich meines unwürdigen Argwohns, wies jeden Verdacht von mir, versprach mit den gewünschten Sachen bald zurück zu sein, und ging. Ich war jedoch kaum dreißig Schritte gegangen, als er mich zurückrief. Er blickte mich treuherzig an und fragte nach meinem Namen. „Abraham", sagte ich. „Abraham", sagte er, „ich sehe ja. Du hast keine warmen Stiefel an. Dich mußte es diese Nacht, bei dieser naffen Kälte, tüchtig gesroren haben, da Tu die schlecht beschuhten Füße dem schlechten Wetter blosstellen mußtest. Hier hast Du noch fünfzig Rubel, kaufe Dir ein Paar warme Stiefel, eine warme Mütze und was Du sonst nöthig hast, mir dagegen kause gute, frische Schinken, Bratwürste, Seife und ein Handtuch und", fügte er hinzu nach einem Weilchen Nachsinnens, „vergiß ja nicht. Dir bei den Juden eine gute, gebratene Gans zu kaufen. Wir wollen heute ein königliches Mahl halten." — Ganz beschämt nahm ich das dargebotene Geld und machte Kehrtum. Nach einer Stunde kam ich mit den Sachen beladen wieder, reichte ihm ein Zettelchen, worauf alle Einkäufe haarklein ausgezeichnet waren, und den Rest des Geldes hin. „Das ist für Dich, für Deine Mühe", sagte er, „stecke es ein. Du ehrliche Haut." Ich ergriff die Hand des Mannes, vom Dankgefühl und der innern Reue über meinen Argwohn überwältigt. Es war eine zarte, feine, Weiche Hand, f c t o «. trotz des singerdicken Schmutzes, der darauf gelagert war. Der Mann ließ es nicht zu, daß ich diese Hand küßte, sondern umarmte mich, drückte mich fest an sein Herz und sagte: „Genug, mein Freund, mein Retter, genug des Dankes; wenn Du wüßtest, wie viel deffelben ich Dir schuldig bin . . Doch, wir wollen nicht zögern, weiter zu reisen, vorwärts also!" Wir bestiegen das Gefährte und reisten weiter. — Ich dachte bei mir, wo ist jetzt der gähnende Spalt, die unübersteigliche Kluft zwischen Jude und Christa Hier in Gottes reiner Natur, in der weiten Steppe, bei gleicher Lebenslage hört jeder von Menschen geschaffene Unterschied völlig auf, hier herrscht das rein Menschliche und wie wonnig ist dies Bewußtsein; eine Thräne rollte über meine Wange, eine Thräne des innigsten Dankes gegen meinen Schöpfer, deffen schönes Werk die Menschen aus Eigendünkel so verhunzt haben. — Um zwei Uhr hatte der Regen aufgehört, obwohl der Himmel, der sich über der unendlichen Haide wölbte, noch mit einer dichten Wolkenschicht umschleiert war; ringsum dehnte sich im ewigen Einerlei die endlose Steppe Kleinrußlands, von keinem Baume, keiner Staude unterbrochen. In der Ferne schlängelte sich das Silberband eines Nebenflußes des Dnieprs. Mein Reisegenoffe meinte, daß es wohl Zeit wäre, den ungestümer?-Mahner, Magen geheißen, zu befriedigen; hieß mich daher in der Nähe des Fluffes Halt machen. „Ich habe schon lange nicht etwas Warmes genoffen. Wir wollen uns hier gütlich thun", meinte er, sprang vom Wagen, ergriff die Theemaschine, füllte sie mit Waffer, sachte Kohlen an, holte alle Eßwaaren herbei und nun hielten wir Tafel, während die Pferde sich den Hafer schmecken ließen. — Bald siedete und brodelte die Theemaschine. Das duftende Aroma und der feine Geschmack des chinesischen Gewächses war ein wahres Gaudium für unsere Nasen und Zungen. Dann tranken wir einige Gläser Rothwein, der unsere erstarrten Glieder aufthauen ließ. — Es war ein königliches Mahl. Dann ging's weiter, so einige Tage lang. — 47*