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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-10-08 · Heft 41 (8.10.1878) · p. Seite 646

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 41 (8.10.1878)
Date
1878-10-08
Page
Seite 646 (sequence 6)
Language
German
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646 Vorwurf zu machen, sondern sein außerordentliches Verdienst! auch heute noch rühmend anzuerkennen. — Wir kommen schließlich zum Philosophen Maimonides. Luzzatto spricht sich gegen alle Religionsphilosophie aus. Er gehört also zu der, früher überaus großen Elaste jüdischer Lehrer, welche alles philosophische Denken als den einfachen treuen Glauben gefährdend betrachteten. Hierin ihn zu bekämpfen, halten wir für überstüssig. Wenn wir die Wistenschaft des Judenthums nicht auf bloßes literarisches und historisches Wisten beschränken wollen, wenn wir in ihr auch eine immer wiederholte lebendige Bearbeitung des Gedanken- und Lehrinhalts des Judenthums erstreben, so können wir der philosophischen Betrachtungs- und Behandlungsweise nicht entbehren, ohne uns zu nichts Anderem als einer banalen, jeder tieferen Geistesrichtung fremden Auffassung und Behandlung zu verdammen. Luzzatto's Urtheil über den philosophischen Gehalt des Maimonides ist durch und durch ungerecht und einseitig. Dies hier nachzuweisen, würde uns zu weit führen. Nur Eines wollen wir bemerken. Luzzatto ist auch Gegner des Mysticismus', der Kabbala. Wo aber war dieser verfüherischen Richtung ein Gegengewicht zu finden, wenn nicht in den philosophischen Werken des Maimonides? In diesen war es enthalten, in diesen wurde es Jahrhunderte lang gesucht und gefunden. Wir begnügen uns mit dieser kurzen Entgegnung. Ist der Brief Luzzatto's immerhin anregend und ein Zeugniß seines für freie Bewegung eintretenden Geistes, so beweist er doch den Mangel eines klaren und richtigen Verständnistes und gewister Eigenschaften des Herzens, die auch dem Kritiker nicht fehlen sollen. 6 W/<xcfeticßteu/. Deutschland. Köln, 23. Sept. (Privatmitth.) Auf dem hiesigen Theater wurde jüngst „Nathan der Weise" und zwar in trefflicher Weise gegeben. Die „K. Z." enthielt nun gestern eine Kritik dieser Aufführung, die mit Sätzen begann, welche wir, in Ansehung des Blattes, das sie brachte, nicht mit Stillschweigen übergehen mögen. Sie lauten: „Als Lessing Nathan der Weise schrieb, im nächsten Jahre ist seidem ein Jahrhundert verfloffen, waren Welt und Kunst freilich von der heutigen sehr verschieden, aber immer üben die idealen Gestalten, welche der Dichter damals geschaffen, ihren Zauber aus das andächtige Publicum aus, wenn auch das Jntereste an dem Inhalt des Dramas nicht mehr so brennend ist wie zur Zeit, da der Dichter die Bühne zum Kampfplatz für Glaubenssreiheit und Humanität wählte. Die Judenfrage ist längst entschieden, so sehr entschieden, daß sie vielleicht nächstens einmal in völlig umgekehrter Form wieder auftreten wird, und wenn man hier und da noch einmal Lessing's Patriarchen sprechen hört, so hat das nichts mehr zu bedeuten. Auch unsere Kunstideale find andere wie zu Lessing's Zeit, und wir finden vielleicht die Welt und die Menschen, die Lessing uns vorführt, etwas schematisch und wenig wahrscheinlich, dennoch aber bleibt Nathan ein Hauptstück für die deutsche Bühne und auch das jüngere Publicum appiGudirt den edlen Gedanken, obschon sie sehr bestimmt den Character des vorigen Jahrhunderts haben." Daß „Welt und Kunst" vor einem Jahrhundert anders waren, ist eine banale Bemerkung, daß bei dem Nachdruck, den der Kritiker wiederholt darauflegt, wir einen besonderen Gedanken dabei voraussetzen müsten. Und der findet sich denn auch alsbald in dem sonderbaren Satze, daß die Judensrage längst entschieden sei, und zwar „so sehr entschieden, daß sie vielleicht nächstens in völlig umgekehrter Form wieder auftreten wird." Wenn der Kritiker beweisen wollte, daß Lessing's Nathan der Weise noch heute ein Bedürfniß, noch heute in voller Gültigkeit und von unschätzbarem Werthe ist, so hat er solches durch dieses Sätzchen am schlagendsten, wenn auch unbewußt, gethan. Denn was soll dies heißen? Hat man den Juden irgend welche Vorrechte, irgend welche Privilegien und Monopole ertheilt, die man ihnen nehmen müste, um jener Gerechtigkeit und Humanität zu genügen, welche Lessing predigte? Gewiß nicht. Man thut nichts, als den Grundsatz der Gleichstellung aller Staatsangehörigen anzuerkennen und zu verwirklichen, und die Juden nicht davon auszunehmen. Daß man es ihnen in facto so schwer wie möglich macht, dieses allgemeinen Rechtes zu genießen, erweist die tägliche Erfahrung. Der Satz des Herrn Theaterkritikers heißt also nichts Anderes, als man werde den Juden ihre bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte wieder nehmen oder doch beschränken, d. h. also Hand anlegen an den Grundsatz der Gleichberechtigung im Staate, also dieses Fundament des modernen Staates zerstören und die ganze mittelalterliche Rechtsverwirrung wieder heraufbringen. Nun, wir glauben, daß der Herr Kritiker mit vielen Genoffen diesen Wunsch hege, wir glauben, daß Lessings Nathan der Weise noch lange nicht genug Gerechtigkeit und Humanität verherrlicht hat, um nicht Neid, namentlich den Concurrenzneid, Mißgunst, Vorurtheil und unbegründete Gehässigkeit in zahllosen Geistern zurückgelasten zu haben — aber wir glauben auch, daß es diesen niedrigen Leidenschaften nicht gelingen werde, das Steuerruder der Gesellschaft und des Staates wieder in die Hand zu nehmen. — Darin hat der Herr Kritiker Recht: die dramatische Kunst ist anders geworden. Aber ftagen wir uns auf-

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