Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1878)
- Date
- 1878-10-08
- Page
- Seite 652 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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652 sehensten Kreisen der verschiedenen Confessionen verkehrte. Die I' freie Zeit und Muße, welche die Besorgung ihres kleinen Haushalts ihr ließ, verwendete Rahel dazu, ihren humanen Bestrebungen und ihrem Bildungstriebe nachzuleben. Ihr Wohlthätigkeitssinn ging bis zur Verleugung ihrer eigenen Interessen: ohne selbst begütert zu sein, unterstützte sie die Armen ohne Unterschied des Glaubens und strebte vor allem danach, den Hülfsbedürftigen zu selbstständiger Thätigkeit und eigenem Erwerb zu verhelfen. An einer von ihr in Danzig ins Leben gerufenen Armenschule ertheilte sie selbst Unterricht, und ihre Aufopferung ging so weit, daß sie selbst an dem Tage, an dem sie in den Vormittagsstunden einer sehr schmerzhaften Operation sich unterzogen hatte, ihren Unterricht nicht aussetzte. Durch das Anwachsen ihrer Familie erweiterte sich der Kreis ihrer häuslichen Pflichten, welche sie stets in vollster Hingebung erfüllte; dabei fand sie jedoch immer Zeit, einigen, später bedeutend gewordenen Männern, welche ihr reges Streben zu schätzen wußten, in ihrem Hause gastliche Aufnahme zu bereiten und sich selbst bildend weiter zu fördern. An dem Arbeitstisch ihrer Kinder sitzend und deren Schularbeiten überwachend, schrieb sie, angeregt durch die Lektüre eines Romans, in dessen Vorrede der Verfasser seinem Leser sagt: „Wüßtest du, welche Freude das Schaffen gewährt, du würdest es ebenfalls versuchen", ihr erstes Buch. Leider war es ihr nicht vergönnt, ihre Erstlingsschrist ungestört zu vollenden; die lange Krankheit und der darauf folgende Tod eines hoffnungsvollen Sohnes erschütterte ihr Gemüth und brach derart ihren Lebensmuth, daß ihr fast jeder Schaffensdrang versiegte. Und dennoch war es ihr Talent, das sie aus der Schwermuth befteite. In der literarischen Thätigkeit suchte sie Trost und Halt; aufgemuntert durch einen bedeutenden Kritiker, schritt sie zur Beendigung ihres ersten, dreibändigen Romans „Zwei Schwestern", den sie im Jahre 1S53 unter ihrem Schriftstellernamen Rahel in Berlin erscheinen ließ. „Dieser ganze Roman", sagt der königsberger Professor , Alexander Jung, „ist eine der herrlichsten Schöpfungen auf dem neuesten Literaturgebiete dieses Genres. Die beiden Heldinnen des Werkes, die Schwestern, sind in dem zartesten Contraste gedacht und ausgeführt, so zwar, daß solcher Gegensatz durch liebliche Jungftäulichkeit, durch Aufgewecktheit des Geistes, hier sinnend, dort leidenschaftlich, hier pflichttreu , dort liebeglühend und so zum Excentrischen mehr als neigt, dennoch wieder durch die innigste Schwesterliebe geeint und über den Tod hinaus ins Ewige gerettet wird." Tie Geschichte der Betty in dem Roman ist die Friderikens, der eigenen Schwester der Verfasserin. „Die beiden Grundideen dieses Romans sind: auf der einen Seite der Sieg der Liebe, wie sie sich bedroht und untersagt sieht von den Antipathien der Familien, den Vorurtheilen der Nationalitäten, ron dem ganzen Widerstreit innerhalb der modernen Gesellschaft und dem Gegensatz der Culte, sodaß solche Liebe zuletzt sich selbst Gesetzgeberin wird und, indem sie sich mit Gott einverstanden weiß, auch vor dem Tode nicht zurückbebt; auf der andern Seite der Sieg der bräutlichen Liebe über sich selbst und über alle Sympathien der Idealwelt, um der Pflicht, der Gatten- und Kinderliebe treu zu bleiben. Die beiden meisterhaften Documente dieses Doppelsieges in dem Romane sind: Bettv's Vermächtniß und das Verhältniß Lea's zu Theodor." Bevor dieser Roman die Presse verließ, wurde Rahel's Gatte durch schwankende Verhältnisse genöthigt, mit seiner Familie Danzig zu verlassen. Mit schwerem Herzen trennte sich Rahel von ihrem Geburtsorte und von den vielen Freunden und liebgewonnenen Männern, wie Johann Jacoby, Kosch, Jung, Walesrode, welche in fteundschaftlichem Verkehr mit ihr standen; sie nahm ihren bleibenden Wohnsitz in Wen. Das Interesse unddie Anerkennung, welche die „Zwei Schwestern" auch bei Schriftstellern fanden, brachte Rahel bald in nähere Beziehung zu solchen. Ihr Umgang erweiterte sich, und obgleich in bescheidenen Verhältnissen lebend, verstand sie es doch, durch ihre stets anregende Persönlichkeit und durch ihr lebhaftes Eingehen auf jede andere geistige Individualität, ihr Haus zu einem beliebten und gesuchten zu machen. Männer wie Friedrich Hebbel, Hieronymus Lorm, Ludwig August Frankl, Kompert, Mosenthal zählten zu den Freunden ihres Hauses. Mehr als früher lebte Rahel in Wien der literarischen Thätigkeit. Hier entstand ihr Roman „Wider die Natur", in dem sie nach den von ihr gesammelten Erfahrungen und Beobachtungen das wiener Leben schildert. Veranlaßt durch die Darstellungen der Rachel, welche sie bei einem srühern Besuche in Berlin gesehen hatte, schrieb sie, voll Begeisterung für diese Tragödin erster Größe, mit aller Sicherheit der novellistischen Behandlung die biographische Novelle „Rahel", welche 1859 erschien und, durch das Institut zur Förderung der israelitischen Literatur in mehreren tausend Exemplaren verbreitet, einen dankbaren Leserkreis fand. Einige Jahre später erschienen in der wiener Wochenschrift „Die Neuzeit" von Szantö ihre Novelle „Neigung und Berechnung", und in der „Oesterreichischen Zeitung" mehrere Aufsätze über „das Theater Fran^ais und seine dramatischen Künstlerinnen", außerdem kleinere Arbeiten biographischen und beschreibenden Inhalts in verschiedenen Zeitschriften. Auch dramatisch hat sich Rahel mehrfach versucht. Sie schrieb mehrere kleine Lust- und Schauspiele, von denen einige auf berliner Bühnen zur Aufführung gelangten, allerdings weniger durch belebte Handlung als durch geistvollen Dialog und feinen gesellschaftlichen Ton sich auszeichnend. Ihr letzter Roman „In Banden ftei" ist ein ihrer ältesten