Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-10-29 · Heft 44 (29.10.1878) · p. Seite 701

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 44 (29.10.1878)
Date
1878-10-29
Page
Seite 701 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227177-3227222--36661-3306726
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

701 sein. Dieses Gutachten ist es, welches uns hier vorliegt.! Sack, geboren zu Harzegerode 1703, längere Zeit Prediger! in Magdeburg, war kurz vor dem Tode Friedrich Wilhelm I.! von diesem als erster Hofprediger und Ober-Consistorialrath nach Berlin berufen worden; seine von ihm herausgegebenen, viele Bände füllenden Predigten hatten zu ihrer Zeit einen großen Ruf. Das Gutachten lautet: „Ich kann die Errichtung einer Art von jüdischer hoher Schule zu Frankfurt a. d. Oder nicht anders als eine Sache ansehen, die gar wohl erlaubt werden^ kann; und die dagegen geäußerten Bedenklichkeiten der Universität! scheinen mir nicht von der Erheblichkeit zu sein, daß man die der Stadt zu offenbar vortheilhafte Ansetzung der sogenannten 5 Thoralehrer zu hindern anrathen könnte. Das Beträchtlichste, so die Universität einwendet, ist in ihrer Vorstellung unter den ersten Nr. 1. 2. und 3. enthalten, läuft aber in der That nur auf eine und ebendieselbe Bedenklichkeit hinaus. Alles nun, was dagegen gesagt wird, möchte wohl dadurch hinwegfallen, wenn man erwägt, daß der jüdische Unglaube überhaupt nicht die geringste Stütze und Nahrung mehr bekömmt, ob er zu Frankfurt am Mahn, oder zu Frankfurt a. d. Oder, zu Prag oder zu Metz und anderen Orten, wo dergleichen jüdische hohe Schulen sind, gelehrt wird. Da es nun nach allen wahren Grundsätzen des Christenthums erlaubt ist, die leider noch in der Blindheit befangene unglückselige Juden zu dulden, und ihnen ihren fteien Gottesdienst zu verstatten, so sehe ich nicht ein, warum es weniger erlaubt, oder für die christliche Religion gefährlicher sein sollte, ihnen solche Schulen zu vergönnen, darin ihre zum Lehramt sich widmendeJugend nach ihrerArt unterrichtet und zubereitet werden kann. Vielmehr bin ich der Meinung, daß eine solche Schule zu Frankfurt a. d. Oder mehr dem Unglauben der Juden, als dem Glauben der Christen schädlich sein würde. Denn es ist bekannt, daß die mehresten Rabbinen an papistischen Orten sind unterrichtet worden, wo*sie die christliche Religion gar nicht auf ihrer wahren und vortheilhasten Seite haben kennen gelernt, sondern auf einer solchen Seite, von welcher sie ihnen nothwendig hat anstößig werden, und sie in ihrer Verblendung noch mehr stärken muffen. Werden sie aber auf einer protestantischen Universität gezogen, wo sie mit christlichen Lehrern und Studiosis manchen Umgang haben, so müffen nicht allein alle von dem papistischen Aberglauben wider das Evangelium hergenommene Einwürfe, und damit zugleich so viele Stützen ihres Unglaubens wegfallen, sondern sie lernen auch solche Gründe und Beweise von der Wahrheit der christlichen Religion mehr und näher kennen, die bei manchen sowohl starke Zweifel wider ihre falsche Sätze erregen, als auch ein Saame einer künftigen Erleuchtung werden können. Ein Wink der göttlichen Vorsehung, der wohl nicht aus der Acht zu laßen ist. Es würden auch hiernächst die christlichen Profeßores und Studiosi selbst durch diese Ansetzung jüdischer Lehrer in die heilsame Nothwendigkeit gesetzt werden, mehr auf die Gründe und Beweise des göttlichen Ursprungs der Religion des Evangelii zu denken, um solche Wider die Einwürfe der Juden gründlich behaupten zu können; welches nicht anders als zum größten Vortheil der Kirche Christi gereichen kann. Denn die Controvers mit den Juden ist gewiß die allernöthigste und nützlichste in der ganzen Polemik, die, wenn sie recht getrieben wird, das meiste zur Ueberzeugung und immer beffern Einsicht in die wahre Beschaffenheit der christlichen Religion beitragen kann. Aus diesen Gründen halte ich also dafür, daß die gebetene Ansetzung der 5 sogenannten Thoralehrer gar Wohl gestattet werden könne. Ich würde aber diesem Justituto, um aller Unordnung und allem Mißbrauch vorzubeugen, folgende Einrichtung geben. 1) Die ganze Anstalt könnte den Namen einerjüdischen Thora-Schule zu Frankfurt an der Oder haben. 2) Sie müßte unter dem Schutze der Universität, und folglich sowohl Lehrer als Lernende unter der Jurisdiction der Universität stehen. 3) Die Thoralehrer müßten sich bev Verlust der ihnen zu erlheilenden Freyheit (welches sie stärker als ein Eid verbinden würde) anheischig machen, sich aller Schmähungen und Lästerungen gegen die christliche Religion gänzlich zu enthalten, und in allen Stücken denen deshalb ergangenen landesherrlichen Verordnungen und Edicten, besonders dem das Gebeth rDw1? *ü^' Alenu leschabbeach rc. betreffend, auf das genaueste nachzukommen, worüber die Universität zu halten habe. 0 4) Alle und jede von den jüdischen Lehrern oder ihren Schülern zu druckende Schriften müßten bey der Universität vorher zur Censur eingegeben und für jeden Bogen dem Censori 12 gute Groschen erleget, von demselben aber auch keine unnöthige Schwierigkeiten gemacht werden. Hierbeh würde eine hohe Verordnung an alle christliche und jüdische Buchdrucker und Correctores nöthig sein, daß sich niemand bev nahmhaster Strafe unterfangen solle, irgend eine jüdische Schrift zu drucken und zu corrigiren, worauf das imprimatur des Censoris nicht besindlich sev. Das allerbeste aber würde sehn, wenn ein besondrer Censor bey der Universität unter dem Namen eines Inspctoris über die jüdische Thora-Schule, mit einem von der Judenschaft ihm zu zahlenden jährlichen Gehalte von 200 Stück Ducaten, angesetzt würde, der durch eine besondre Bestallung angewiesen werden müßte, nicht allein die besagte Censur zu übernehmen, sondern auch überhaupt I) Bekanntlich hatten die Judenfeinde dieses Gebet als gegen Jesus gerichtet denunzirt, und König Friedrich l. hatte 1703 erne Verordnung erlassen, auf welche Weife den Juden es zu rezitiren gestattet sein solle. Siedact.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.