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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-11-12 · Heft 46 (12.11.1878) · p. Seite 723

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 46 (12.11.1878)
Date
1878-11-12
Page
Seite 723 (sequence 3)
Language
German
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723 physischen, psychologischen und ethischen Systemen ihren selbsti Geschlechter nicht blos die Wurzel ihrer Ueberzeugung, sondern ständigen, unabhängigen Gang wandelt, obschon es kein auch die Kraft gefunden, in den schwersten Stürmen, sei es System giebt, welches nicht von Voraussetzungen ausgeht, die der individuellen, sei es der Völkergeschicke, sich aufrecht zu alsdann von dem nächsten System in Frage gestellt werden, erhalten, die Stärke, die schwersten Martyrien zu bestehen, um wieder anderen Voraussetzungen Platz zu machen. Wir aus dem „Kelch des Heils" zu trinken, selbst im bittersten stehen vielmehr vor einer Zeitperiode der Verstandescultur, in Leid und Siechthum, und was nicht minder hoch anzuschlagen, welcher durch den Unterricht in der Schule, durch die Ent- ■ erhebende und erfreuende Beschäftigung des Geistes, welche Wicklung und Verbreitung der Wisienschast, durch das politische auch die kärgste Flur des Daseins mit duftenden Blumen und und sociale Leben und durch die Mannigfaltigkeit und Ver- , labenden Früchten versah. Nein, im Judenthume haben durch mehrung der materiellen Arbeit die Ausbildung und Herrschaft alle Jahrhunderte hindurch, wenigstens bis zu unserer Gegendes Verstandes vorwiegend geworden. Hier ist weder von dem wart, die Bücher unsrer heiligen Schrift nicht blos in den naiv mitgebrachten, noch von dem geforderten blinden Glauben, außergewöhnlichen Stunden des Lebens und nicht blos für viel übrig, oder doch nur in Kreisen, die auch auf dem Gebiete besonders „empfängliche" Gemüther, sondern zu allen Lebensder Religion nicht mehr allein in's Auge gefaßt werden können, und Tageszeiten und für Alle geistige Nahrung und Stärkung, In einer solchen Zeit, wo der Verstand geübt ist, jede Er- Erhebung, Freude und Tröstung gebracht, und wir vermöchten scheinung nach ihrer Ursache und Wirkung, nach ihrem Wesen das Dasein aller unserer vergangenen Geschlechter ohne die und Werthe zu betrachten und zu prüfen, drängt sich ganz heilige Schrift und ihre Wirksamkeit gar nicht zu begreifen. - unwillkürlich auch bei den Lehren der Religion, bei den Aus- | Im Judenthume war es nicht eine einzelne Richtung in dieser sprächen und Vorschriften der heiligen Schrift Jedermann auf, und jener Zeitperiode, wie etwa bei den christlichen Pietisten inwieweit sein Verstand und sein Herz davon berührt und und Puritanern, wo die heilige Schrift den Vordergrund der befriedigt werde. Da ist es denn von unendlichem Werthe, geistigen Beschäftigung einnahm, sondern sie machte stetig und daß, sobald wir nur auf dem Grunde des Gottglaubens stehen, für alle Schichten seiner Bekenner den eigentlichen geistigen und dies ist eine unbedingte Forderung des Judenthums,1 Lebenssaft aus, der warm und voll durch ihre Adern und die unsre ganze Ueberzeugung und Empfindung mit allem Dem Kammern ihres Herzens rollte. übereinstimmt, was jene großen, allgemein gültigen Gottes- Und hiermit sind wir noch an ein schließliches Moment Worte uns lehren, daß wir es in unser innerstes Heiligthum gekommen. Wir sind der Meinung, daß die Menschheit nicht aufzunehmen, uns davon leiten und beherrschen zu lassen verblos in ihrem jeweiligen Geschlechts ein Ganzes, eine Einheit mögen, daß unsre ganze Anschauungs- und Gefühlsweise davon ausmacht, sondern auch in allen ihren Generationen ihrer erfüllt und gestaltet wird. Don diesen gewissermaßen Mittelganzen Vergangenheit nach. Lehnt sich doch ein Geschlecht punkten ergießt sich dann dieselbe Autorität auch auf die zeitan das andere, wächst das neue aus dem alten hervor, belichen religiös-sittlichen, socialen und besonders nationalen mächtigt und bedient sich das jüngste alles deffen, was seine Aussprüche und auf den ganzen Entwicklungsgang der ge- Vorgänger erworben haben, soweit es ihm nur erreichbar ist. schichtlichen Beziehungen, den uns die heilige Schrift bezeichnet. Es giebt kein Geschlecht, das von vorne ansing, das nicht selbst so daß wir die darin enthaltenen Principien aufsuchen, Tendenz zu seinen Fortschritten den Antrieb und die Anleitung aus der und Zwecke erforschen, ihre Formen zu verstehen streben und Vergangenheit zöge. Und so wie das Bestreben vorherrscht, ihren Zusammenhang bis zur Gegenwart verfolgen. Von da die Verbindung mit den entlegensten Gegenden unsres Erdballs aus legt sich dann diese Autorität auch aus die anderen, das anzuknüpfen und die Communicationswege zu vermehren, wie unmittelbare Gotteswort nicht enthaltenden, aber auf dessen die Pioniere der Wisienschast und Cultur auch in die unzu- Grunde erwachsenen Schriften der Bibel, welche die Manniggänglichsten Landstriche eindringen: so findet dieselbe Anstrenfaltigkeit des religiös-sittlichen Lebens im Individuum vor gung auch nach rückwärts statt, immer weiter und tiefer in uns ausbreiten, Schriften, wie Psalmen, Sprüche, Hiob, Kodie entlegensten Zeiten des Menschengeschlechts zu dringen, uns heleth u. s. w., welche die religiös-sittliche Stimmung des Jndidas Leben der Vorzeit aus den Trümmern wieder zu erwecken, viduums in all' den verschiedenen Lagen des Lebens vom welche die Wuth und die Stumpfheit der Barbarei zurücktiefsten Schmerze bis zur jubelnden Freude, ja den Kamps gelasien und mit dem Schutt und Staub der Vergessenheit mit dem Zweifel, mit dem Aber- und Unglauben zum Ausbegraben hatte. So machen wir auch das erstarrte und zerdrück bringen und den Schatz alter Weisheit, durch Beobach-‘ bröckelte Dasein längst vergangener Geschlechter für unsren tung und Erfahrung gehoben, vor uns ausbreiten. Hier ist Geist flüssig und auf uns wirksam. Was ergiebt sich aber es, wo eine Wirksamkeit ohne Beispiel die Autorität der Bibel hieraus? Daß die Wahrheit und Erkenntniß für das Menschenzugleich mit dem Glorienschein dankbarster Verehrung umgiebt. geschlecht und ebenso seine Organisation in ihrem Grund- und Haben doch in derselben, in allen ihren Theilen, zahllose Aufbau eine einheitliche, eine aus grauester Vorzeit bis zur 46*

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