Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1878)
- Date
- 1878-10-22
- Page
- Seite 685 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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685 Stadt zueilen, von den gottbegnadet Schauenden, wie Winkelmann und Goethe, an bis zum still stch freuenden, schönheitsdurstigen Menschenkinds. Warum wir hier uns speciell mit Michelangelo beschäftigen, hier in diesen einem bestimmten Zwecke, einem bestimmten Kampfe geweihten Blättern? Weil Michelangelo so großartig wie kein zweiter Künstler die Geschichte des ersten Weibes und in chr die Geschichte des ganzen Geschlechts in ewig gülttgen Formen dargestellt hat. An der Decke der sixtinischen Kapelle malte er sie al fresco, die hoheitsvollste Verkörperung der ttefsinnigen Schöpfungsgeschichte des alten Testaments. Von ihnen sagt Goethe: ,F)hne sie gesehen zu haben, kann man sich keinen anschauenden Begriff machen, was ein Mensch vermag." Wir wollen hier kurz die Oertlichkeit skizziren. Die sixttnische Kapelle ist ein viereckiger Raum, über das Doppelte so lang als breit und von bedeutender Höhe. Die Fenster, je sechs an den Langseiten, sind oben gerundet, und über chnen fetzt das glatte Gewölbe der Decke an die Settenwände an, so daß zwischen je zwei Fenstern ein Zwickel in die Wand verläuft. Diesen gewalttgen Raum mit Frescogemälden zu füllen, wurde Michelangelo vom Papste Giulio II. berufen, obgleich er bis dahin hauptsächlich als Bildhauer gearbeitet hatte und sein größestes Malerwerk, das er in Concurrenz mit dem berühmten Lionardo da Vinci in Florenz geschaffen hatte, nur ein Carton grau in grau gewesen war. Run sollte er einen großen Raum al fresco malen, einen Raum, zu dem die gläubige Gemeinde an ihrem höchsten Festtage in gehobenster Andacht aufblickte, in einer Technik malen, die ihm fast fremd war. Er lehnte das Ansinnen ab, da er es mit Recht als einen Fallstrick seiner Feinde erkannte, die ihm als Bildhauer nicht beikommen konnten. Aber der Papst bestand auf seinen Willen, Michelangelo unternahm das Werk, lernte rasch das Verfahren und machte sich in völliger Einsamkeit abgeschloffen von aller Welt, an das ungeheure Werk, das er in kaum zwanzig Monaten vollendete, das gewalttgste Denkmal der Malerei aller Zeiten. Die mannigfachen Darstellungen auf dieser Decke werden zusammengehalten durch ein gemaltes, anscheinend architektonisches Gerüst von eigenthürnlicher Compositton, welches die einzelnen Bilder umschließt und die Hauptmaffen bedeutsam hervorhebt. Schon die scheinbare Architektur ist gestützt und geschmückt mit herrlichen Gestalten, mit Broncemedaillons, die in Marmor eingelaffen erscheinen, mit Sklavengestalten und karyatidenartigen Figuren, die dem Gesimse zur Stütze dienen und die Blättergewinde tragen. Nachdem bereits die Schöpfung der Welt, die Schöpfung des ersten Menschen in wunderbarer, ergreifender Hoheit dargestellt sind, tritt in den Mittelpunkt der Erscheinungen die Erschaffung der Eva, des lieblichsten, edelsten, hoheitsvollsten Wesens, über das der Schöpfer all' seine Gaben, all' seine Entzückungen ausgießt, in deren Geschichte er aber auch das Schicksal der Welt vorbildlich verkörpett. Das erste Bild ist die Erschaffung Eva's. Adam liegt an einem Felsen in ttefen Schlaf versunken, zu seinen Füßen steht Gott, der soeben die Eva zum Leben rief. Diese tritt hinter Adam vor, als wenn sie seiner Seite entstiege, ganz im Profil dem Schöpfer zugewandt, die beiden Arme erhoben, wie dankend für das neue holde Leben, das sie durchfließt, das sie zum ersten Male aufathmen läßt, — eine wunderbar schöne Gestalt. Noch besteht die Beziehung zwischen Mann und Weib nicht, ihr erster Blick ist ganz dem Schöpfer zugewandt, ihr ganzes Empfinden löst sich in den Dank gegen ihn, im kindlichen vettrauenden Aufblick zu ihm. Jeder Kampf, jede Sorge ist ihrem frischen Sinne fremd, jedes sinnliche Verlangen unbekannt, nur holdes Entzücken über ihr eignes Leben, über die herrlich um sie ausgegoffene Welt durchströmt ihre Brust und gipfelt in unbegrenzter Hingebung an das Göttliche. Das zweite Bild fühtt uns mitten in's bewegte Leben. Dem Weibe naht die Versuchung. Da sitzt die schöne gereifte Gestalt in großarttger Anmuth unter dem Baume, der die verbotenen Früchte ttägt. In ihr ist nichts mehr von der scheuen Ehrfurcht des ersten Bildes; sicheres Denken, festes Verlangen prägen sich in dem herrlichen Kopfe, in der Wendung des edelgesormten Halses aus. Wie eine Königin der sie umgebenden Natur sitzt sie da, jeder Grashalm scheint sich ihr zu neigen, jedes Blatt ihr zuzufächeln. Wie ein Baldachin breiten sich die Zweige des Fruchtbaumes über ihrem Haupte aus. Sie ist auf der Höhe ihrer Laufbahn, das Herz gehoben von Stolz und Glück, die Brust geschwellt vom Verlangen des Ungekannten, des noch Unerreichten. Aber da lauett schon das Verderben, die Sünde, der tiefe, tiefe Fall An den Stamm windet sich die Schlange, die oben in einen sich hinabneigenden Frauenkörper ausgeht, die der Eva den Apfel reicht, während Adam noch zweifelnd steht, ob er einen pflücken soll. Und nun folgt die furchtbare .Katastrophe'. Wie die Sttafe blitzähnlich der That folgt, so springt hinter dem Rücken der Schlange auf der andern Seite der Racheengel hervor und leitet zum dritten Bilde, der Vettreibung, über. So sind Schuld und Strafe in gewaltiger, unbeugsamer Folge dargestellt. Welch' eine schauerliche Wandlung auf diesem Bilde. Die dort blühend und stolz saß, treibt der Racheengel hier in geknickter Haltung vor sich her. Adam versucht eine flehende Bewegung, Eva hält den einen Arm vor den Busen und greift mit dem andern schmerzerfüllt in die schönen Haare. Aber ttotz des tiefen Falles liegen in diesem Bilde, in dem Antlitz der Eva schon die Keime späterer Erhebung, der Hoffnung, daß nicht gänzliche Vernichtung ihr Loos sein wird.