Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1878)
- Date
- 1878-11-05
- Page
- Seite 706 (sequence 2)
- Language
- German
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r 'i i ■ r I ■ . V 706 barkeit der alten Jnspirationstheorie und schließt daraus: „Nach diesen Auseinandersetzungen erscheint die Bibel als eine Sammlung menschlicher Schriftwerke, hervorgebracht wie andere Erzeugnisse der Literatur. Formell betrachtet, kann also ein biblisches Buch keine andere Autorität als irgend ein anderes gutes Buch für sich in Anspruch nehmen." Hiermit wäre allerdings die christliche Theologie zu Ende, und auf nichts als auf den Rang der Commentirung irgend eines Classikers versetzt. Dies mußte auch Profeffor Mangold fühlen; er sucht daher nach einem anderen Moment für die Autorität der Bibel, und fährt fort: „Und doch, wer jemals im Drange und in der Angst des Lebens zu seiner Bibel gegriffen, oder wer in den Stunden stillen Glückes sein Herz an einem Schristwort zu dem Geber aller guten Gaben erhoben hat, der weiß aus eigener Erfahrung, daß er an der Bibel doch noch etwas mehr hat, als ihm andere Bücher zu geben vermögen. In der That, die Stimme des Gottes, der in der Höhe und im Heiligthum wohnt, der aber nicht ferne ist von jedem Herzen, das ihn mit Ernst sucht, sie spricht aus dem Worte der heiligen Schrift trotz seines menschlichen Ursprungs, und damit gewinnt das Schriftwort bindende Autorität für unser religiöses Leben." — Man wird leicht einsehen, mögen diese Worte auch noch so warm empfunden fein, sie sind nicht im Stande, einen dauerhaften Grund zu einer „bindenden Autorität für unser religiöses Leben" zu geben. Die Empfindung des Einzelnen in erregten Augenblicken seines Lebens, in schwerem Leid oder erhebender Freude bietet kein Fundament für ein Religionsgebäude, keine sichere Unterlage für eine religiöse Ueberzeugung, und vermag im Widerstreit der Ansichten, im Kampfe des Zweifels keine Entscheidung zu treffen. Wie viele Beispiele giebt es, daß Männer von geistiger Begabung aus ganz anderen Schriftwerken ebenso Erhebung und Trost schöpften, wie der Verfaffer hier aus der Bibel, ohne daß jenen Werken ein wirklicher religiöser Werth beigelegt werden könnte, wie z. B. Friedrich der Große von sich selbst betreffs des Lukrez sagt! Wenn der Protestantismus dem Bibelwort nichts weiter zuzuschreiben hat, als daß es durch seine schlichten Aussprüche ewiger Wahrheiten, durch die empsindungsvollen Klänge, die es in unserer Seele zu wecken vermag, unsrem Gcmüthe zuspricht in seligen oder unseligen Stunden: wie will er blos hiermit die Fundirung einer Kirche, die Annahme irgend eines Glaubenssatzes, die Organisirung und Abgrenzung eines religiösen Systems begründen? Es versteht sich, daß auch Prof. Mangold die Schwäche dieses Arguments fühlt und zugesteht, daß man der Bibel „für ihren eigenartigen Inhalt ein gewiffes Maß von Empfänglichkeit mit hinzubringen muß." Hiermit geht er aber nur im Kreise herum: man muß eine Empfänglichkeit für die tiefere Berührung durch das Bibelwort mitbringen, dann wird man die Eigenart auf sich wirksam fühlen, aus ihm Gottes Wort zu vernehmen und dann ist es eine bindende Autorität für unser religiöses Leben. Dies heißt doch nichts Anderes, als daß man den Glauben an die Göttlichkeit des Bibelwortes haben müffe, um zu diesem Glauben gelangen zu können. In der That macht denn auch der Verfaffer den Sprung, den er vorher von der Inspiralionstheorie über den Glauben hinweg gemacht hat, wieder zurück. Er spricht vom „Geist Gottes, der die Harfen der alttestamentarischen Dichter rührt"", von dem „Berührtwerden des endlichen Geistes von dem lebendigen Gottesgeiste""; auch in dem Worte der Propheten findet er „die Berührung des göttlichen Geistes". Er sagt ferner: Dre Bibel berichtet uns, „wie Gott sich durch seinen Geist dem Gottesbewußtsein und dem Gewissen der Menschheit in der Fülle seiner Macht, Weisheit, Güte und Heiligkeit zunächst als der einige Schöpfer Himmels und der Erde bezeugt hat"; sie erzählt uns, „wie Gott dann, weil das laute Getriebe des Irdischen die leise Stimme seines Geistes übertäubt, einen Mann, seine Familie, das Volk, zu dem die aus dieser Familie hervorgehenden Stammeshäupter sich ausgebreitet haben, sich zum Eigenthum erwählt hat, um eine Stätte auf Erden zu weihen, an der das Helle Licht seiner Erkenntniß unauslöschbar scheinen soll; sie verkündet uns, wie Jehova diesem Volke Führer erweckt hat, den Gesetzgeber, Propheten und Könige, die, seines Geistes voll, von dem Ewigen und Unsichtbaren und von den Gesetzen seiner Weltregierung und seines Waltens über Israel gezeugt haben, bis nach langen und schweren Führungen des Gottesvolkes, die seine politische Existenz stückweise zerbrachen, die Zeit zu einer göttlichen Neuschöpfung erfüllt war."" Dies sind schöne Worte — aber wir dürfen uns von ihnen nicht täuschen lassen. Der Verfasser fordert, fast wider seinen Willen, den Glauben an das Gotteswort in der Bibel, aber löst ihn sofort wieder in Atome auf. Der Glaube ist ihm nichts als eine „Empfänglichkeit"", mit deren Wegfall alle diese schöngeschilderten Resultate verfliegen. Der „Gottesgeist" waltet ihm im Herzen jedes Menschen und „berührt da den endlichen Geist". In den biblischen Propheten ist nach ihm also dasselbe vor sich gegangen, was in jedem hierfür empfänglichen Herzen vorgeht. So unklar dies gedacht ist, so klar ist es doch, daß auf diese Weise der zutreffende Ausdruck einer religiösen Ueberzeugung bei jedem Autor, sei er Philosoph oder Dichter, dem Bibelworte völlig gleichsteht. Hieraus eine bindende Autorität für die Bibel ziehen zu wollen, ist eine reine Willkür, die durch noch so wohlklingende Phrasen nicht beschönigt werden kann. Jndeß ist es nicht unsre Sache, dem protestantischen Rationalismus auf die Beine zu helfen; für uns geht aus allen diesen Geistessprüngen nur das Eine als erwiesen hervor, daß außerhalb des Judenthums eine Autorität der Bibel allein in dem festen Glauben an das Gotteswort in der Bibel gefunden werden kann. Denn im Judenthume, so integrirend auch in ihm der Glaube an die Göttlichkeit des in der heiligen Schrift ent-