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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-10-01 · Heft 40 (1.10.1878) · p. Seite 636

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 40 (1.10.1878)
Date
1878-10-01
Page
Seite 636 (sequence 12)
Language
German
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636 ihn genau. Er fand ihn richtig und in Ordnung und sagte: „Nun, so smd wir handelseins. Spannen Sie die Pferde vor." Ich sagte kleinlaut: „Mein Herr, ich bin hier für Heu und Hafer, für Stallung und meine zweiwöchentliche Zeche schuldig, auch meiner Frau daheim muß ich etwas Geld schicken." „Wie viel verlangen Sie denn Angeld?" frug er. „Hundert Rubel", sagte ich fast furchtsam. — „Das ist viel", meinte er; nachdem er sich jedoch ein Weilchen besonnen, fuhr er fort: „Wenn Sie mir Ihren Paß zum Pfände geben, so kann ich Ihnen das verlangte Geld vorfchießen." Mir siel es nicht wenig auf, daß der Mann sich nicht zuerst mein Fuhrwerk zeigen ließ, wie es Viele vor ihm gethan haben, auch daß er so bald auf eine solche Summe einging. — Mir schien es überhaupt, daß er es sehr eilig hatte, und ich fragte mich innerlich, wie es denn komme, daß er ohne den Herrn den Handel abschließe? Dies Alles machte mich nicht wenig stutzen und eine bange Ahnung beschlich mein Herz. — Als ich jedoch meine verzweifelte Lage noch einmal in Erwägung zog, dachte ich: schlimmer, als es jetzt mit mir steht, kann es doch nicht kommen, und obwohl schweren Herzens, schlug ich doch ein und reichte dem Manne meinen Paß zum Pfände hin. Er ergriff ihn, steckte ihn in die Hosentasche und langte aus dem Busen ein Päckchen Papiere hervor, dann stellte er sich mit dem Rücken zum Lichtstreifen, der aus der Schankbude kam, und zählte mir beim Scheine desielben hundert Rubel ab. Während deffen gewann ich Zeit, mir den Mann genauer in Augenschein zu nehmen. Es war eine Mittelsigur, die Haltung gebeugt, eher beleibt als hager, ob vor Kälte oder vor Schwäche, konnte ich nicht wiffen, aber die Kniee schienen ihm zu Wanken. Er trug einen alten Soldatenmantel von fadenscheinigem, grobem Tuche, von eben solchem Zeuge waren Hosen und Weste. Insoweit ich im Dunkeln bemerken konnte, war das Kinn rund, aber von einem ungepflegten, dichten Vollbarte umrahmt; wiewohl kaum vierzig Jahre alt, hatten, wie es mir schien, die Lebensschicksale tiefe Furchen in das volle Gesicht gegraben. Ein Zug von Schwermuth lag in dem ganzen Gesichte; die Gestalt schien geknickt, gebrochen von einem ungewöhnlich harten Schicksale — die Mütze trug er tief bis zu den Augen hernieder, der Blick war fast scheu und stets furchtsam in das Dunkel der Nacht gerichtet. Nachdem ich das Geld empfangen, richtete ich einen inbrünstigen Dankesblick gen Himmel. Wunderbar, dachte ich in meinem Innern, hat deine allmächtige Hand über mich gewaltet. O, ich Elender, und ich konnte an deiner Allgüte zweifeln! Doch es war keine Zeit zu weiteren Reflexionen. Ich bat den Mann, mir in das Gasthaus zu folgen, indem ich versprach, in einem halben Stündchen fertig zu werden. Er weigerte sich aber, mir zu folgen, und wollte, sagte er, am Thore mich erwarten. — Zu meinem Glücke hatte das schlechte Herbstwetter alle die Mäkler aus dem Einkehrhause verscheucht; Geschäfte gab es ja ohnedies nicht; sonst, weiß der Himmel, wie der ganze Handel zu Stande gekommen wäre, mindestens hätte ich ihnen ein gut Theil meines Verdienstes opfern müssen. Ich ging sogleich zum Wirthe, bat um die Rechnung und als ich ihm baar bezahlte, machte er große Augen und sah mich ganz verblüfft an. — Ich hatte so viel Geistesgegenwart, ihm meine innere Freude nicht zu äußern, sondern sagte ganz in gleichgültigem Tone, daß ich mit einem gewiffen Kaufmanns übereingekommen, mit ihm in eine gewiffe Stadt zu reisen, und dieser habe mir auf mein Verlangen Vorschuß gegeben. — Bald hatte ich eingespannt. Mein Mann wartete unter dem Thore und ehe ich mich nach ihm umsah, schwang er sich behend auf das Fuhrwerk und hieß mich in eine gewiffe Richtung fahren, wo er mir schon das Quartier seines Herrn anzeigen werde. — ’Stun ging's hinaus in die rabenschwa:;e Nacht, beim strömenden Regen, in Wind und Wetter; mir jedoch schien es Erlösung von der Hölle. Mit Wonne sog ich die feuchte, kalte Nachtluft in meine beklommene Brust ein, mir ward es allmählich leichter um's Herz, eine centnerschwere Last war von meiner Brust gefallen. Ich trieb meine Pferde zum schnellen Trabe an, die ebenfalls froh schienen, in die frische Luft zu kommen, und meinem Winke munter folgten. Die Straße schien wie ausgestorben, das Rollen des Gefährtes auf dem Steinpflaster hallte weithin, kein Fiaker, ja kein Fußgänger war zu sehen. Der Mann verhielt sich ganz still, duckte sich tief in das Innere des gedeckten Wägelchens und hieß mich mit leiser Stimme immer weiter fahren. — Vor einem Bäckerladen ließ er mich Halt machen, reichte mir ein Zehnrubelstück mit dem Befehle, ihm einige Brode und Semmel zu kaufen. Ich brachte ihm das Verlangte und den Rest des Geldes; „dies behalten Sie bei sich", sprach er, und bat mich, beim nächsten Victualienladen inne zu halten und ihm ein kleines Füßchen holländischer Häringe, einige Schächtelchen Sardellen, Schweizerkäse, Wurst, Thee und Zucker zu kaufen. Dann hielten wir seinem Verlangen gemäß vor einer Weinhandlung. Ich kaufte einige Flaschen Rothwein, Rum, französischen Branntwein u. dgl. Ich ftagte: „Wozu diese Vorräthe, da wir doch überall in den Städten, durch die wir kommen werden, das Alles bekommen können?" Er meinte aber, daß dies Alles in Kiew von befferer Qualität sei; daß es allenfalls bester sei, wenn man das Nöthigste in Bereitschaft habe. Mich nahm es höchst Wunder, daß mein Mann bei jedem Einkäufe mir immer neue Banknoten darreichte, ohne den jedesmal ihm gebrachten Rest annehmen zu wollen. Immer hieß es: „Das können Sie vorläufig bei sich behalten", so daß von diesen Resten allmählich ein hübsches Sümmchen in meiner Tasche sich anhäufte. — Nicht minder wunderte es mich, daß er bei solchem Ueberfluffe an Geld, bei solcher empfindlichen Kälte, so leicht und ärmlich gekleidet war; ich fand es jedoch für rathsam, meine Neugier zu unterdrücken, mich in ein

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