Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1878)
- Date
- 1878-10-29
- Page
- Seite 699 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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699 Schrift abgeleugnet, ja verspottet, und, wie Heine that, dem Gelächter preisgegeben haben, ist doch nicht blos eine wunderliche Jnconsequenz, sondern ein Aergerniß für alle Anhänger dieses Bekenntnisses. Es ist also geradezu ein Act der Un-'j duldsamkeit, die Armuth einer Gemeinde zu benutzen, um sie| zur Annahme eines solchen Widerspruchs und einer solchen Verletzung ihres religiösen Gefühls zu zwingen! Denn in einer solchen Nothlage befand sich die kleine portugiesische Gemeinde von Paris bei dem Bau ihres Tempels und dies! war ihre Situation den Anforderungen des Herrn Osiris i Jffla gegenüber. Aber diese Herren Radicalen werden das { wahre Wesen der Toleranz nie begreifen, das darin besteht, das berechtigte religiöse Gefühl nicht auf dem Wege des! Zwanges zu verletzen. Noch einmal die Falascha's. Wir haben unsre Leser schon wiederholt von diesem entlegenen und isoliriten Zweige am Stamme unsrer Glaubensgenosienschast unterhalten, der im abyssinischen Gebirge seine Wohnstätte hat, wo er fast ungekannt und ohne Kenntniß der Welt über seine nächsten Grenzen hinaus, viele Jahrhunderte existirte. Nach den Berichten des Herrn Joseph Halevy, unsres Glaubensgenossen, und des christlichen Missionärs Martin Flad, die sich gegenseitig ergänzen, gaben wir im Jahrgang 1869 S. 795 , 813, 833, 853 ausführliche Schilderungen, und nachdem 1877 Halevy eine Sammlung von Gebeten der Falascha's in äthiopischem Texte und in hebräischer llebersetzung veröffentlicht hatte, im Jahrgang 1877 S. 440 ff. und 496 ein Referat über diese Schrift. An der ganzen Existenz dieses Völkchens haftet aber so viel Räthselhaftes noch, daß wir nicht Unterlasten dürfen, auf diesen Gegenstand zurückzukommen, so oft sich die Gelegenheit zu weij terer Kenntnisnahme und Untersuchung bietet. Dies ist der! Fall, da wir eine ausführliche Recension des gedachten Ge-! betbüchleins in den „Göttingischen gelehrten Anzeigen" Stück 5. 1878 von Trum pp in München finden. Wir übergehen! hier die Bemerkungen des Recensenten, der auch einen' Falascha kennen zu lernen die Gelegenheit hatte, über den üblen Zustand des äthiopischen Textes, wie ihn Halövy gegeben und den dieser in keiner Weise verbestett hat, und halten uns an der Sache. Trumpp findet, daß Halevy mit zu vieler Bestimmtheit und zu einseitig diese abyssinischen Juden in Glaubenssachen mit den europäischen Juden aus gleiche Linie gestellt habe. Auch er erkennt an, daß die Falascha's das Judenthum bekennen. Da sie aber nicht die geringste Kenntniß vom Talmud besitzen und demnach alle aus der talmudischen Zeit herrührenden Ansichten, Einrichtungen und Bräuche ignoriren, so seien sie keine Juden im europäischen Sinne. Dies ist aber nur eine schärfere Betonung besten, was Halövy wiederholt selbst ausgesprochen hat. Daß sie aber darum doch Juden sind, kann und will doch auch Trumpp nicht leugnen, da sie das alte Testament, fteilich mit den apokryphischen Büchern und dem Buche Henoch als einzige Religionsquelle und göttliche Offenbarung haben und verehren, den einzigen Gott und zwar mit der Bezeichnung „Gott Abrahams, Jsaacs und Jacobs" oder „Gott Jsrael's" anbeten, ebensoweit von den christlichen Dogmen wie von den mohamedanischen sind und die Grundgesetze des Mosaismus auftecht erhalten haben. Die Hauptftage ist vielmehr: woher sind diese Juden gekommen? eine Frage, die dadurch complicirt wird, daß sie sich jedenfalls mit einheimischen Stämmen vermischt haben oder > aus ihnen hervorgegangen sind. Sie haben nämlich den jüdischen Typus nicht, zwar auch nicht den der Neger, diesen jedoch in einigen körperlichen Eigenthümlichkeiten, z. B. dem Wollhaar, wiederum aber von ihnen und den Abyssiniern durch! reine, edle Gesichtszüge unterschieden. Allerdings hat diese Frage nicht blos geschichtliches Jntereste, sondern hängt mit der Erklärung vieler ihrer Gebräuche zusammen. Ihrer Legende nach leiteten sie sich von einem Sohne des Königs Salomo mit der Königin von Saba ab, was jedoch nur den Werth einer Legende hat. Wenn Trumpp diese durch die An- > nähme unterstützen will, daß die Kauffahrer Salomo's nach j phönizischem Muster hier und da Colonien zurückgelasten haben jmögen, so ist dies ebenfalls eine unerwiesene Voraussetzung, i Aber auch die Ansicht Halevy's, daß die Falascha's ihren Ursprung himjaritischen gefangenen Juden aus Jemen zu verdanken haben, schwebt in der Lust. Bezeugt ist nur, wie Trumpp anführt, daß schon vor Einführung des Christenthums in Äthiopien Juden sich daselbst niedergelassen hatten (et'. Acta 8,26—39.)J) und später, als Frumentius das Christenthum dorr einführte (um 315 nach d. gew. Ztt.) lebten dort viele Juden, die das mosaische Gesetz hielten *). Unter den Falascha's giebt es auch solche, welche behaupten, daß ihre Urväter zwischen der assyrischen und babylonischen Gefangenschaft aus dem h. Lande nach Aegypten und Aethiopien gezogen; Andere welche jene erst nach der Zerstörung durch die Römer dahin fliehen lasten. Diesen Traditionen entspricht es, daß die Falascha's selbst sich „Exulanten" nennen. Tie letztere Tradition hat nicht blos, wie Trumpp meint, gegen sich, daß sie vom Talmud nichts wissen, denn! so entwickelt und festgewurzelt im Volke war das talmudische! 1) Dann fand aber damals eine Verbindung zwischen den äthiopischen Juden und Jerusalem statt, und diese besaßen die h. Schrift I in hebr. Sprache oder in den Septuag. Apostelgesch. 8, 27 und 28. > Diese Mittheilung der Apostelgeschichte scheint uns jedoch selbst legendenartig, wie die ganze Darstellung erweist. Phrlo weiß an der Stelle, die wir Nr. 36 S. 563 anfübrten, nichts von Juden in Abyssinien, die er sonst wohl angeführt Härte. > 2) Offenbar lebten Juden in Abyssinien vor der Einrührung des Christenthums, da sie diesem, wie die Existenz der Falascha's erweist, widerstanden, obschon sie die von der äthiop. Kirche ver-! anstaltete Uebersetzung der h. Schriften annahmen. 44*