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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-11-05 · Heft 45 (5.11.1878) · p. Seite 712

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 45 (5.11.1878)
Date
1878-11-05
Page
Seite 712 (sequence 8)
Language
German
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712 die Statthalter, um einen Erlaß an den Gemeindevorstand, einen jüdischen Arzt als Mohel anzustellen. Der Erlaß ist beschlossen, aber nach dem bureaukratischen Schneckengang noch nicht herabgelangt. Unterdeß hat der hiesige Arzt Rüben Vierer das Mohelamt sreiwillig übernommen, und man erwartet, daß der Vorstand ihn zu dieser Function anstellt. Gewisse Leute streuten sofort aus, daß er die Peria unterließ. Das Rabbinat hat sich überzeugt, daß dies eine Luge sei. — Bosnien. Serajewo, im October. (Privatmitth.) Wenn die bosnischen Israeliten der österreichischen Occupation offen und nachdrücklich entgegenkamen, und sich ihr anschloffen, so geschah dies nicht bloß, weil, man mag diese Besetzung türkischer Provinzen beurtheilen wie man will, den anarchischen Zuständen durch die Truppen und Verwaltung Oesterreichs ein mit der Zeit heilsames Ende gemacht werden wird, sondern auch, weil die Juden durch sie in eine beffere und sichere Lage kommen. Man darf die Zustände in den türkischen Provinzen nicht nach den Resormbestrebungen beurtheilen, welche in Konstantinopel geplant, und zum Theil auch ausgeführt worden. Wir wollen nicht beurtheilen, wie weit die Pforte ernstlich daran dachte, diese Reformen und besonders die Gleichstellung aller Culte auszuführen. Sie hatte dagegen gar nicht die Kraft sie in den entfernteren Provinzen geltend zu machen, wie dies in orientalischen Staaten so häufig der Fall ist. Als Beweis will ich nur anführen, daß hier in Serajewo, bevor die Oesterreicher die Stadt einnahmen, der Beschluß gefaßt wurde, alle Bewohner und Fremden sollten die Waffen ergreifen und gegen Oesterreich in's Feld ziehen, ausgenommen die Juden, welche das Scheriat, d. i. das Gesetz des Koran vom Kriegsdienste ausschließt, und sollten dafür die Juden eine Kriegscontribution von einer Million Piaster zahlen. Man ersieht aus diesem einen Beispiel, wie die Verhältnisse waren und geworden wären. Serajewo, 23 Octob. Ein Corrsp. des Pesti Naplo giebt folgende Schilderung: „Einer interessanten Gepflogenheit der hiesigen Judenschaft möchte ich noch Erwähnung thun. Die Israeliten feiern eben jetzt das Laubhüttenfest und der letzte Tag desselben ist das Fest der „Gesetzesfreude"- Man hält hier an den alten Gebräuchen pünktlich fest und so dauern denn auch die Lustbarkeiten der „Simchas-Thora" volle neun Tage hindurch. Die Geschäfte bleiben die ganze Zeit über geschlossen und in den Synagogen — es gibt deren hier drei — herrscht allabendlich laute Fröhlichkeit. Nach dem Gottesdienste strömt ganz Jung- Jsrael in den Tempel und erhält Zutritt vor die Bundeslade. Vier oder fünf Burschen singen einen Psalm und andere vier oder fünf begleiten den Gesang auf einem den Tambourets der Spanier ähnlichen Saiteninstrumente, welches Pandara heißt; die Erwachsenen drehen sich vor der Lade in ftöhlichem Tanze. Gestern Abends, als ich der Festlichkeit anwohnte, eröffnete der Chacham-Baschi (der Gemeindevorstand Losoll hakohol) mit Einem der Aeltesten der Gemeinde persönlich den Tanz; sie tanzten etwa zwei bis drei Minuten lang, dann räumten sie den Platz einem anderen Paare und so dauerte das Fest wohl eine gute Stunde lang. Und die alten Herren tanzen mit vieler Verve, schlagen den Tcckt zu den Bewegungen und agiren mit den Armen, wie unsere übermüthigen Burschen in der Csärda. Die liebe Jugend aber gröhlt und lacht und jvllt dazu, so recht wie in einer ,Zudenschule". Das halb türkische Kostüm der graubärtigen Tänzer und die bausbäckige Bubenschaar bilden ein Ensemble, welches Werth Ware, durch den Pinsel eines Genremalers festgehalten zu werden. Nur Eines fehlt zur Vollständigkeit des Bildes: die schönere Hälfte der Gemeinde. Die Frauen kommen des Abends nicht in den Tempel, sondern nur des Vormittags und auch da haben sie ihre Stätte hinter einem dichten Gitter verborgen. Die jüdischen Frauen kleiden sich hier sehr malerisch — unsere Schauspielerinnen könnten für Stücke spanischen Sujets sehr werthvolle Kostüm-Studien machen —, auf der Straße aber werfen sie einen rothen Rock über die Kleider und um den Oberkörper ein großes Weißes Tuch; ja viele, zumal die jüngeren, verhüllen sogar das Gesicht nach türkischer Manier. Unsere Leute sind wegen dieser Mummerei auf die Türkinnen und Jüdinnen auch durchaus nicht gut zu sprechen; übrigens suchen sie sich bei den Serbinnen zu trösten, die nicht viel dagegen haben, daß man ihnen den Hof macht. Wenn wir noch ein paar Wochen hier liegen bleiben, so etabliren sich unsere Bakas einen Elisabethplatz in zweiter Ausgabe." Großbritannien. London, 15. October. Man ist hier durchaus nicht gewillt, dem guten Willen der Rumänen die Ausführung des Berliner Vertrags zu überlassen, und unsre Regierung weicht keinen Schritt davon zurück, daß die Unabhängigkeit Rumäniens nicht eher anerkannt werde, als bis es auch die Gleichstellung aller Culte verwirklicht habe. Die llevisb Association hatte sich deshalb an den Minister des Auswärtigen gewandt, und der Marquis von Salisbury erwiederte in seinem Antwortschreiben, daß „Ihrer Majestät Regierung unlängst von der rumänischen Regierung die pvsitive Versicherung erhalten habe, daß sie beabsichtige, alle Anordnungen des Berliner Vertrages sowohl in Betreff der jüdischen gesetzlichen Unfähigkeit in Rumänien als auch in Betreff anderer Fragen vollständig und nach ihren besten Kräften zur Ausführung zu bringen". Der Ausdruck „nach besten Kräften ist allerdings etwas dehnbar.

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