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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-11-05 · Heft 45 (5.11.1878) · p. Seite 716

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 45 (5.11.1878)
Date
1878-11-05
Page
Seite 716 (sequence 12)
Language
German
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716 Seeligmann Sar Samberger. Wiederum ist ein Mann von hinnen geschieden, der in der Geschichte des Judenthums seinen Platz einnimmt und dessen Namen neben den Persönlichkeiten, welche im Leben und in der Wissenschaft gewirkt und neue Bahnen eingeschlagen haben, mit Verehrung genannt zu werden verdient. Weithin ist die erschütternde Kunde gedrungen, daß der Districtsrabbiner Bamberger in Würzburg am Laubhüttenfeste während des Gottesdienstes, ja, wie die Blätter meldeten, vor der geöffneten Bundeslade plötzlich verschieden sei; ein Herzschlag machte seinem Leben ein Ende. Diesem würdigen Manne ein Wort der Erinnerung in d. Zeit, zu widmen, erscheint mir, seinem ehemaligen Schüler, als eine Pflicht, als ein Act der Pietät. Seeligmann Bär Bamberger oder R. Jizchak Dob Halewi, unter welchem Namen er in rabbinischen Kreisen bekannt ist, wurde im Jahre 1808 in Wiesenbrunn, einem Torfe nicht weit von Würzburg, geboren. Er besuchte die im ersten Viertel dieses Jahrhunderts noch blühende Fürther Jeschiwah, wo er ganz nach alter Weise unter dem bekannten Wolf Hamburger dem Studium des Talmuds oblag. Hamburger, deffen Lieblingsschüler er war und deffen Werke er vor der Drucklegung zuweilen copirte, übte einen wesentlichen Einfluß auf seine spätere Denk- und Handlungsweise aus. Nach mehrjährigem Aufenthalte in Fürth kehrte er in die Heimath zurück; er begründete eine Familie und ward — Geschäftsmann. Schon damals ein tüchtiger Talmudist, widmete er in seinem frommen Eifer seine Thätigkeit mehr dem Studium als dem Geschäfte, das er seiner Frau überließ, so daß das Kapital, das er als Heirathsgut erhielt, in dem Maaße abnahm, als seine Familie sich vergrößerte. Bald waren seine Mittel erschöpft und das Geschäft löste sich auf. — Im Jahre 1839 trat der greise Oberrabbiner Abraham Bing von seiner Stelle zurück, und das große Oberrabbinat Würzburg, zu dem noch verschiedene Ansbach'sche, Fulda'fche und andere Gemeinden gehörten, wurde gemäß Erlaß des baier. Ministeriums in mehrere Districtsrabbinate getheilt. Da entschloß sich Bamberger, durch die Verhältniffe gedrängt und durch seine Freunde ermuntert, als Candidat für das Rabbinat Würzburg aufzutreten. Seine Anhänger vermochten es durchzusetzen, daß die gesetzlich vorgeschriebene Prüfung, welche sich auch über deutsche Sprache und Elementargegenstände erstreckte, ihm erlaffen und er als Districtsrabbiner von Würzburg am 19. März 1840 gewählt wurde. Trotz mancher Kämpfe, welche er namentlich in den ersten Jahren seiner Amtsführung zu bestehen hatte, erwarb er sich die Liebe und Achtung seiner Gemeinde; auch Diejenigen, welche seiner Richtung nicht huldigten und ihren eigenen Weg gingen, schätzen ihn wegen seiner ungeheuchelten Frömmigkeit und seines biedern Characters. Bei einer objectiven Würdigung Bamberger's muß man, abgesehen von seinem großen talmudischen und rabbinischen Wiffensschatz, der ihn zu einer rabbinischen Autorität machte, abgesehen von seiner strengen Frömmigkeit, die auch nicht das Minutiöseste irgend eines einmal eingeführten Brauches zu Hallen unterließ, feinem Character die unbegrenzte Hochachtung zollen. Uneigennützig in seltener Weise, war er stets bescheiden, herzlich und zuvorkommend, und besonders seinen Schülern Vater und Freund. Bambergers religiöse Richtung ist bekannt. Einer der letzten Jünger der Fürther Jeschiwah, bis in sein Mannesalter ausschließlich dem Studium des Talmuds obliegend, — er machte kein Hehl daraus, daß er erst bei seiner Frau deutsch gelernt — konnte er sich mit den Anforderungen und Bestrebungen der Neuzeit nicht befteunden. Ein Feind der Wissenschaft, wie so oft behauptet, war er nicht: Er ließ seinen eigenen Sohn im Alter von zwanzig Jahren vom Schreiber dieser Zeilen unterrichten und suchte selbst noch im reifern Mannesalter sich allgemeine Kenntniffe anzueignen; aber in seinem Glaubenseifer hielt er es für unabweisliche Pflicht, Jedem und Allem, das er mit der altgläubigen strengen Richtung nicht in Einklang zu bringen vermochte, feindlich entgegenzutreten. Lehren und Lernen, durch Wort und Schrift offen und ehrlich für feine Richtung einzustehen, betrachtete er als die Aufgabe seines Lebens. Länger als 28 Jahre stand er ununterbrochen einer Jeschiwah vor, aus der viele in den verschiedensten Gegenden Deutschland's, Holland's und Rußland's wirkende Rabbiner hervorgegangen sind. In seinen literarischen Arbeiten strebte er besonders dahin, verschiedene Zweige jüdischer Satzungen populär zu behandeln; so entstand sein zpjT n'zb rH’TSX, über die besonderen Pflichten der Eheftauen (Fürth 18Ö8, 2. Ausl. 1864), sein m*t£ über die Schlachtregeln (Fürth 1863, Frankfurt 1864), sowie sein C'Ew über das Schreiben der Gesetzesrollen (Hannover 1803, 1860). Seine staunenswerthe Belesenheit bekundete er in den unter dem Titel nriEw '"lys? von seinem Sohne herausgegebenen und von ihm mit einem Commentare versehenen Halachoth des R. Isaak bei Gajjat (Fürth 1861, 1862) u. a. m. Mit Seeligmann Bär Bamberger, der noch kurz vor seinein Tode in einem durch das Austrittsgesetz hervorgerufenen unerquicklichen Kampfe zu zeigen Veranlagung nahm, daß ehrliche Frömmigkeit auch duldsam ist, wurde die letzte rabbinische Autorität der strenggläubigen Richtung zu Grabe getragen. Möge sein Andenken ein gesegnetes sein. M. K.

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