Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1878)
- Date
- 1878-11-19
- Page
- Seite 741 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeit völlig gescheitert ist. Der Verfasser beobachtet eine rühmliche Unparteilichkeit, wenn er auch sichtlich der orthodoxen Seite sich zuneigt. Bringt er doch auch die Phrase heran, daß Hirsch und Genosien erwiesen hätten, wie sich Bildung und Orthodoxie vereinigen lassen. Dies hat nun lange vor Hirsch, soweit es Individuen, namentlich gutsituirte, betrifft. Niemand bezweifelt. Aber so steht auch die Frage nicht, sondern ob Judenthum und Judenheit bei stabiler Festhaltung des Schulchan Aruch und der Minhagim in das Culturleben eintreten und sich sowohl mit dem Geiste wahrer Bildung und Wiffenschaft, als mit den Forderungen des socialen und bürgerlichen Lebens vereinbaren konnten? Dies ist es, was zu verneinen ist, und wenn hyperorthodoxe Männer sich, abseitens ihres religiösen Lebens die Errungniffe der Cultur und des reformbelebten Judenthums aneignen, sich Kenntnisse erwerben und richtig deutsch schreiben, so hat dies mit den Conflicten des altstabilen Judenthums und der Cultur gar nichts zu schaffen. Der Verfaffer scheint trotz seines Strebens nach Unparteilichkeit immer noch zu Denen zu gehören, welche die Umgestaltung des Judenthums nach innen und außen wie eine Art Vergehen ansehen, dem nur wegen seiner Allgemeinheit und weil die Herren selbst doch mehr oder weniger daran Theil haben, der Platz einzuräumen sei. Es ist daher nicht zu verwundern, daß der Verfaffer auch nicht zu einer lieferen Auffaffung der Aufgaben und Leistungen des Judenthums, in der neueren Zeit, wie sie sich seit einem Jahrhundert mit dem Eintreten in das allgemeine Culturleben herausstellten und bildeten, gelangen konnte, woraus wir jedoch demselben durchaus keinen Vorwurf machen, da diese Erkenntnis sich erst vorbereitet. Bemerken müssen wir jedoch, daß die Darstellung der letzten Jahrzehnte an einer gewissen Flüchrigkeit leidet, durch welche Irrungen nicht ausgeschlossen wurden. So z. B. giebt er an ^S. 4D!)), daß der „Orient" von Julius Fürst von 1810—1822 herausgegeben worden, während dies von 1840—1848, nicht in 13, sondern in '.) Jahrgängen der Fall war; 1810 war Fürst erst fünf Jahre alt. Auch ist es wohl eine falsche Vorstellung, die der Verfasser (S. 50* i) giebt, wenn er, nachdem er die ganze Menge der Zeitschriften aufgeführt hat, hinzufügt: „die weiteste Verbreitung erhielten die Bestrebungen dieser Zeitschriften aber erst durch die Allgemeine Zeitung des Judenthums." Das Nichtige ist bekanntlich, daß die A. Z. d. I. die erste regelmäßig erscheinende und die Gesammtintereffen des Judenthums vereinigende Zeitschrift war, so daß aus ihr erst die vielen nachfolgenden Blätter entstanden. Die Bestrebungen der letzteretr konnten daher nicht „erst" durch die A. Z. d. I. verbreitet werden. Reicht minder hätten die ^reiöniffe in den einzelnen Staaten bestimmter und thatsächlicher geschildert werden müssen, damit die jüngere Generation doch ein genaueres Bewußtsein von den Kämpfen und der , Entwicklung erhielte, welche zu dem großen Gegensätze führten, i der gerade für die Juden zwischen dem Ehemals und dem! Jetzt besteht. Gewiß wird der Verfaffer diese wohlgemeinten i Winke bei einer zweiten Auslage nicht unbeachtet lassen, die j wir seinem Werke recht bald wünschen. obeitima 6itcxc(atxc(ateii. Deutschland. j Bonn, 6. November. (Privatmitth.) Wir erhalten Nr. 11! und 12 des Breslauer Missionsblattes „Stimme der Wahr-! heit". Da wir jüngst in dieser Zeitung uns einige Male mit den Expectorationen der Missionsblätter beschäftigt haben, führen wir durchaus nicht im Sinne, noch weiter auf sie einzugehen. Es wohnt diesen „Stimmen der Wahrheit" zu wenig Wahrheitsliebe ein, als daß man irgend einen Erfolg bei ihnenj erwarten könnte. Deshalb nur einige wenige Bemerkungen! zu dem vorliegenden Heftchen. Es enthält einen Bericht über > „Das 69. Jahr der Londoner Mission." Wir entnehmen! daraus, daß diese Gesellschaft in dem angegebenen Jahre für 136 Missionäre 710,000 Mk. ausgegeben habe. Es heißt dann: „An der Spitze der lebenslänglichen Geber steht der deutsche Kaiser mit einem Beitrage von bisher 8000 Mk." Dies ist immerhin eine bemerkenswerthe Thatsache. Nach der Behauptung der Gesellschaft — der Glaube steht ja frei — hat sie für diese Summe 153 Juden getauft, worunter 94 in Abeffynien — wo bekanntlich die Standesämter sehr genau geführt werden. Immerhin die Zahlen als richtig angenommen, kostete der Gesellschaft jeder getaufte Jude durchschnittlich 5000 Mk.'. ll Da nun dieses Gesammtresultat für so ungeheure Geldopfer und für die „Arbeit" so vieler Missionäre, welche letztere doch so gut bezahlt werden, da auf jeden jährlich ca. 6000 M. kommen, höchst ungenügend erscheinen muß, ■ erzählt man zur Entschädigung aus jedem Lande ein Geschichtchen, entweder eine „Dame" oder einen alten Mann, oder ein Bürschchen betreffend, in dem bekannten süßlichen Tone. Sollte auch dies nicht verfangen, so hat man noch ein anderes großes Manöver in der Hand. Man schildert nämlich aus jedem Lande das ganze Judcnthum als in voHständigem Verfall begriffen, alle Juden als der Religion baar. Dabei kommen alle Parteien gleichmäßig schlecht fort. Freilich muß der Bericht zugestehen, bald von dem einen Lande, daß „jemehr in I einem Lande das moderne Judenthum sich ausbildet, desto j geringer ist die Ernte, ivelchc das Evangelium daselbst ge-