Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1878)
- Date
- 1878-10-22
- Page
- Seite 682 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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682 bereits im Gange war. Kaum war ich eingetreten, als zehn, zwanzig Juden mich umringten. Jeder flüsterte mir zu, ich möge sein Gast sein. Ich entschied mich für einen neben mir stehenden jungen Mann. — Wir betraten ein Haus von altersgrauem Aussehen in der Csemalusagafse. Ich gestehe, daß ich mich auf orientalischen Schmutz gefaßt machte und nicht wenig erstaunt war, in dem geräumigen Hofe des alten Hauses die größte Reinlichkeit wahrzunehmen. Wir steigen die teppichbelegte Treppe empor; mein Wirth läßt auf dem Estrich die Schuhe zurück und geleitete mich in den Speisesaal der Familie. Für mich, der ich seit acht Wochen in Bosnien nichts als Schmutz und Unflath gesehen, der ich direct aus den düsteren Eichensorsten der Romanja -Planina hiehergekommen, für mich war das geräumige, nette, mit kostbaren Teppichen belegte Zimmer ein feenhafter Anblick. Ein Greis kommt mir entgegen, legt grüßend die Hände an die Stirn und drückt mir mit den Worten: „Salem aleilnim!“ die Hand. Dann kommen die übrigen Männer an die Reihe, und schließlich begrüßten mich drei Frauen in gleicher Weise. Die Männer waren in lange, weite orientalische Kleider von Sammt und Seide gehüllt. Die Frauen bildeten eine wahrhaft malerische Gruppe; das Haupt ziert eine mit Gold und Edelsteinen reich besetzte spanische Kappe, von welcher eine breite, schwarze Flechte auf den Nacken herabhängt; das Halsband besteht aus fünfzig oder noch mehr Goldstücken; der Brustlatz ist mit einer handbreiten Goldstickerei besetzt, das kostbare Seidenkleid nach türkischer Art unten an den Knöcheln befestigt. Eine der Damen siel mir besonders ans; ich hielt sie für das Hausfräulein, denn sie schien kaum älter als vierzehn Jahre. Ihre frischen rothen Lippen umspielt ein ständiges Lächeln, ihre schwarzen Augen brennen in Feuergluth. Mein Wirth ist kaum neunzehn Jahre alt, aber schon seit drei Jahren verehelicht; das junge Weib, welches ich für das Hausfräulein hielt, war seine Gattin. Mit zehn Jahren war sie seine Braut, damals „löste er sie aus". Vor einem Jahre hat die Hochzeit stattgefunden. Die Conversation ging Anfangs etwas langsam von statten, da ich nur wenig Serbisch spreche; ich merkte aber, daß die Muttersprache der Hausleute die spanische sei, und so konnte ich mich mittelst der serbischen, italienischen, lateinischen und hebräischen Sprache ihnen doch verständlich machen. Das Nachtmal dauerte fast eine Stunde. Die Speisekarte war fast ganz türkisch. Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß man mich auch über Nacht dort behielt, und wie wohl es mir that, nach achtwöchentlichem Lagern im Freien eine Nacht unter zwei seidenen Bettdecken verbringen zu können. Ich erwähne hier, daß über die zwei Feiertage mehr als zweihundert Soldaten in gleicher Weise von den Serajewoer Juden bewirthet wurden. In heileren Gesprächen verbrachten wir die Nacht; meine schöne junge Hausfrau, als echtes Judenweibchen, wollte mich schon dazu bereden, ein zwölfjähriges Mädchen, eine Verwandte von ihr, zu heirathen, dann sollte ich mich in Serajewo niederlassen und sie Ungarisch und Deutsch lehren." Der Briefschreiber schildert dann ein politisches Gespräch mit einem angesehenen jüdischen Ortsältesten. Dieser sprach die Ansicht aus, daß die Türken sich nie mit der neuen Ordnung der Dinge in Bosnien befreunden würden. Die abgelieferten Waffen seien nur der hundertste Theil des bosnischen Waffendorraths; die übrigen Waffen seien vergraben. Rußland. Cherson, im October. Von hier wird geschrieben: In den letzten Jahren reisten viele junge Mädchen aus Cherson nach Petersburg ab, um dort in die medicinisch-chirurgische Akademie einzutreten. Etwa drei Fünftel dieser jungen wißbegierigen Damen sind Jüdinnen. Da die Studentinnen in keinem guten Rufe stehen, so sehen es viele Eltern nicht gern, daß ihre Töchter fortziehen und suchen dieselben durch Zureden und zuweilen auch aus eine energischere Weise von ihrem Vorhaben abzuhalten. Zuweilen gelingt das auch, aber manchmal greifen die wissensdurstigen Töchter, um ihren Wunsch durchzusetzen, zu Mitteln, gegen welche die Ellern machtlos sind. Ein solcher Fall wird den Nowosti gemeldet: Die Tochter eines Juden aus Jelisawetgrad, welche sich zum Besuch bei ihren Verwandten in Cherson befand, hegte seit längerer Zeit den brennenden Wunsch nach Petersburg zu gehen, um dort zu studiren, stieß aber auf unüberwindlichen Widerstand bei ihren Eltern. Die junge Dame fragte in ihrer Bedrängniß einen Primaner um Rath, wie sie wohl die Erfüllung ihres Wunsches erreichen könnte, und dieser machte ihr den Vorschlag, mit ihm eine Ehe einzugehen, weil sie auf diese Weise als verheirathete Frau sich der Vormundschaft ihrer Eltern entziehen würde. Der Dame sagte dieser Plan zu. Die beiden jungen Leute reisten nach Odeffa und ließen sich dort nach jüdischem Ritus trauen. Die Eltern waren nicht wenig erschrocken, als die Tochter ihnen mittheilte, sie sei verheirathet und werde die ihr dadurch verliehene Stellung benutzen, um mit Einwilligung ihres Gemahls nach Petersburg auf die Universität zu gehen. Amerika. Cincinnati, 22. Sept. (Privatmitth.) Wenn aus den in meiner jüngsten Correspondenz angeführten Zahlen hervor-; ging, welche große Menge von Juden in den Vereinigten * Staaten sich keiner Gemeinde anschließen, so will ich dazu j hervorheben, daß dies besonders in den großen Städten der? Fall ist und daß hieraus durchaus nicht geschloffen werden ' dürfe, diese zu keiner Gemeinde gehörigen Glaubensgenoffen seien darum der Religion völlig entfremdet. Zu den Festen vielmehr erwächst eine enorme Zahl sog. Minjamim, d. h. es