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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-10-08 · Heft 41 (8.10.1878) · p. Seite 648

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 41 (8.10.1878)
Date
1878-10-08
Page
Seite 648 (sequence 8)
Language
German
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648 die ganze Welt hinauszutragen, auch wenn die Boten und Prediger, die das thaten, dafür ihr Leben lassen mußten. Von den Juden erzählt die Geschichte seit Christo fast nur, daß sie mit den Völkern über der Frage vom Mein und Dein in tausendfachen und blutigen Streit geriethen. Unsere jüdischen Wortführer erklären, daß die Juden der Knecht, der Zeuge und Prediger Gottes unter den Völkern seien, von dem Jesaia in seinen Kapiteln vom 40. an redet. Wo ist nun dieser Prediger 1800 Jahre lang thätig gewesen? wo hat er sich heisch geredet? wo hat er vor den Ungläubigen und Gläubigen seine Predigt gethan?" Diese Anklage können wir nicht auf sich beruhen lasten. Sie gehört in die Klaste der niedrigsten Verläumdungen, denn wir können doch nicht annehmen, daß die Redacteure und Mitarbeiter des Missionsblattes so wenig mit der Geschichte dieser 18 Jahrhunderte bekannt find, um eine solche Anklage für aufrichtig und der Wahrheit gemäß zu halten. Wisten sie nicht, daß schon die ersten christlichen Concile die schärfsten Decrete gegen die Juden erließen, welche etwa ihre eigenen Sclaven — denn die damalige Kirche gestattete das Sclaventhum im ganzen Umfange — zum Judenthume bekehrten? Wisten sie nicht, daß die christlichen Staaten den Uebertritt zum Judenthume nicht bloß verboten, sondern mit dem Tode auf den Scheiterhaufen bestraften? Daß noch heute in Rußland selbst auf den Rücktritt eines Juden zum Judenthume die Verbannung nach Sibirien steht? daß in den meisten europäischen Staaten kaum seit einem Jahrzehnt unser Uebertritt erlaubt ist, welche Erlaubniß bereits sehr zahlreich benutzt. wird? Haben diese Leute vergesten, daß jeder Versuch eines Juden während dieser ganzen 18 Jahrhunderte zur Proselytenmacherei nicht blos völlig erfolglos 'gewesen wäre, auch nicht allein für ihn, sondern für die ganze Gemeinde, vielleicht für die Judenheit des ganzen Landes Tod und Verderben herbeigeführt hätte? Fürwahr, den Juden vorzuwerfen, daß sie nicht auf Propaganda ausgegangen, ist, wie wenn man einem mit eisernen Ketten an die Mauer Gefestelten vorwirft, daß er nicht hinausgehe, um der Polizei zu helfen, Spitzbuben einzufangen! Die Juden thaten, was sie vermochten. Sie kämpften ihrer Religion willen um das eigene Dasein und opferten willig Blut und Gut um das Bekenntniß des einzigen Gottes. Sie widmeten ihrer Lehre eine unermeßliche Geistesarbeit, die in einem umfaffenden Schristthum der Welt vorliegt. Man zeige doch noch eine einzige Nation von wenigen Millionen, die geknechtet und verfolgt eine solche Literatur hervorbrachte und pflegte! Seitdem die Festeln gefallen, seitdem die Cenfur ihnen nicht mehr jedes freie und offene Wort untersagt, haben die Juden angestrengt daran gearbeitet, ihre Religionslehre vor der ganzen Welt in klares Licht zu stellen; sie unterließen nichts, um ihr Wort vernehmbar zu machen, und die Wahrheiten, die sie bekennen, in alle Welt hinaus zu tragen. Dies wird ihnen schon genugsam verübelt, und man macht es ihnen durch möglichstes Jgnoriren sehr schwer. Eine solche Propaganda ist die wahre Pflicht eines jeden aufrichtigen Bekenners einer Religion und wir erfüllen sie nach Kräften. Hingegen Sendlinge, besoldete Personen hinaus zu schicken, um hier und da mit allen möglichen Künsten eine Seele zu fangen, ist ein sehr zweideutiges Geschäft, das wir ohne Neid Anderen überlasten. Hiermit ist wohl diese Sache abgethan, und auf das Gerede des Artikels über eine in Chicago erschienene Brochüre einzugehen, die nur die Ansichten eines Einzelnen vertritt, halten wir für überflüssig. — Indessen wollen wir noch eine Bemerkung hinzufügen. In der antireligiösen Strömung unsrer Zeit halten wir es für viel angezeigter, daß jede Religionsgenoffenschast ihre Anstrengungen vielmehr darauf richtet, innerhalb ihres eigenen Kreises die religiöse Ueberzeugung zu stärken und zu befestigen, als eine kleine Zahl zweifelhafter Proselyten zu machen. Wir glauben dies ganz besonders von der christlichen Kirche, in welcher factische Erscheinungen genug vorhanden sind, nm sie auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die sie in ihrem Inneren bedrohen. In Berlin z. B. mußte vor Kurzem die Markuskirche aus Mangel an Mitteln geschloffen werden, und die Bartholomäuskirche und die mit derselben verbundenen St. Stephanskapelle sind insolvent geworden. Aehnliches kann bisjetzt von einer Synagoge nicht berichtet werden, und als z. B. zu Newport die Gemeinde durch Auswanderung zu existiren aufhörte, wurde dafür gesorgt, daß ihre Synagoge und ihr Friedhof dauernd in gutem Zustande erhalten bliebe. Aus Frankreich berichtet der Generalvikar Bougaud: „Das große Seminar von Nimes hatte sonst 80, jetzt 34 Zöglinge. In der Diöcese Troyes fehlen 91 Priester, im Bisthum Orleans 120, im Bisthum Evreux 112, in dem von Meaux 62 u. s. w. Im Bisthum Sens sind 62 Pfarrstellen unbesetzt und im dortigen Seminar befinden sich anstatt 120 Zöglinge nur 50. Das Seminar in Rheims sank von 230 Zöglingen auf 150. u. s. w." Dies aus dem katholischen Frankreich! Bei den Juden macht sich ein solcher Mangel an Theologen durchaus nicht fühlbar, und wenn eine Gemeinde, selbst eine kleine, eine Rabbinervakanz ausschreibt, laufen mehr als dreißig Bewerbungen ein. Was heften sich also diese Leute an die Sohlen der Juden, während in ihrer eigenen Mitte die Arbeit so groß, der Arbeiter so wenige sind?! Belgien. Brüssel. 24. Sept. (Privatmitth.) In meiner vorgestrigen Correspondenz über die Einweihung der neuen Synagoge vergaß ich eines Umstands, der zu charakteristisch ist, um mit Stillschweigen übergangen zu werden, noch dazu, da die hiesigen liberalen Blätter ihn mit starkem Accent hervorheben. Es konnte nemlich hier kein Organist zum Spielen der Orgel

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