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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-10-22 · Heft 43 (22.10.1878) · p. Seite 679

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 43 (22.10.1878)
Date
1878-10-22
Page
Seite 679 (sequence 7)
Language
German
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679 wir augenblicklich) nur an den Gottesdienst. Mit der Entwicklung und Umgestaltung, in die der jüdische Cultus in der Neuzeit nothwendig eingetreten ist, erfolgte auch ein Auseinanderfallen in die verschiedensten Formen, eine Auflösung der bisherigen Einheit. Hierin Berlin;. B. haben wir Wohl fünf verschiedene Arten des jüdischen Gottesdienstes, von der stabilsten Form, wie sie noch im innersten Polen gehandhabt wird, bis zu dem Rituale der Reformgenossenschaft, welche letztere allerdings völlig allein steht. Gehen wir nun erst in die Provinzen hinaus, so finden wir fast in jeder Gemeinde, welche den Weg der Reform beschulten hat, einen besonderen Ritus, möglichst mit eigenem Gebeibuche. Nur selten geschieht es. daß eine Gemeinde, die an die Verbesserung ihres Gottesdienstes geht, sich geradezu an den einer anderen Gemeinde anschließt. Sie kritisirt die bereits vorliegenden Muster und will sich eine Eigenart schaffen. Hiermit ist nicht gesagt, daß, außer der Berliner Resormgenoffenschaft, irgend eine Gemeinde wesentlich den überlieferten Gang des Gottesdienstes verließ und den Grundstock der Gebete und der kultuellen Formen aufgegeben hat. Aber es sind doch der Verschiedenheiten in dem was man gestrichen und was man hinzugefügt und was man überhaupt verändert bat, viele und große vorhanden, so daß cs einer bedeutenden Kenntniß der jüdischen Liturgie bedarf, um sich bei dem Besuche des Gottesdienstes zurechtzusinden. Hauptsächlich aber wirkt hierzu der musikalische Theil des Cultus ein. Hier ist der willkührlichen Behandlung Thür und Thor geöffnet, während man doch das Gebetwort selbst noch respectirt. Nicht allein daß es bereits eine große Zahl musikalischer Werke giebt. in welchen die tradirte Synagogalmusik mehr oder weniger treu und immer anders verarbeitet ist, so schiebt man auch Musikstücke und Melodien ein, die aus der allgemeinen Musikliteratur herübergenommen sind, wobei selbstverständlich die Auswahl eine unbeschränkte ist. Hält sich jede Gemeinde für autonom genug, um ohne weiteren Beirath, oft selbst ohne oder wider die Zustimmung ihres Rabbiners, ihren Cultus selbstständig zu ordnen, so schreibt sich noch mehr jeder Cantor oder Chordirigent die Autorität zu, den musikalischen Theil des Gottesdienstes beliebig zu formen. Hierdurch wird die Verschiedenheit in den einzelnen Synagogen noch viel größer, während man sich in die etwas veränderte Ceremonie und die Gebete immer doch leichter zurecht finden kann. Ueberhaupt wird durch die neuere Behandlung des musikalischen Theiles noch der Uebelstand herbeigeführt, daß die Gemeinde selbst zum völligen Stillschweigen, zum alleinigen Hören verurtheilt ist, was auf die Länge dem Gottesdienste unberechenbaren Schaden thut, da es einmal dem Menschen nicht gegeben ist, sich für eine blos passive Theilnahme lebhaft zu interessiren oder doch eine dauernde Erregung davon zu empfinden. Dies ist der gegenwärtige Zustand, ein Zerfall aller Einheitlichkeit, der zwar mit Verfall nicht identisch, immerhin aber doch nachtheilig ist. Es haben sich daher schon von Zeit zu Zeit Stimmen über denselben verlautbar gemacht, die es für nothwendig erklärten, auf den Weg der Vereinigung wieder Zurückzukehren. Ich bin dieser Meinung nicht; denn die Entwickelung steht eben noch auf halbem Wege, und es muß sich erst eine dauerhaftere Gestalt herausarbeiten. Wie lange es gedauert hat, bis der alte Siddur zu dem geworden, was er alsdann viele Jahrhunderte hindurch geblieben, weiß man. Von dem Abschluß des Talmuds bis zur Codisikation des Maimonides ist ja auch ein halbes Jahrtausend verflossen, während welcher Zeit sich aus dem talmudischen „Meere" viele Gebräuche und Gesetzesbestimmungen zur Geltung gleich einer Unzahl von Inseln erhoben, über welche dann Maimonides die nöthigen Brücken zur Vereinigung schlug. Es hat also noch gute Wege; aber überzeugt sind wir schon heute, daß die Zeit kommen werde, wo das Bedürfniß einheitlicher cultueller Form für die zerstreuten Gemeinden Israels ein drängendes wird, das zu beftiedigen man sich nicht wird entziehen können. Es mag dann sein, daß ebenso wie früher sich mehrere große Riten nebeneinander herausgestalten; aber eine große Zahl Gemeinden wird sich wieder zu einer bestimmten Cultusform vereinigen. Später wird man vielleicht diese Vereinbarung wieder als eine Fessel betrachten, wie jetzt Luzzatto den Codex des Maimonides eine solche schilt, aber gewiß mit Unrecht nach der Verschiedenartigkeit der Bedürfnisse, ja dessen, was nothwendig in den verschiedenen Epochen ist. Der Wiener „N. fr. Pr." wird von hier am 29. Sept. telegraphirt: „Wegen des jüdischen Versöhnungstages findet die zweite Lesung des Socialistengesetzes im Reichstage erst am s. October statt." Es wäre dies nur eine billige Rücksichtnahme auf die 6 Abgeordneten jüdischer Religion, unter welchen es so hervorragende Mitglieder des Reichstages giebt. Allerdings soll am 7. Oct. die erste Sitzung des Reichstages wieder stattsinden, jedoch nur für Wahlprüfungen bestimmt sein. Posen, 1. October. Die „Magd. Z." enthielt jüngst einige ausführliche Mittheilungen über die Stadt Posen, denen wir folgende Stelle entnehmen. „Eine auffallende Erscheinung ist bei dem Besuch des königlichen Friedrich- WilHelms-Gymnasiums in Posen zu beobachten. Von den 661 Schülern, welche im Wintersemester 1877—1878 das Gymnasium besuchten, waren 32b, also ziemlich genau die Hälfte, jüdisch; von den zehn Abiturienten aber waren sechs jüdisch und Ostern 1877 waren sogar alle sechs Abiturienten jüdisch. Gehen wir auf das Entstehen der Anstalt (1835) zurück, so finden wir im Jahre 1840 den ersten jüdischen Abiturienten, dann erst im Jahre 1845 wiederum einen und eben so in den Jahren 1849—1851; in dem folgenden Jahre 1852 neben sieben evangelischen Abiturienten sechs jüdische und im Jahre 1872 zum ersten male die jüdischen überwiegend, 10 gegen 8. Das Ergebniß der Einwohnerzahl nach dem Religionsbekenntnisse erklärt ein solches Vor-

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