Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1878)
- Date
- 1878-11-12
- Page
- Seite 728 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227177-3227224--36690-3306757- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
12 8 Wiener Allianz und der Alliance isr. univ. zu Paris zur Veröffentlichung gebracht und nimmt eine ehrenvolle Stelle in der neueren jüdischen Literatur ein. Der Tractat Soferim ist erst nach den Jahren 800 d. gew. Zeitr. abgefaßt und dem Talmud angeschloffen worden und rührt aus einer Zeit her, wo der schöpferische Geist des jüdischen Stammes erlahmt war, und stch das viel leidende Volk um so mehr um seine Gebethäuser schaarte und in ihnen Stärkung und Erhebung suchte. Die Wichtigkeit des Tractates liegt daher ganz besonders in dem Bilde, welches er uns von dem Entwickelungsgange, von der Ausdehnung und Feststellung unsrer liturgischen Einrichtungen, der Gebete und Gebräuche in jener Zeit giebt, so daß er zu der Epoche der Peitanim überführt und bereits Anklänge an diese enthält. Er zeichnet uns den Uebergang aus dem flüssigen Zustande in die allmälige Verhärtung der Formen, bei welchem Proceffe manches Frühere ausgeschieden und Vieles eingefügt wird. Alles aber dahin strebt, aus der früheren Beweglichkeit bis in's kleinste Detail zu unbedingt feststehendem Gebrauche zu werden. Aus diesem Grunde und um das Werk auch für nicht Fachmänner brauchbarer zu machen, hätten wir gewünscht, daß der Verfaffer eine Übersetzung des Tractates hinzugefügt hätte, da er doch Einleitung und Commentar in deutscher Sprache giebt. Wir erhalten in dem vorliegenden Buche außer einem deutschen und hebräischen Vorwort einen correcten Text des Tractates, eine ausführliche Einleitung und einen großen Commentar, der zugleich die Varianten zum Texte enthält. Wenn wir auch die Worte des Versaffers in seiner Vorrede: „Das talmudische Buch Soferim bildet den Schlüffe! zur gesammten Alterthumskunde des jüdischen Volkes" als übertrieben durchaus nicht unterschreiben, so fährt er doch mit Recht fort: „Von den Sätzen über althebräische Graphik, die unser Buch enthält, gehören manche Zeiten an, in denen für die biblischen Bücher neben der Quadratschrift noch andere Schriftarten im Gebrauche waren; die hier vorkommende Masora ist die älteste der uns bekannten masoretischen Aufzeichnungen; die Regeln für die alte Liturgie der Juden finden wir hier zum ersten Male geordnet und aneindergereiht. So giebt dieser Tractat ein Gesammtbild der Glaubensdocumente und der religiösen Hebungen dieses alten Volkes und bietet auch Gelegenheit, die Einzelheiten seiner gottesdienstlichen Bräuche mit sicherem Auge zu prüfen." So richtig diese Worte sind, so bezeugen sie doch selbst, daß von einem „Schlüffel zur gesammten Alterthumskunde des jüdischen Volkes" nicht die Rede sein kann. In der Einleitung wird die Zeit der Abfaffung charakterifirt, der Inhalt in seine Abtheilungen gebracht und genau beschrieben, besonders hervorgehoben, daß der Verfaffer sich wesentlich an den Jeruschalmi anschließt, wenn er auch den babylonischen Talmud und die Doppelfeiertage kennt, das synagogale Leben vom Abschluffe des Talmud bis auf die Zeit des Tractates geschildert, die Beschaffenheit des Textes und die Verbefferung deffelben beschrieben. Der ausführliche Commentar (304 S.) erörtert jeden einzelnen Punkt mit großer Sachkenntniß und rühmenswerthem Fleiße, und bringt eine Fülle von Erörterungen und Auffchlüssen, welche für die Masora, die Graphik betreffs der h. Schrift und die Liturgie von großem Werthe sind. Können wir deshalb hier um so weniger in Einzelheiten eingehen, so empfehlen wir doch das Werk um so dringender der Aufmerksamkeit, und gedenken in nächster Zeit Einiges daraus hervorzuheben. dvbaüc&zlcfabew.! Der Verein für Waisen in Preußen hat sich gewiffermaßen Deutschland. lauflösen müffen, indem er sich dem Waisenhause in Königsberg anschloß. In der Pr. Posen sucht man nach Mitteln, Von der Leine, 31. Oct. (Privatmitth.) Es ist eine! um jüdische Religionslehrer auszubilden, und sie fließen sehr betrübende Wahrnehmung, die jedoch ihre Erklärung in sich findet, daß die schlimmen volkswirthschaftlichen Verhältniffe einen schmälernden Einfluß auf alle Veranstaltungen der Wohlthätigkeit und Gemeinnützigkeit üben. Es ist jetzt kaum ein derartiger Verein, der nicht seine Milgliederzahl und die Höhe' möglich die Mittel zu einem wirksamen Bestände zu verschaffender ihm geleisteten Beiwäge sich herabmindern sah, und froh Diese wenigen Beispiele mögen genügen; wir könnten sie aus dürftig zu diesem hochwichtigen Zwecke. Der israelitische Gemeindebund muß die größten Opfer bringen, um einige Lehrerpräparanden unterstützen zu können. Der Kranken-Verein im Bade Colberg muß eine Lotterie veranstalten, um sich wosein muß, wenn er seine Bilanz zu erhalten vermag. Denn selbstverständlich vermehrt eine solche Roth der Zeit auch die Anforderungen, welche an mildthätige Anstalten gestellt werden. So sehen wir z. B. in unserer Nachbarprovinz das Waisenhaus zu Paderborn von Petenten bestürmt, während es um die genügenden Mittel seiner Fortexistenz besorgt sein kann. zahlreichen Orten vermehren. Dabei ist es zu bemerken, daß die Wanderbettelei aus der Fremde in Deutschland sichtlich abgenommen hat, sei es daß die in vielen Gemeinden dagegen hergestellten Einrichtungen Schranken gezogen, sei es, daß der zu befferem Verständniß gelangte Wohlthätigkeitssinn diese! Fremdenbettelei mit ihren unverkennbaren Schäden weniger