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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-11-05 · Heft 45 (5.11.1878) · p. Seite 707

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 45 (5.11.1878)
Date
1878-11-05
Page
Seite 707 (sequence 3)
Language
German
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707 haltenen und von ihr bezeugten Gotteswortes aufrecht und lebendig erhalten wurde, beruht die Autorität der Bibel doch noch auf einem anderen Felsengrunde; und dies ist: daß in ihm das ganze Religionsgebäude und die heilige Schrift ein und dasselbe sind. Die Thorah war und ist das unerschütterliche Fundament des Judenthums; aus ihr ist es erwachsen, auf ihr steht es noch heute; Geist und Buchstabe derselben bilden noch heute den Grundstock des jüdisch-religiösen Bekenntnisses und des jüdisch-religiösen Lebens. Wir brauchen, damit dies nicht als bloße Phrase erscheine, einerseits nur an das „Höre, Israel", an „Im Anfang schuf Gott", an „der Ewige, der Ewige barmherzig", an die Gottebenbildlichkeit des Menschen, an „Liebe den Ewigen, deinen Gott, mit ganzem Herzen", andererseits an „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", an das Verbot des Haffes und der Rache, an die Zehnworte, an den Sabbath und die Feste, an die Beschneidung und die Ehegesetze u. s. w. zu erinnern, um die intellectuelle und reale Wahrheit unsres Satzes zu erweisen. Aus der Thora erwuchsen auch die weiteren Entfaltungen innerhalb des Judenthums. Zu welchen Ansichten die Kritik auch führt, dies muß sie zugeftehen, daß die geschichtlichen wie die prophetischen Bücher und viele Psalmen die Thora voraussetzen, sich an sie ansetzen und anschließen, ohne sie nicht denkbar sind und mit ihr in keinem Widerspruche stehen. So sind sie die Aeste und Zweige an dem großen Stamme, den die Thora gegeben. Die Tradition ist dann, um im Gleichniß zu bleiben, das Laubwerk an diesem Stamm und diesen Aesten, das grünt, welkt und neuem Blätterwerk Raum giebt, aber ebenso wie die Blätter zu den unentbehrlichen Organen des Baumes gehört, und die Vermittlung mit der Luft und dem Lichte des Lebens befaßt. Die Halacha hält sich durchaus an das Wort der Thora und die Hagada sucht das Schriftwort als Keim fteier Interpretation für das sittliche Leben zu befruchten. Hieraus erfloß denn auch die merkwürdige Erscheinung, daß auf diesem unerschütterlichen Grunde das Judenthum fast drei und ein halb Jahrtausend in völliger Einheitlichkeit bestand. Es gab und giebt in ihm keine Spaltung, keine Serien. Allerdings kamen Perioden vor, wo eine solche Spaltung eintreten zu wollen schien. Sieht man sich aber nach einiger Zeit darnach um, so sind die streitenden Parteien wieder in die Einheit zusammengeschloffen und in ihrer Existenz verschwunden. Geschloffen kämpften die Propheten mit dem ihnen anhängenden Theile des Volkes gegen das Heidenthum, bis dies im Schooße der Nation überwunden war. Als die Tradition eine feste, das Leben beherrschende Form anzunehmen begann, trat die Parteiung der Pharisäer, Sadducäer und Effäer, wohl noch mit einigen anderen kleineren versteckteren Fractionen ein, befördert von den politischen und socialen Wirren der Zeit. Als die eherne Pflugschaar der Römer über Jerusalem hinweggegangen, verschwanden diese Parteien vom Schauplatz und das Judenthum stand wieder einheitlich da, trotz der Zerstreuung seiner Bekenner über alle Länder. So wenig wie die Diffense der Schulen Hillel's und Schamai's, der Jerusalamitischen und der Babylonischen Talmudisten irgend eine Spaltung hervorriefen, ebenso wenig thaten dies die Religionsphilosophie und die Kabbala und bewirken es die heutigen Separatisten. Die kleine Abzweigung des Karäismus stellt dies um so mehr in's Licht und dabei ist nicht zu übersehen, daß auch die Karäer fest auf der heiligen Schrift bestehen, und so in etwas weiterem Sinne die Einheit des Judenthums nicht antasten. Ihr Diffens besteht wesentlich nur in der traditionellen Auslegung der heiligen Schrift, welche Auslegung sie sich eigenthümlich gestaltet haben. — Wir haben dies noch aus einem anderen Gesichtspunkte zu betrachten. Die biblischen Schriften, wie sie das Gotteswort enthalten, sind die Erzeugniffe des nationalen Geistes Israels, und schließen sich dabei eng um das religiöse Wesen, das mit dem nationalen identisch erscheint. Mögen uns immerhin einige Andeutungen gegeben sein, wie z. B. im -45. Psalm und im Hohenlieds, ferner in den Strafteden namentlich des Jesajas, daß die israelitische Poesie und Musik auch noch andere Pfade verfolgte: es geschah dies beiläusig, vorübergehend, während das religiöse Element in der israelitischen Literatur Vorder- und Mittelgrund ausfüllte. Dabei entfaltet sich der bei Weitem größte Theil der biblischen Schriften an der nationalen Geschichte, und die Entwicklung selbst der geoffenbarten Religion geht die Geschichte des Volkes entlang, so daß auch diese beiden, nationale Geschichte und Religion, sich decken. Es ist dies so sehr der Fall, daß sich nur diejenigen Geschichtswerke erhielten, welche die Ereigniffe und Thaten des Volkes und ihrer Führer aus dem religionsgeschichtlichen Gesichtspunkte behandelten, während z. B. die Annalen der Könige verloren gingen. Nur jene hatten Wichtigkeit und Autorität in den Augen der späteren Geschlechter, während die blos politisch-historischen Schriftwerke das Jntereffe der letzteren nicht besaßen. Hier ist nun wohl zu beachten, daß nach dem Abschluß der heiligen Schrift aller geschichtliche Sinn, der im israelitischen Volke so überaus lebendig gewesen, wie wir gesehen, verloren ging, und sich in den folgenden Zeitaltern bis aus unsere Tage immer nur auf die heilige Schrift beschränkte. Selbst schon die Geschichte der Makkabäerkämpfe ist uns nur durch Schriften in ftemdem Idiom erhalten geblieben, die Geschichte des römischen Krieges schrieb Josephus mehr aus römischem und persönlichem Beweggründe, als aus jüdisch-nationalem, und beide Schriftwerke blieben von Seiten der Judeu fast ganz unbeachtet. Aus dem Talmud müffen wir uns mühsam einige historische Daten zusammenlesen und von der mittelalterlichen Geschichte der Juden geben nur einige Klagelieder und spätere dürftige Geschichtsbücher Kunde. Welch' ein Abstand hierin dagegen z. B. von der täglich wiederholten Erinnerung an den -io *

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