Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1878)
- Date
- 1878-11-12
- Page
- Seite 722 (sequence 2)
- Language
- German
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722 Opfercultus an die Stiftshütte und dann an den einzigen, dazu bestimmten Platz ausdrücklich im Gesetze gebunden ward, mußte er mit der Entfernung des Volkes aus dem heiligen Lande, die demselben doch schon frühzeitig angedroht und verkündet war, aufhören. Mit dem Opserdienste mußten aber auch noch viele andere, damit zusammenhängende Vorschriften, z. B. die Zehenten für die Priester und Leviten, viele Reinigungsvorschriften, die nur am Tempel hafteten, ihre Anwendung verlieren, somit sich als für gegebene Verhältnisse und gewisse Zeiträume bestimmt erweisen. — Mitten in diesen, für Personen, Oertlichkeiten und Zeiten bestimmten Aussprüchen, welche die heilige Schrift als von Gott ausgegangen bezeichnet, erscheinen nun aber auch drittens die Offenbarungen allgemeinen Inhalts, unbeschränkter Geltung. Bezeugen wir dies durch einige Beispiele. Sehen wir von; der Geschichte der Schöpfung und des Paradieses ab, in welcher letzteren 3, 14 flg. die Stellung des Menschen auf der Erde und das Verhältniß der beiden Geschlechter zu einander charakteristrt werden, sowie von der Geschichte Kain's, in welcher 4, 7 die Bedingung der Selbstbeherrschung oder der Neigung zur Sünde normirt wird, so gewahren wir 6, 14 in dem göttlichen Gebote an Noah, sich eine Arche zu bauen, und in den folgenden nur persönliche und zeitliche Anordnung, hingegen 9, 1 flg. allgemeine und für immer gültige Gebote, nämlich, wenn wir den einfachen Wortsinn ohne die ttaditionelle Auslegung in Betracht Ziehen, das Verbot, das Thier nicht, ohne daß sein Blut vergossen ist, also nicht vom lebenden Thiere zu effen, und das Gebot, daß der Mörder eines Menschen getödtet werde. Wenn mitten in den an Abraham gerichteten und nur ihn persönlich geltenden Ansprachen es 15, 1 heißt: „Fürchte dich nicht, ich bin dir Schild, dein sehr großer Lohn", und 17, 1: „Ich bin Gott, der Allmächtige, wandele vor mir und werde vollkommen", so haben wir hier allgemein gültige Offenbarungen. So sinden wir in den an Moses ergangenen, den Auszug aus Aegypten betteffenden Ansprachen 2 Mos. 3, 14 die kurze, aber tiefsinnige Kundgebung über das Wesen Gottes, wozu 6, 3 gefügt werden muß. Auch V. 7 ist dahin zu rechnen, wo durch die ©orte: „Ich will Euch nehmen mir zum Volke und ich will Euch zum Gotte sein" zum ersten Male und in einfachster Weise ausgesprochen wird, daß das Volk Israel bestimmt sei, den Monotheismus zu bekennen, zu tragen und zu vermitteln für das ganze Menschengeschlecht. Hier tritt nun mitten in den offenbarungsgeschichtlichen Ereignissen die Verkündigung der Zehnworte als der Grundlage des religiösen, sittlichen und socialen Lebens ganz besonders hervor, wie sie als solche auch von allen civilisirten Völkern anerkannt worden. Hieran schließt sich das weite Gebiet des Specialgesetzes, das zwar in seinen einzelnen Bestimmungen öfters an die Epoche und die nationalen Verhältniffe gebunden ist, in diesen allerdings die allgemeinsten Principien einschließt, dann aber wieder schon in seinen ersten Partieen (2 Mos. 21 flg.) in den bestimmtesten Formeln allgemein und unbedingt gültige Vorschriften enthält, Vorschriften, welche die Gerechtigkeit in der Rechtspflege, die Unbestechlichkeit des Richters, die Gleichheit vor dem Gesetze (der Einheimischen und der Fremden), die Vermeidung der Verleumdung, die Hülfe selbst für den Feind, die Wohlthätigkeit gegen alle Dürftigen u. s. w. für alle Zeiten zu sittlichen und gesellschaftlichen Gesetzen erheben. Nicht minder sehen wir innerhalb der Ereigniffe und Ansprachen, die das goldene Kalb betreffen, die hehren Offenbarungen 33, 19. 20. 23; 34, 6. 7 eintreten, welche einentheils die Grenzen der menschlichen Gotteserkenntniß bezeichnen, anderntbeils die erhabenste Kundgebung über die Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes in ihrem .Verhalten zu einander und ihrer Jdcntisicirung mit einander bringen. — Auch in den geschichtlichen Büchern erscheinen unter den als göttliche Aussprüche bezeichneten und aus Zeit und Personen gerichteten Kundgebungen solche, welche allgemeinen Inhalt und Werth enthalten. So zum Beispiel 1 Sam. 15, 22: „Hat der Ewige Gefallen an Ganzopfern und Schlachtopfern, wie an Gehorsam gegen die Stimme des Ewigen? Siehe! Gehorsam ist bester denn Opfer, Aufmerken denn der Widder Fett!" flg. und V. 29 über die Unveränderlichkeit und Affectlosigkeit un Willen und Rathschluß Gottes; so 1 Kön. 19, 11. 12, wenn auch in allegorischer Weise, daß in allen Bewegungen und Erschütterungen der Natur wie des Menschenlebens der Einklang, die harmonische Entwicklung, der „Friede" Zweck und Ziel Gottes sei. — Dann öffnet sich die weite Gottesflur, auf welche uns die Propheten führen. Obschon auch diese auf dem geschichtlichen Boden stehen, und auf die religiösen, sittlichen, socialen und politischen Zustände ihrer Zeit das Auge gerichtet haben, gehen sie doch überall von allgemeinen Gesichtspunkten aus, und betrachten mehr die Völkergeschicke im Großen, als das Individuum im Einzelnen. Gerade bei ihnen deshalb sinden sich, wenn sie ausdrücklich das Wort Gottes verkünden, viel mehr allgemein gültige und für alle Zeiten und Verhältniffe anzuwendende Verkündigungen. — Durch diese Untersuchung haben wir uns den Weg zu dem dritten Moment für die Autorität der Bibel im Judenthume geebnet, nämlich dem: daß alle, als Gotteswort bezeichneten, eine allgemein gültige Bedeutung enthaltenden Kundgebungen mit den Begriffen und Schlußfolgerungen des Verstandes und mit den lauteren Empfindungen des Herzens in Uebereinstimmung sich befinden, daß wir sie mit unsrem Verstände zu begreifen und nach besten Urtheilen und Schlüffen begründet zu finden, mit unsrem Herzen aufzufaffen und zu dessen wahrhafter Befriedigung auszusühren vermögen. Wir stellen uns hierbei nicht vor den kindlichen naiven Glauben, der all' dieser Erörterung nicht bedarf, um mit der ganzen Seele an der Bibel und all' ihrem Inhalte zu hängen. Wir stellen uns auch nicht vor die Schulphilosophie, die in meta-