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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-10-08 · Heft 41 (8.10.1878) · p. Seite 642

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 41 (8.10.1878)
Date
1878-10-08
Page
Seite 642 (sequence 2)
Language
German
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642 läuternd und erhebend auf die Seele, und vollbringen so in jedem Geiste wenigstens Etwas von der erhabenen Aufgabe der Religion: in allen einzelnen Menschen wie in deren Gesammtheit die Verbindung zwischen Mensch und Gott lebendig zu erhalten, das Bewußtsein des Guten, der Tugend, der Pflicht aus den Geistern nicht Weichen zu lassen und durch die Gewißheir der Nahe und Barmherzigkeit Gottes die Gebeugten aufzurichten und die Schwankenden zu festigen. Fürwahr, die Wirksamkeit jedes Gesetzes ist nicht sowohl, den Schuldigen zu strafen, als vielmehr den Schwachen vor Fehltritten zu bewahren, und schwach find wir allesammt. So ist es auch das Werk des Versöhnungstages, nicht sowohl den Verbrecher, den Frevler, den, der schweres Vergehen vollbracht hat, zu treffen, ihn mit der ganzen Bitterkeit seiner Schuld zu durchdringen und zur Umkehr zu nöthigen — alles dies soll er, aber mehr noch in Allen das Gefühl der Schuldhaftigkeit wecken, und sie ihrem Gotte zur Vergebung nahebringen. Denn das aufrichtige Gefühl der Schuldhaftigkeit vor Gott ist die höchste religiöse Beziehung zu Gott. Sie fließt nicht aus der Furcht, sondern aus der Liebe zu Gott. Nicht der Diener vor dem Herrn, nicht der Untergebene vor dem Vorgesetzten, selbst nicht der Verpflichtete vor dem Wohlthäter, sondern das Kind vor dem Vater empfindet das wahre und unvermischte Gefühl der Schuldhaftigkeit, denn außer allen anderen Beziehungen fühlt das schuldige Kind in seiner Liebe zum Vater, daß es das Herz des Vaters verletzt habe, und daß hierin seine eigentliche Schuld liege. Auch find es hier nicht die bösen Folgen und die Strafen, die in Betracht kommen, sondern es gilt dem reuigen Kinde, das Herz des Vaters zu versöhnen, deffen Liebe wieder zu gewinnen, und ^Utßlektetl. erst in dem Erreichen dieses Zieles findet es die Ausgleichung, den Frieden.und, wie der Psalmist sagt, das Jubeln seines Herzens wieder. Was daher die Vergötterer des Menschen- Hvaciuthe Toysan und das Judenthum, thums gegen dieses Gefühl der Schuldhaftigkeit sagen, ist nur Von deutschem Standpunkte haben die Ansichten und leere Phrase. Es ist keine Demüthigung und Entnervung des; Vorträge des P. Hyacinthe Lohson, der fich auf dem linken Menschen, fich schuldhaftig zu wissen vor Gott, sondern die | Flügel der Altkatholiken befindet, wenig Bedeutung. Sie find höchste Erhebung deffelben über alles Gemeine und Niedrige;! willkürlich und sophistisch. Anders in Paris, wo er in der es ist eine Bestätigung nicht blos der Selbstüberwindung,! Mitte steht zwischen den Ultramontanen und den Freidenkern, sondern vielmehr der reinsten und erhabensten Eigenschaften und dies eben von nur Wenigen geschieht. Im vorigen der Menschenseele, des göttlichen Elementes im Menschengeiste. I Winter hielt er zu Paris vier Vorlesungen, die zahlreich be- Hier ist die unmittelbare Anerkennung des Guten und Wahren j sucht und stark applaudirt wurden. Die geachtete Revue als solches; hier die Erkenntniß, daß in Gott das Ideal der, politique et litteraire vom 6. Juli d. I. hielt die dritte Wahrheit, der Liebe und des Rechtes ist und daß der Mensch - derselben, betitelt Le christianisme dogmatique, für wichtig zu diesem Ideale anzustreben vermag, befähigt und verpflichtet' genug, um sie zu veröffentlichen. Eine Stelle in ihr über das ist. Und fließt dieses Gefühl nicht naturgemäß aus unsrem Judenthum scheint uns angethan, hier besprochen zu werden. Herzen selbst hervor? Und widerspricht ihm etwa der Verstand, - Denn, um es gleich hier zu sagen, gerade der Kampf der sobald er fich ernstlich prüft? Haben wir es doch in dieser Parteien nöthigt die Herren oft, selbst wider ihren Willen, Institution unsrer Religion nicht mit einer angeborenen Sünde,' schließlich doch der Wahrheit das Wort zu geben. Der Redner nicht mit der Bedingung eines formulirten Glaubenssatzes,! wirft die beiden Fragen auf: wird der liberale und reformirte nicht mit einer erdrückenden Selbstverachtung und bleibenden1 Katholicismus, der Katholicismus der Zukunft noch Dogmen Selbsterniedrigung zu thun, sondern mit der Auflösung der Disharmonie in dem beseligenden Einklang der göttlichen Versöhnung! Wir wisien sehr Wohl, daß in unsrer Zeit der Mensch, und so auch der Jude, vorzugsweise ein politischer geworden ist. Der Staat wächst in seiner Omnipotenz nach allen Seiten hin, und das Individuum wächst immer mehr als Glied in diesen omnipotenten Staat hinein. Aber der Staat hat schließlich doch nur das materielle Jntereffe zum Ziel und in Sicht, den Bestand, die Ausdehnung nach innen und außen und die Mittel hierzu. Darum, man kann es fich nicht verhehlen, ist die Consequenz, wenn auch die äußerste, dieses omnipotenten Staates der Socialismus, der den Communismus in fich schließt. Gerade darum aber muß unsrem Geschlechts um so nachdrücklicher der religiöse Mensch wieder zum Bewußtsein gebracht werden. Denn die Verirrung nach der materiellen Seite überhaupt und als politischer Mensch liegt so nahe, daß es der äußersten Anstrengung Werth ist, ihn auf diesem Wege zurückzurufen, seine höhere Natur wieder in ihm zu erwecken und die Beziehungen seiner Seele zu Gott und zum Ideale in Gott wieder anzuknüpfen. Mit diesem kurzen Wotte. schließen wir diesmal unsre Betrachtung, der es gelungen sein möge, auch ihres Theiles die ewigen Wahrheiten der Religion in ihren Leserg zu befestigen. Folgen wir in aufrichtiger Begeisterung sott und fott der Standarte, welche die Religion Israels vor Jahrtausenden aufgepflanzt.

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