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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-10-08 · Heft 41 (8.10.1878) · p. Seite 649

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 41 (8.10.1878)
Date
1878-10-08
Page
Seite 649 (sequence 9)
Language
German
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649 gefunden werden, da jeder befürchtete, seine Stelle an der katholischen Kirche deshalb zu verlieren. Einer der hiesigen Organisten hatte endlich sich bereit gefunden, sagte aber zuletzt ebenfalls ab, so daß man einen Organisten aus Paris kommen laffen mußte, der eigenthümlicher Weise die Bedingung stellte, daß er auf dem Programme als „Organist der Dreieinigkeitskirche zu Paris" aufgeführt werde. Daß von der katholischen Geistlichkeit Niemand erschien, wird dem, welcher den Geist des hiesigen Klerus kennt, nicht auffällig sein, wie denn auch schon oft in protestantischen Ländern die evangelische Geistlichkeit die Anwesenheit bei synagogalen Feierlichkeiten ängstlich vermied. Die hiesigen Blätter haben sich über die Einweihungsfeier sehr belobend ansgesprochen. Jndeß kann es die Inävxenäanoe bei§6, ihrer radikalen Haltung gemäß, nicht unterlaffen, indem sie die vom Geiste der Toleranz erfüllte Rede des Herrn Astruc rühmend anerkennt, zu behaupten, daß diese Toleranz ihm von modernen Geiste dictirt sei, nicht aber aus den Grundsätzen des Judenthums fließe. Es hatte also nichts genützt, daß Herr Astruc die mosaischen Gesetze wörtlich angeführt, welche die Duldung und die Gleichheit, der Fremden wie der Einheimischen, die persönliche Freiheit und das Recht für Alle zum Ausdruck bringen. Die Inclä^enckunee stützt sich dagegen auf die bekannten irrigen und einseitigen Urtheile Renan's. Nun, über diese Darstellungen des einseitigen französischen Autors ist man, dächte ich, in der wissenschaftlichen Welt längst hinweggeschritten. Ist doch selbst sein System der semitischen Sprachen nach den neueren Forschungen unbrauchbar geworden, und er selbst hat den Rückzug angetreten. Rumänien. Bukarest, 27. Sept. Die Kammern sind gestern eröffnet worden, und Fürst Karl richtete an sie eine Botschaft, in welcher er mittheilt, daß die europäischen Großmächte die Unabhängigkeit Rumäniens anerkannt haben, die Rückgabe Bessarabiens an Rußland beklagt, aber für unumgänglich erklärt. So weitläufig in derselben die hinsichtlich des Austausches von Land vom Berliner Congreß Rumänien auferlegten Rechte und Pflichten besprochen werden, so wenig wird die Gleichstellung der Culte auch nur mit einem einzigen Worte erwähnt. Will man auf diese Weise über die ganze Sache hinweggehen? Es liegt bis jetzt noch in der Hand der Großmächte, die Unabhängigkeit Rumäniens so lange nicht als verwirklicht anzusehen und zu behandeln, als nicht auch diese zweite Bedingung von Rumänien erfüllt ist. So berichtet die „Xatione“ in Rom, daß „Italien die Anerkennung der Unabhängigkeit Rumäniens verweigere, bis die Gleichstellung der Culte proclamirt sein werde." Thun dies die anderen Großmächte auch, so muß Rumänien gehorchen. Wo nicht, wird aus dieser Gleichstellung wenig oder gar nichts werden. B onn, 30. Sept. (Notizen.) Die ungarischen Blätter brachten jüngst Mittheilungen über das Aufsehen, welches ein jüdischer Knabe von 41/., Jahren als Rech eng eni e machte. Die N. fr. Pr. berichtet nun über ihn Folgendes: Vor einiger Zeit haben wir von einem Wunderkinde aus Fünfkirchen gesprochen, das in Pest durch sein erstaunliches Rechentalent die allgemeine Aufmerksamkeit erregte. Heute erschien das Kind an der Hand seines Vaters in unserem Bureau. Wir sahen einen körperlich gut entwickelten Knaben, welcher nach der Angabe seines Vaters, die vollkommen glaubwürdig erscheint, 43/4 Jahre zählt. Der Knabe heißt Moriz Frankel und ist von neun Kindern eines Schneiders der siebente Sprößling. Wir hielten die ungarischen Berichte über die Rechenkunst des Knaben für übertrieben, allein wir müssen sie heute, nach den merkwürdigen Leistungen des kleinen Rechners, als vollkommen richtig bezeichnen. Er führte die schwierigsten Multiplicationen und Divisionen mit einer Sicherheit und Raschheit aus, welche verblüffte. Es machte einen eigenthümlichen Eindruck, die Milliarden und Millionen zauberschnell und oft viel rascher, als sie auf dem Papier ausgerechnet werden konnten, von den Lippen des Knaben genannt zu hören. Die Genauigkeit und Schnelligkeit dieser lebendigen Rechenmaschine ist wunderbar; ebenso merkwürdig ist das Benehmen des Knaben, während es in ihm geheimnißvoll gährt und arbeitet. Wird eine Aufgabe gestellt, so fixirt der Knabe zuerst den Sprecher, während dieser die Ziffern angibt, mit großen scharfen Augen. Er beginnt dann etwas unruhig zu werden, ergreift ein naheliegendes Stückchen Papier, zerknüllt es oder steckt es in den Mund, springt von seinem Sitze auf, um sich auf den Schoß des nächstbesten Zuhörers zu setzen, läßt inzwischen ein leises „Ja! ja!" mitunter in unsicherer Weise einzelne Ziffern hören, dann plötzlich ruft er in höherem, triumphirendem Tone die geforderte Lösung aus. Auch die complicirtesten Aufgaben schienen ihn nicht sonderlich anzustrengen. Nur bei längerer Thätigkeit zieht über das Gesicht des Knaben eine flammende Röthe; er wird aufgeregt, nervös, die Stirne runzelt sich, und man glaubt, die kleine Gedankenkammer solle von den Zahlenmaffen gesprengt werden, die das Kind darin hin- und herwälzt ... In solchen Momenten regt der Knabe ebenso zur Bewunderung wie zum Mitleid an. Er hält mit Zähigkeit an dem einmal angegebenen Thema fest, auch wenn ihn die Hörer davon dispensiren wollen, und gibt dann etwas ermüdet das Resultat an. Doch sind dies nur vorübergehende Momente der Erschöpfung; zumeist ist der Knabe heiterster Laune und löst die gestellten Aufgaben mit fteundlicher Miene und herzlichster Freude an dem seltenen Können. Sein Vater will ihn vorläufig in einigen Schulen Wiens präsentiren und dann eine öffentliche Rechen-Soiree mit dem Knaben geben. Die Eltern erfuhren erst vor einigen Monaten durch einen Zufall von dem Talente des Kindes. Der Knabe war in einen Laden getreten, -ii /

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