Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1878)
- Date
- 1878-10-08
- Page
- Seite 645 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227177-3227219--36602-3306664- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
645 „Aber Maimonides, der prätendirte, die Religion seiner Väter zu reinigen und sie eines Philosophen würdig zu machen, war er Philosoph? kannte er den Menschen, die Natur des Willens, die Verbindung unsrer Willensäußerungen mit den bestimmenden Motiven (wie sie sehr wohl gekannt hat 'irren im Tt 1TX, und selbst die sehr orthodoxen Verfasser des '"irc und des n*C2^>n mein) wenn er das Dogma der Belohnung und Bestrafung buchstäblich nahm? Mußte er nicht annehmen, daß dieses Dogma auch nichts als ein n*TN fi£,£?2 min mm ist?" In dieser Kritik, die übrigens, wenn auch kürzer gefaßt, in den Briefen mehrmals wiederkehrt, fällt zunächst die herbe, pietätlose Ausdrucksweise auf, die übrigens Luzzatto auch gegen Andere übt, ganz besonders gegen Spinoza, den er einen „armseligen Sophisten" nennt, gegen Gabirol, als Vorläufer Spinoza's, gegen Mendelssohn, den er der Coquetterie mit den Christen beschuldigt, wodurch er die Juden nach dieser Richtung verführt habe, u. s. w. Daß Luzzatto auch gegen Maimonides seine Kritik wandte, werden wir am wenigsten ihm verdenken, nachdem wir selbst im Jahrgang 1864 eine Reihe kritischer Artikel gegen die vom 25. Abschnitt des 111. Buches des JSIore Nebuchim ab gegebenen Erklärungen der Zwecke der Gesetze veröffentlicht haben. Aber man vergleiche die Art und Weise, wie dies geschieht. Bei voller Anerkennung der bedeutenden Fähigkeiten und Leistungen Luzzatto's läßt sich doch nicht verhehlen, daß er zu der Claffe von Kritikern gehörte, welche mit der größten Schärfe nach allen Seiten hin ihre Kritik üben, aber vor gewiffen Punkten stehen bleiben, und dann mit wahrem Fanatismus gegen die sich wenden, welche nicht wie sie marschiren und dann auf ihr Geheiß an denselben Punkten stehen bleiben wollen. So z. B. sprach Luzzatto die Autorschaft Kohelet's Salomo Wider die Tradition ab, dagegen donnerte er gegen Alle, welche den zweiten Theil des Jesajas, der in Babel spielt und im Kanon vorsichtig durch vier Geschichtscapitel vom älteren Jesajas getrennt ist, nicht dem Propheten aus der Zeit Hiskia's zuschrieben, obschon dem sonst so feinfühligen Hebraisten es schnell einleuchten mußte, daß ihm hier das Werk eines anderen Autors vorliege. Luzzatto findet nicht harte Worte genug, um sie zu verurtheilen. — Wenden wir -uns nun zu obiger Kritik des Maimonides, so geben wir zu, daß Luzzatto in einigen Punkten toohl Recht hat, jedoch nur mit völliger Verkennung oder Mißachtung geschichtlicher Verhältniffe. Zunächst die dreizehn Glaubensartikel. In jener Zeit standen die Christen und Mohamedaner mit genau formulirten Glaubenssätzen einander gegenüber und bekämpften sich gegenseitig und ebenso die Juden in Disputationen und Schriften an der Hand dieser Glaubenssätze. Es war deshalb ein dringendes Bedürfniß, auch den Juden eine solche Formel in die Hand zu geben, welche den Glaubensschatz der damaligen Judenheit zu bestimmtem Ausdruck brächte. So allgemein auch die dreizehn Glaubensartikel angenommen wurden, und dies ist ein Zeugniß für das Bedürfniß, so wurden sie doch niemals zu einer Glaubensseffel, zu einer bedingenden Glaubensnorm gemacht und frühzeitig ohne Anstand bestritten. Während von streng orthodoxer Seite die sorgfältige Uebung auch des kleinsten Gebrauches gefordert wurde, so verlangte doch Niemand das Bekenntniß der dreizehn Glaubensartikel des Maimonides. — Was zweitens die Codisication der tradirten Gesetze betrifft, so haben wir uns wiederholt, hier mit Luzzatto übereinstimmend, ohne deffen Ansicht zu kennen, dahin ausgesprochen, daß eine solche Codisication dem Wesen und Zwecke der Tradition widersprach und ganz besonders der talmudischen Methode entgegentritt. Das Wesen der Tradition ist der stüssige Zustand der Gesetzgebung, um die veränderten Lebensverhältniffe, Bedingungen und Bedürfniffe mit dem tradirten Gesetz auszugleichen und in die nöthigen Formen zu bringen. Der Talmud bietet uns deshalb ausführlich die Protocolle über die desfallsigen Verhandlungen dar und skizzirt die in den letzteren aufgestellten Ansichten. Die Codisication unterdrückt diesen Entwicklungsgang, bringt diesen Fluß in den Zustand der Erstarrung. So geschah es auch, und die lad. hachsaka führte zum Schulchan Aruch und dem blinden Gehorsam gegen diesen. Jndeß auch hier tritt die Geschichte rechtfertigend für Maimonides ein. Zur wirklichen Fortentwickelung der Tradition gehören zwei Dinge: ein schöpferischer Geist und reale Mittelpunkte, an welchen srch größere Körperschaften fähiger Gesetzeslehrer zusammensinden. Letztere, wie sie in Jerusalem und Babylon bestanden hatten, waren nicht mehr vorhanden, und der schöpferische Geist in gesetzgeberischer Beziehung war ausgegangen. Die Berge von JT"w, die entstanden, haben in ihrem kleinlichen, nur das vorhandene Material zu ängstlich gezogenen Schlüssen verwendenden Geiste die Tradition nicht um einen Fuß in die Höhe gehoben. Nun aber waren die Juden in kleinen, autonomen Gemeinden über die ganze damals bekannte Welt ausgestreut. Was sollte aus ihnen werden, wenn nicht die gesetzlichen Normen firirt, eine gewisse Einheit hergeftellt würde? - Es handelte sich hierbei nicht blos um das Ceremoniale, sondern um sehr reale Dinge, z. B. das Eherecht und die Rechtspflege, soweit sie noch den Juden zustand. Man weiß, wie hartnäckig, falls irgendwo sich erst ein Gebrauch festgesetzt hat, dieser der ganzen Welt gegenüber sich auftecht erhält. Der Zerfall, die Zersplitterung der ganzen Judenheit in zahllose — nicht dogmatisch, aber factisch getrennte — Secten und Fractiönchen drohte, die Trennung der Riten giebt nur ein schwaches Abbild davon. So war die Codisication aus der geschichtlichen Lage heraus ein unumgängliches Bedürfniß geworden, wie der allgemeine Beifall, den das Werk des Maimonides fand, und deffen schneller Sieg über die anfänglich zahlreichen Gegner thatsächlich erweisen. War das Factum von dem gegenwärtigen Gesichtspunkte aus beklagenswerth, so ist doch dein Maimonides daraus kein