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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-10-08 · Heft 41 (8.10.1878) · p. Seite 644

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 41 (8.10.1878)
Date
1878-10-08
Page
Seite 644 (sequence 4)
Language
German
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644 n. S. D. Luzzatto und Maimonides. Wir erhalten durch die Freundlichkeit des Herrn I>r. Jesaias Luzzatto, des Sohnes des berühmten Schriftstellers und Lehrers an der ehemaligen Rabbinerschule zu Padua: „Index raisonne des livres de correspondance de feu Samuel David Luzzatto de Trieste, precede dun avantpropos et suivi d’un Essai de pensees et jugements, tires de ses lettres inedites. Padove, 1878." In dem Vorwort hebt der Herausgeber die vielen Aufforderungen hervor, die an ihn ergangen find, die Briefe seines Vaters zu veröffentlichen. Er hält aber die Zeit hierzu für noch nicht gekommen, weil die Briefe nicht wenige noch lebende Persönlichkeiten verletzen würden und dies um so mehr, da Luzzatto, wie er auch in seiner Selbstbiographie gesteht, eines herben, ja bitteren Tones ffch nicht entschlagen konnte, und die Schärfe des Ausdrucks nicht zu mildern vermochte. Man kann dies nur anerkennen und wünschen, dieses Beispiel wäre auch anderweitig befolgt worden. Es ffnd nämlich nicht immer allein die Personen, über welche gesprochen wird, die unter den brieflichen Mittheilungen leiden, sondern bisweilen der Brieffteller selbst, der ffch in seinen Ausladungen malt, und hierdurch dem Leser ein Bild seines eigenen Selbst einprägt, das nicht sehr schmeichelhaft ist. Wenn Selbstüberschätzung, Hofffahrt, Neid und Mißgunst in diesem brieflichen Sichgehenlaffen unverhüllt zum Vorschein kommen, wenn die bittre, scharfe Kritik ohne eigenes schöpferisches Vermögen, die Herzenskälte bei vielem Wiffen ffch dem Leser verräth — dann verliert das Gedächtniß des Briefftellers durch die Veröffentlichung seiner Briefe, die doch nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt waren, mehr als er und die Welt durch ffe gewinnen. Um dieses zu vermeiden, so weit es auf die Briefe Luzzatto's zutrifft, und die Herausgabe für die Zukunft vorzubereiten, giebt das vorliegende Schriftchen zuerst das Verzeichniß von 117s Briefen, deren Datum, Adreffaten, der Sprachen, in denen ffe geschrieben ffnd, und hierzu Bemerkungen und Resumes. Es ergiebt ffch hieraus der Reichthum an Gegenständen, die in diesen Briefen berührt werden, an wiffenschaftlichen Bemerkungen im Allgemeinen und im Detail. Von Seite 91—113 folgen wörtliche Mittheilungen aus Briefen, welche „Gedanken und Urtheile" aus diesen Briefen bringen, und zwar in ftanzöffscher Sprache. Alsdann einige Familien- und Freundschaftsbriefe in italienischer Sprache und einige französische Poesien, die jedoch nur Werth für die Besungenen haben. In dem zweiten Theile der Schrift fällt uns ein Urtheil über Maimonides auf, das wir hier wiedergeben wollen, da es höchst charakteristisch ist. Der Brief ist an den sel. Lebrecht in Berlin gerichtet, Padua 20. August 1845. „Jetzt bin ich genöthigt .... Ihnen für die großmüthige Verzeihung zu danken, die Sie freundlichst meinem orthodoxen Fanatismus, und namentlich gegen den Maimonides, angedeihen laffen wollen. Ihre Großmuth wird auch, wie ich hoffe, mir verzeihen, wenn ich nicht blindlings Ihre Verzeihung annehme, und wenn ich einige Erklärungen über den Fanatismus, den Sie mir beimeffen, von Ihnen verlange. Haben Sie Beweise, daß ich mit dem Kopfe eines Anderen denke? Haben Sie Beweise, daß ich mich jemals (seit dem Alter von zwölf Jahren) bei der Autorität eines Andern beruhigt hätte? Hat mein Fanatismus * jemals Glaubensartikel zugelassen? Habe ich nicht gerade wegen der Glaubensartikel, die er erdacht, meine Stimme gegen Maimonides erhoben? Sehen Sie n"2 III. p. 70." ,Hch verachte Maimonides: 1) weil er mit dem Kopfe des Aristoteles und seiner Commentatoren gedacht hat, und 2) weil er ein Hauptfeind des Fortschritts der Juden gewesen, indem er sein Möglichstes gethan, um unsre Hände in dem practischen Theile zu binden, den er fixiren und unbeweglich machen wollte, sowie unsren Geist in dem speculativen Theile. Der Talmud hingegen bietet uns alle die Veränderungen, die unsre Gesetze während der verschiedenen Jahrhunderte erfahren haben, und alle die verschiedenen Meinungen der alten Lehrer. Wenn wir nur den Codex Maimonides hätten, würden wir glauben, daß fast alle E'jH seien TD2 riwE2? rcS“. Ebenso gestattet uns der Talmud in dem theoretischen Theile durch seine ewigen Dispute viel Denkfteiheit, deren uns Maimonides durch seine 13 Artikel hat berauben wollen. Von dogmatischer Seite habe ich Maimonides getadelt, daß er einer großen Menge Menschen die Unsterblichkeit abgesprochen hat, d. h. allen den Gottlosen und Denen, die keine gesunden metaphysischen Ideen hätten; eine Lehre, die nicht nur heterodox, sondern auf's Höchste der Gesellschaft schädlich ist. Außerdem verachte ich Maimonides, weil er die Religion und die Philosophie vermischt hat und vereinigen wollte, ohne weder die eine noch die andere recht zu kennen. Der unempfindliche und unveränderliche Gott der Philosophie ist und wird nicht sein der der Religion. Dies ffnd nur (sagte ich in einer Abhandlung über die Targumim, welche Geiger nach seinem Gefallen verstümmelt und in seinem Journal veröffentlicht hat [V. 124—137]) kleinliche und pedantische Anstrengungen der sog. Philosophen des Mittelalters, welche die Bibel mit den Lehren ihrer Philosophie vereinbaren wollten. Man kann, wenn man will, eine Religion reinigen, sie wird aber niemals einen Gott ohne Anthropopathismus predigen. Ein unbeweglicher und unbeugsamer Gott, der jede Sache für ewige Zeiten vorherbestimmt hat, wird niemals der Gegenstand unsrer Anbetung, unsrer Liebe, unsrer Furcht, unsrer Gebete sein. Es ist also unausbleiblich, daß die Religion uns über Gott nicht die Idee des unendlichen, absoluten Wesens bietet, sondern eine Idee, unsren Bedürfniffen entsprechend, und derart, uns bester zu machen und in unsren Unglücksfällen zu erleichtern."

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