Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1878)
- Date
- 1878-11-19
- Page
- Seite 738 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227177-3227225--36701-3306769- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
738 zu Versetzen vermag, der weiß,, daß das Judenthum damals' schwächliche Anfänge in das letzte Viertel des vorigen Jahrsich im Verfalle befand; kaum, daß es sich eben in ihm wieder | Hunderts, deren eigentlicher Beginn in das erste Jahrzehent zu regen begann. Ich spreche selbstverständlich nur von den! unsres Jahrhunderts hineinreichen, die im Hamburger Tempel Juden Mittel- und Westeuropas. Das orthodoxe Judenthum und ein Jahrzehent später an den genannten beiden Orten athmete kaum und hatte nichts von der Rüstigkeit, die es in! regelmäßig wurde, und sich nun bald hier, bald dort zum den jüngsten Decennien wieder bethätigt hat. Alle seine An-1 Bedürfniß erhob, wenigstens an Festtagen. Auch für den stalten lagen darnieder. Seine Lehranstalten waren so gut! religiösen Unterricht, besonders für den katechetischen, wurde wie verschwunden; sein Rabbinerstand im Aussterben begriffen';!der erste Grund durch einige Lehrbücher, namentlich von in den Gemeinden stockte es gänzlich; in den Synagogen, die Johlson und Peter Beer gelegt, begnügte sich jedoch noch mit sich zu leeren begannen, war nicht der schwächste Odem des dürftigem Formale. Alles Dies schwamm noch auf der Ober- Geistes verspürbar; seine Literatur bestand fast nur in für den ] fläche und hatte das Herz der Maffe noch nicht berührt. In Bettel bestimmten Schriften, was durchaus diesen nicht allen «manchen Staaten, besonders in Preußen, trat ihm außerdem Werth abspricht; selbst seine Wohlthätigkeitsanstalten vegetirten | iie übelgesinnte Regierung, selbst mit Polizeimaßregeln, entmehr durch die Bemühung einzelner Personen, wo diese sich! gegen. Auch die wiffenschaftliche Bearbeitung des Judenthums vorfandcn, weil ihnen jede Organisation abging. Alles bestand hatte angefangen, sich zu regen. Die Zeitschrift nVt>T! 'TCS hauptsächlich nur dadurch, weil es feit uralter Zeit bestanden' von 1820—31 brachte werthvolle Abhandlungen. Als aber hatte. Diesem stabilen Judenthume stand eine wachsende eisige. Leopold Zunz 1822 die Zeitschrift für die Wiffenschaft des Religionslosigkeit gegenüber, welche die Mutter zahlreichen! Judenthums in Verbindung mit tüchtigen Kräften herausgab, Abfalles ward. Noch waren zahllose Juden durch Pietät und j fernste sie es nur zu einem Jahrgang in drei Heften, und Gewohnheit an ihre Religion und deren Bräuche geknüpft, | der für Erhaltung und Belebung des Judenthums gestiftete Aber bei dem damals in den christlichen Kirchen vorherrschenden! Verein gelangte zu keiner Wirksamkeit. Dagegen gab Jost Nationalismus und dem in der allgemeinen Literatur obwaltenden Deismus, dem sich die denkenden Juden leicht anschloffen, war vorauszufehen, daß diese Pietät und Gewohnheit nicht viele Generationen mehr überleben könnten. Die Mendelsvon 1820—28 seine Geschichte der Israeliten heraus, von 1827 an veröffentlichte Rappaport in der eben erwähnten hebräischen Zeitschrift seine trefflichen Biographien, und Zunz 1832 seine „Gottesdienstliche Vorträge", Werke, die grundsohn'sche Schule war längst verschwunden, und hatte gerade in j legend für die Wiffenschaft des Judenthums wurden. Auch ihrer deiftischen, populär-philosophirenden Richtung der speciellen j für die bürgerliche Gleichstellung in den deutschen Staaten Anhänglichkeit an das Judenthum weit mehr geschadet als genützt, > war soeben, namentlich durch Rießer in seinen Brochüren und wie viele ihrer unmittelbaren Jünger thatsächlich erwiesen. Die kurzlebige neuere Biuristenschule übte nur einen geringen Einfluß. Am nachhaltigsten wirkte der 1818 begründete Hamburger Tempel, besonders auch durch seine Filiale in der Zeitschrift „Der Jude" (1832—35), ein lebhaftes Interesse geweckt worden. Wir haben diese Skizze entworfen, weil es nur noch Wenige giebt, welche von den damaligen Zuständen aus eigener Leipzig während der Meffen, indem er zunächst das Leben Erfahrung eine Vorstellung besitzen und die Kenntniß derselben der gegenwärtigen Generation, selbst meist den jüngeren Gelehrten abgeht. Eine allgemeine Verödung, überall Stille und Vereinsamung, die auftauchenden Bestrebungen von nur geringem Erfolge in kleinen Kreisen begleitet — wenn auch unter der Oberfläche die Kräfte und Mittel, Befähigung und Neigung vorhanden waren und nur schlummerten. Unter solchen Verhältniffen betrat ein jüngeres Geschlecht zu lebhafter Thätigkeit j das Gebiet des Judenthums. Denn, wenn ich im Folgenden aus dem synagogalen Gebiete wieder weckte und dem Gedanken einer Reform eine gewiffe Gestalt gab, auch das stabile Judenthum zu einigen gegensätzlichen Lebensäußerungen galvanisirte. Aber es ist bezeichnend, daß er zunächst und auf eine längere Zeit hin geradezu abschreckend auf die Gemeinden wirkte. Theils bei der Macht der Gewohnheit, theils weil er nur als eine vereinzelte Manifestation austrat: selbst die ungeheure Mehrzahl Derer, welche das Bedürfniß zugestanden, sowie daß der Gottesdienst des Hamburger Tempels sich selbst vom! insonders von meiner eigenen Tendenz spreche, so setze ich doch talmudischen Standpunkte rechtfertigen laffe, beabsichtigte nicht,! damit voraus, daß zu gleicher Zeit eine nicht geringe Zahl ihn aus ihren heimischen Boden zu verpflanzen, da er ihnen! strebender und angestrengt arbeitender Männer erschien, das Gefühl des Fremdartigen einflößte. So stand dieser! welche, wenn auch nicht auf gleichen Wegen und in gleichen Resormversuch lange Zeit vereinzelt da, denn was man in' Richtungen doch zum Gelingen des Werkes, Jeder in seiner Wien und Kopenhagen (1833) mit dem Gottesdienste vornahm, Weise, wesentlich beitrugen. Da war es nun, wo ich unsre beschränkte sich doch nur auf die äußerliche Ordnung, den! Aufgabe dahin verstand: hier müffen wir nicht zerstören, son- Gesang uud die Streichung einiger Piutim. Was allerdings « dern bauen, nicht auslösen, sondern schaffen! Ich begriff von schon größeren Nachdruck erlangte, war die Predigt, deren «Anfang an, daß, obschon ich aus den Hallen der streng wissen-