Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1878)
- Date
- 1878-10-01
- Page
- Seite 629 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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629 genommenen katechetischen Form, behandelt der Verfasser die bedeutenden Gegenstände in freierer Bewegung und in frischem, lebendigem Tone, um die Wahrheiten der Religion und die Gebote der Sittlichkeit sowohl dem tieferen Erfaffen des Ver-! standes, als auch der warmen Aufnahme in die Gemüthswelt nahe zu bringen. Er will hiermit den Boden ebnen und festigen, auf welchem die höhere Geistesbildung, auch die wissenschaftliche, sich mit der religiösen 'Anschauung erfüllt und verschmilzt. Deshalb ist es auch geeignet, zum Confirmandenunterricht verwendet zu werden. Aber noch ein anderes Ziel hatte sich der Verfasser gesteckt. Er wollte dem gebildeten Juden einen festen Standpunkt für seine religiös-sittliche Ueberzeugung darbieten, wie dieselbe auf dem Grunde der h. Schrift und durch die talmudisch-rabbinische Entwicklung hindurch im Geiste unserer Zeit sich herausgestaltet hat. Hatte dies das größere Religionswerk 'drei Bände) erstrebt, so giebt das vorliegende Lehrbuch denselben Stoff in bündiger, gedrängter Weise Demjenigen in die Hand, der ein weiteres Studium darüber anzutreten nicht gewillt ist. Mag auch hierin der gut ausgestatteten Schrift eine weite und dauernde Wirksamkeit beschieden sein. Sbetkaocj 5uxxc(atxc&beu/. Deutschland. Berlin, 17. September. (Privatmitth.) Gestern begann im deutschen Reichstage die große Debatte über das Gesetz gegen die Socialdemokratie und es bedarf sicherlich keiner Rechtfertigung, wenn auch in diesem Blatte eine kurze Analyse gegeben wird, soweit sie theils die objective Allgemeinheit, theils das Judenthum insbesonderere interessirt. Ueber die Stellung des letzteren zum Socialismus und deffen Parteiungen hat sich die A. Z. d. I. in den Artikeln: „Der Klaffenkampf in Deutschland" (Nr 24—27) ausgesprochen, und von dieser Grundlage aus läßt sich die Angelegenheit leicht verfolgen. Mit Fug und Recht kann man sagen, daß dieser erste Tag des Redekampfes in durchaus würdiger, für den Reichstag ehrenvoller Weise verlaufen ist. Die Reden zweier Minister und des deutschconservativen von Helldorf zur Vertheidigung des vorgelegten Gesetzentwurfes interessiren uns hier nicht. Die Hauptredner an diesem Tage waren der Socialdemokrat Bebel und der Nationalliberale Lr. Bamberger. Bebel verfolgte zwei Ziele, einerseits die Verbindung zu schildern, welche die preußische Regierung und insbesondere Fürst Bismarck mit den Führern der Socialisten gepflegt haben, andrerseits die Socialdemokratie als von rein idealistischer Natur ohne allen ruhestörenden Charakter darzustellen. Gegen diese letztere Schauspielerei wandte sich Bamberger mit gewohntem Scharfsinn. Er zeigte, wie grundverschieden die Lebensbedingungen des Socialismus bei den anderen Nationen, die von wirklich nationalem Geiste beseelt sind, und in Deutschland sind, sowie die Ursachen, welche in Deutschland die Socialdemokratie in so üppiger Weise emporwuchern ließen. Der idealistische Zug im Geiste des deutschen Volkes, die Tendenz, alle Zu- und Uebelstände als von der Gesetzgebung verschuldet und durch die Veränderung der Gesetze umzugestalten, anzusehen, und vor Allem die Zersplitterung und die particularistische Richtung sind die Factoren dieser jetzt Gefahr drohenden Bewegung. Er sagt hier zutreffend: Das Charakteristische, worauf es hier ankommt, ist die Verbreitung von Haß und Feindschaft eines Theils der Bevölkerung gegen den anderen auf Grund der verschiedenen Bedingungen der Lebenserhaltung und Ernährung. (Sehr richtig! links.) Das ist das eigentlich unterscheidende Kennzeichen. M. H., alle Theorieen über Eigenthum, Capital, Bewegungsrechte, alles das verschwindet vor der Charakteristik des Giftes, das in die deutsche Nation hineingetragen ist und daraus besteht, daß jede Partikel der Nation in wildester Weise gegen die anderen aufgehetzt wurde, indem man sagte, dieser andere Theil lebt auf deine Kosten. Das ist die eigentliche Spitze der ganzen Bewegung, an der sich auch andere Leute als Socialdemokraten betheiligt haben, und wir müffen nothwendig im Gesetz eine Desinition finden, damit auch dieses Aufhetzen der Claffen gegeneinander unter das Gesetz fällt." Hiermit hat der Redner gewiß einen Wunden Fleck berührt, und Jedermann wird dabei Wohl an die Hetze gegen die Juden in der ultramontanen und reactionären Preffe erinnert, wie denn auch schon in den angeführten Leitartikeln gerade dieses Motiv an dem Verfahren gegen die Juden exemplificirt wurde. Bamberger sprach für das Gesetz, das aber noch einer sorgfältigen Ueberarbeitung bedürfe, und trug auf die Verweisung an eine Commission an. —. 18. September. In der gestrigen Fortsetzung der Debatte trug Prof. Hänel die Gründe der Fortschrittspartei gegen den Gesetzentwurf als ein Ausnahmegesetz und zum Mißbrauch gegen andere Parteien geeignet, vor, Kleist-Retzow dagegen die Argumente der äußersten Rechten für den Gesetzentwurf, besonders für die Befugniffe der Polizei. Den Vordergrund der Debatte nahm die lange Rede des Fürsten Bismarck ein, der die Beschuldigungen Bebels über seine Verbindungen mit der Socialdemokratie vollständig entkräftete, zum großen Theil als unwahr erwies und seine Motive klarlegte. Einen bleibenden Werth haben seine Aeußerungen über Laffrlle, und