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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-11-05 · Heft 45 (5.11.1878) · p. Seite 709

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 45 (5.11.1878)
Date
1878-11-05
Page
Seite 709 (sequence 5)
Language
German
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709 tu Stuttgart, bringt eine ausführliche Analyse davon. Bekanntlich hat der Oberrabiner Dr. A. A. Wolfs einen starken Band zur Abwehr gegen jene bischöflichen Expectorationen gerichtet. Aber selbstverständlich nimmt diese Sippe von irgend einer Widerlegung keine Notiz; denn ihre Rolle ist nur die des „Anklägers" im Hiob, der die Erde durchstreift, um etwas aufzufinden, was er anklagen könne, wozu er denn auch alle möglichen Arten von Peinigung als Mittel verwendet, um eine Anklage zusammenzubringen. Glücklicher Weise giebt es noch eine überaus große Zahl von Menschen, welche fich der priesterlichen Herrschaft, sei es der katholischen oder der protestantischen, zu unterwerfen nicht gesonnen find, und daher die Anklageschriften jener nicht unterschreiben, sondern auch der Vertheidigung Gehör geben. Dies find fteilich die verwünschten „Liberalen", die an allen Uebeln in der Welt schuld find. Aber gerade diese Liberalen kennen auch die Geschichte und wifien, daß zu der Zeit, wo die Hierarchie unbedingt herrschte, es noch weit größere Uebel gab, z. B. die Sklaverei, die Leibeigenschaft, die Folter, die Ketzerverbrennung, die Herenproceffe u. s. w., die sämmtlich erst durch die Anstrengungen des Liberalismus aus der Welt geschafft werde» mußten. Uebrigens unterläßt doch der protestantische Bischof, so falsch er auch die Juden beurtheilt, auf sie zu schmähen und sie in gemeiner Weise zu verleumden. Er leidet nur an der engherzigen pietistischen Doctrin. Die modernen Juden haben fich nach ihm der Religion ihrer Väter entäußert; sie streben nur nach dem messianischen Reiche des Friedens und der Gerechtigkeit, in welchem aber die Juden die Herrschaft führen und die übrigen Völker ihre Vasallen sein sollen! Wer die Welt und die Juden in ihr aus solcher Perspective ansieht, dem kann über die wirklichen Verhältnisse wenig Urtheil zugetraut werden. Schließlich kommt auch er auf die Drohung mit den Socialisten und Communisten, welche sich zunächst auf die Juden stürzen würden. Der gute Mann hat also bereits das Strafmittel bei der Hand. Schade nur, daß, wenn die Socialisten und Communisten nach der Erwartung des Herrn Bischofs die Herrschaft erlangen werden, fie schwerlich nach dem Religionsbekenntniß fragen, sondern wie ehemals bei den berüchtigten Dragonaden gegen die Potestanten und Waldenser, es dem Herrgott überlaffen werden, die Unschuldigen herauszufinden, und zunächst gegen Alle losziehen, die fie aus ihrem Wege finden. Bis dahin will Martensen die Juden beschränkt wiffen, nur läßt er in Zweifel, was er ihnen übrig laffen will, z. B. das Recht zu athmen; denn da ihm an den Juden so ziemlich Alles mißfällt, ihre religiösen, ihre geistigen, ihre politischen, ihre materiellen Bestrebungen, so wäre nach seinem System das Recht der Existenz für fie sehr ftaglich. Doch nein! Sie sollen existiren, denn der Bischof sieht prophetisch voraus, daß die Juden schließlich allesammt zum Christenthume übergehen, um das „letzte Zeugniß" abzugeben. Wie das geschehen soll, da die Juden dies ja schon vor 1$ Jahrhunderten hätten thun können, weiß er freilich nicht anzugeben. Wir hätten hier überhaupt seiner gar nicht erwähnt, wenn nicht die deutschen Ultramontanen auch die protestantische Rüstung nicht verschmähten, wenn es gilt, gegen die Juden zu Felde zu ziehen. Leipzig, im October. (Privatmitth.) Der Ausschuß des Gemeindebundes will die Vermittelung übernehmen, um solchen Eltern, deren Kinder gegen ihren Willen in der Schule zum Schreiben am Sabbath angehalten werden, zur Abwendung dieses Gewiffenszwanges behülflich zu sein, und hat zu diesem Zwecke einen Fragebogen versandt, um Berichte über die thatsächlichen Verhältnisse in dieser Angelegenheit zu erhalten. Nienbnrg (Hannover), 22. October. (Privatmitth.) Das hiesige „Deutsche Wochenblatt" enthält folgenden Artikel, der jedenfalls ein Curiosum enthält: „Aus Stolzenau, 15. October, läßt fich die „Mind. Ztg." schreiben: Kürzlich fand in dem Flecken S. eine recht gemüthliche Hochzeitsseier statt. Die Freuden sollten indeß den Eltern der Braut nach dem Genuß etwas versalzen werden. Der Ortsgeistliche, welcher die Ehe in der Kirche gesegnet hatte, schickte nämlich Tags nachher dern Vater der Braut ein Schreiben mit der Aufforderung, fich darüber zu erklären, ob, wie zur Anzeige gebracht sei, sich israelitische Damen mit unter den Kranzjungfern, welche die Braut zum Altar begleitet, befunden, wodurch, wenn das der Fall, die Kirche entheiligt sei. Wahrscheinlich ist der Brief nicht beantwortet; derselbe hat indeß Veranlaffung zum allgemeinen Tagesgespräch nicht bloß in dem betreffenden Orte, sondern in der ganzen Umgegend gegeben. Zur Aufklärung diene nun Folgendes: Die Braut sah an ihrem Ehrentage unter Anden: auch drei israelitische, intime Freundinnen um fich, von denen zwei fich bei der Vorbereitung zur Hochzeit (Kranzwinden und Polterabend), besonders verdient gemacht und der Hochzeitsgesellschaft zur Zierde gereicht haben, Damen, welche fich der allgemeinen Achtung erfreuen. Diese Damen nun haben die Braut zur Kirche begleitet und auch die Traurede mit angehört, weiterere Functionen aber nicht in der christlichen Kirche gehabt, und können also die Kirche Wohl nicht entweiht haben. Der Vater dieser Damen ist in der ganzen Gegend als ein braver Mann bekannt, der manche Thräne getrocknet, manchen Kummer gestillt hat und noch stillt, aus Barmherzigkeit und Liebe gegen nothleidende Mitmenschen ohne Unterschied des Bekenntniffes. Vor etwa zwei Jahren hat er der neuen Kirche in Leese ein Fenster geschenkt. Man hat es mit Dank angenommen und nicht gehört, daß die Kirche dadurch entheiligt ist." (Man ftägt sich erstaunt, ist es die priesterliche Herrschsucht in der Kirche oder der fanatische Haß gegen alle Andersgläubige, was einen Geistlichen zu solchem Verfahren antreibt 'i Jedenfalls befördert er dadurch die Achtung und Liebe für die Kirche ebenso wenig wie für seine Person.) Tarmstadt, 20. October. (Privatmitth.) Das in vor.

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