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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-11-05 · Heft 45 (5.11.1878) · p. Seite 717

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 45 (5.11.1878)
Date
1878-11-05
Page
Seite 717 (sequence 13)
Language
German
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717 Eine gegenseitige Rettung. Einer wahren Begebenheit nacherzählt, von Leon Mendelsbarg in Aoretz (Volhynien). (Fortsetzung von Nr. 40.) Kaum hatten wir die nächste Umgebung Kiews verlassen, als der Mann mich bat, seitabwärts von der Chaussee zu fahren und Halt zu machen; ich folgte seinem Verlangen; sobald ich inne hielt, holte er ein Licht heraus, zündete es an und langte dann eine Flasche Branntwein hervor, that einige tiefe Züge aus derselben, erbrach dann ein Schächtelchen Sardinen und ließ sich's gut schmecken; mich aber hieß er ebenfalls herzhaft zugreifen. Ich ließ mir dies nicht zweimal sagen und stillte Hunger und Durst aus dem mitgenommenen Vorrath. — „Nehmen Sie", sagte er, „mit dem frugalen Imbiß fürlieb, bis wir etwas Besseres bekommen werden". Dann brach er einer Flasche Rothwein den Hals ab, leerte fast die Hälfte ihres stabenden Inhalts, sonach reichte er mir ste hin, ich folgte natürlich diesem Winke und fühlte, daß eine angenehme Wärme meine erstarrten Glieder durchrieselte. — Ganz neu belebt, bestieg ich meinen Kutschersitz und fort ging es in die stille, finstere Nacht hinaus. „Haben Sie genug Hafer mitgenommen?" fragte mich der Mann; ich bejahte diese Frage und fügte hinzu: „Wenn es uns daran fehlen sollte, so bekommt man ja hier überall Futter in Hülle und Fülle. Es ist ja Kleinrußland, das wegen seiner Fruchtbarkeit so berühmt ist, wohin wir reisen." „Nun, ich vergaß. Sie zu bitten, die ersten Tage immer abseits von der Straße zu füttern, wir werden uns vorläufig in keinem Dorfe, keiner Stadt aufhalten." — „Sooo", rief ich erstaunt, „meine Pferde werden aber endlich des warmen Stalles benöthigt sein, wenn sie müde werden, auch vergessen Sie nicht, daß auch ich schon ganz durchnäßt bin." — „Wir werden es uns dafür später desto bequemer machen, für jetzt fahren Sie nur die Nacht durch ohne jeden Aufenthalt. Für etwaige schlimme Folgen für Ihre Gäule werde ich verantwortlich sein. Wir müssen sehen, daß wir je weiter, je lieber von Kiew find. Treibe die Pferde an und sorge nicht. Du wirst Deinen Gehorsam nicht zu bereuen haben. Unterdeß werde ich versuchen, auf meine Augenlider den Schlaf zu locken." — Ich ließ mir das nicht zweimal sagen, ich ließ die Peitsche knallen und meine Pferde, die nicht umsonst so lange gerastet hatten, folgten meinem Winke und im Schnelltrabe ging's weiter vorwärts. Bald hörte ich meinen Mann auf dem Bund Stroh, von dem ich ihm einen bequemen Sitz geschaffen hatte, kräftig schnarchen. Jetzt war ich meinen Gedanken, allein überlassen und fand Muße, über meine jetzige Lage, über die letzten Tage, die so unheildrohend waren, nachzudenken. Wie das Alles geschehen war, wie sich das Geheimnisvolle meiner Reise enthüllen wird — es lag vor mir in räthselhaftem Dunkel wie die Nacht vor mir und um mich. Nur der einzige Gedanke an Gott konnte Licht in dieses Dunkel verbreiten, und diesen hielt ich fest, mein bangendes Herz dadurch beschwichtigend und aus dieser unerschöpflichen Quelle Muth und Zuversicht für die dunkle Zukunft schöpfend. Viele Nächte hatte ich nicht recht geschlafen, jetzt, da mir eine Alpenlast von der beklemmten Brust gefallen war, übermannte auch mich die erschöpfte Natur, ich überließ die Pferde ihrem guten Willen, im Trabe sich fortzuttollen, und schlaftrunken, wie ich war, ließ ich den Kopf auf die Brust finken und schlief ein. — Wie lange ich geschlafen habe, kann ich nicht sagen, aber als ich neugestärkt erwachte, fing der Morgen beretts an zu grauen und die Pferde waren mit einem weißen Schaum überdeckt. An ihrem lässigen Gange merkte ich, daß die Fütterungszeit gekommen sei, ich fuhr also abseits von der Heerstraße, reichte den Pferden Futter und, nachdem ich mir aus einer frischen Quelle Gesicht und Hände gewaschen, machte ich mich an's Gebet. Kaum hatte ich es beendigt, als mein Reisegenosse erwachte. Die ersten Worte, die er sprach, waren ein inbrünstiges Gebet zum Himmel für die genossene, erquickende Ruhe. — Nicht wenig erstaunt war ich zu hören, daß er in polnischer Sprache seine Seele vor dem Schöpfer ergoß. — Dann fragte er mich, wie viel Werst wir bereits zurückgelegt haben möchten. „Gegen fünfzig", sagte ich. „Blutwenig", sagte er, „wir müssen weiter fahren. Schade, daß wir keine Theemaschine haben, wir könnten uns an einem warmen Morgentrunke laben." — Er griff dann zum franzöfischen Branntwein, that einen tüchtigen Schluck und verzehrte einen Häring zum Morgenimbiß. Auf seine Einladung that ich ein Gleiches, spannte dann die Pferde vor und wir fuhren wohlgemuth weiter. — Wir waren so ein paar Stunden gefahren, als mich mein Passagier ftagte, wie weit wir noch zu einer Stadt hätten. „Einige Werste", sagte ich. „Nun, vor der Stadt wollen wir auf ein Weilchen anhalten, ich werde Dir Geld geben, um mir dort etwas einzukaufen." Als wir der Thürme ansichtig wurden, hielt ich an; der Mann gab mir eine Banknote von 50 Rubeln und bat mich, ihm in einem russischen Laden einen warmen Schafspelz, warme Stiefel und Strümpfe zu kaufen; „wenn es Dir nicht zu schwer zu tragen sein wird, so kaufe mir eine kleine Theemaschine, zwei Gläser und Löffelchen", fügte er hinzu. Ich machte mich auf, in die Stadt zu gehen, aber da fiel mir ein: „wie, wenn der Mann da, während Du weg bist, sich mit dem Wagen auf und davon machte?" Ich blieb bei diesem Gedanken ein Weilchen unschlüssig und gesenkten Blickes vor dem Manne stehen. (Fortsetzung folgte

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