Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1878)
- Date
- 1878-10-01
- Page
- Seite 627 (sequence 3)
- Language
- German
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627 von selbst, daß bei der Gebundenheit des Verstandes und der Energie des Willens nach einem Ziele hin eine richtige Beurtheilung seiner selbst, eine klare Anschauung von dem sittlichen Werthe seines Wollens und Thuns fast unmöglich ist. Selten wird der Mensch in solchem Stadium Selbstbeherrschung genug besitzen, um sich das Gefährliche seines Seelenzustandes bewußt zu machen, und noch seltener die Kraft, Einhalt zu thun der wilden Strömung seines Gemüthes und die Leidenschaft zu überwinden. Hierbei dürfen wir jedoch nicht vergesien, daß die Leidenschaft nicht allein eine nur zeitweilige Erregung und Aufwallung ist: es giebt deren, welche sich dauernd unsrer Seele bemächtigen und sie für immer durchtränken. Neid und Mißgunst, Boshaftigkeit, Habgier, Ehrgeiz sind Leidenschaften, welche sich zu wesentlichen Elementen unseres Seelenlebens machen, und die den Blick in unsere Seelenbeschaffenheit blenden und verkehren. Daher kommt es, daß so viele Menschen sich für tadel- und schuldlos halten, die es in der Thal nicht sind, ihr Thun und Treiben für vorwurfsftei erachten, obschon sie des Bösen genugsam anstiften. Was aber endlich der Selbsterkenntniß bedeutende Schwierigkeiten bereitet, das ist, wenn wir so sagen dürfen, die allzugroße Verweltlichung unserer Seele. Unsere Leser wiffen, daß wir, auf dem Grunde des Judenthums, einer selbstquälerischen Ascetik, einer Verachtung der Wirklichkeit und der sog. Flucht aus dem Leben, niemals das Wort reden. Aber ein Gegentheil hat sich des modernen Menschen, eine Zerstreuung, eine Hingebung an die Aeußerlichkeit bemächtigt, welche jeder ernsten Einkehr in sein Inneres entgegcnsteht und ihn nicht dazu kommen läßt, reiflich über seine eigenen sittlichen Zustände nachzudenken und diese überhaupt ernst zu nehmen. Die Neuzeit hat das uns umgebende Leben mit einer so unübersehbaren Menge von Gegenständen und Jntereffen angefüllt, hat für die Beschäftigung des Geistes so viele Momente geschaffen, welche dem früheren Menschen fernlagen, sei es aus dem Gebiete des materiellen Berufes und Erwerbes, sei es in den politischen und socialen Bestrebungen, sei es durch die Wiffenschaft und Kunst, daß an eine wirkliche Sammlung und ein aufrichtiges Erkennen seiner selbst wenig mehr gedacht wird. So sehr jedes Stocken der Lebensbewegung, jedes Versinken in Apathie, in geistlosen Schlendrian, in Eintönigkeit dem Geistesleben die sittlich rechten waren, oder ob er irre gegangen? und wodurch? und wie weit? . . . Wenn wir dies unfern Lesern zur Beachtung und Erweckung vortrugen, so wiffen wir, daß man die Frage erheben werde: wenn die Selbsterkenntniß so schwierig, die auf eine solche aufgebaute Reue und Umkehr so selten ist, was ist dann das Werk des Versöhnungstages? wird damit nicht sein Erfolg selbst in Frage gestellt? Die Antwort ist einfach. Niemand vermag in das Seelenleben seines Nebenmenschen zu blicken und zu beurtheilen, was in demselben vorgeht. Ein Gedanke, ein Wort fällt da oft wie ein zündender Funke hinein, und wie weit er ein erhellendes, erwärmendes und läuterndes Feuer anfacht, entzieht sich unserer Einsicht. Auch kommt es nicht allein darauf an, daß eine völlige Umwandlung, daß eine gänzliche Umkehr und sittliche Reinigung vor sich gehe — sondern vor Allein kommt es darauf an, daß das Bewußtsein des Sittlichen, des Guten,, der wahren Frömmigkeit, der Gottesnähe und des Strebens zu Gott in der Gesammtheit der Menschen lebendig erhalten, immer wieder geweckt, immer wieder den Gegensätzen gegenüber fühlbar und erkennbar gemacht werden. Die sittlich-religiöse Atmosphäre der Menschen muß immer wieder von den. Dünsten befreit und mit dem reinen Sauerstoff der religiösen Gesinnung erfüllt werden! Geht der Jude aus der Feier des Vcrsöhnungstages mit diesem neugestärkten Bewußtsein und mit dem Gefühle, Gott wieder näher gekommen zu sein, hervor: so hat die Religion ein wohlthätiges Werk vollbracht und sie kann sich ihres Erfolges erfteuen. Hierüber noch eine Schlußbetrachtung. Ernancipirt und nichtemancipirt. Wir erhielten jüngst den zweiten Jahrgang des russischen Kalenders auf das Jahr 5639 von Gurland (Warschau 1S7S), dessen Erscheinen uns aus den: Grunde erfreut, daß seine Verbreitung auch die Verbreitung der russischen Sprache unter den Juden des Czarcnreiches in steigender Maffe erweist. Wir fanden in demselben auch eine statistische Tabelle, welche ergiebt, daß im europäischen Rußland 2,803,927, und im asiatischen Rußland 34,673 Juden wohnen, zusammen 2,838,60". Dabei nachtheilig ist, auch dem sittlichen: in gleichem Maße wirkt| krängte sich uns die Frage auf: wie viele unsrer Glaubensder Drang nach ununterbrochenem Streben, nach unaufhörlichem! genoffen gegenwärtig sich der völligen bürgerlichen und poli- Erringen, ohne Stillstand, ohne Tleberblick über das Erstrebte, tischen Gleichstellung erfreuen? wie viele dieselbe noch nicht und Erreichte, ohne Würdigung und ernstliche Schätzung des genießen? und wie viele derselben in nächster Zukunft theil- Geschehenen und Vollbrachten nachtheilig und das Bewußtsein. hastig werden sollen? Wir überschlagen hier die Summen in verwirrend, und ein solcher Drang ist die Signatur unserer' runden Zahlen, und müssen fteilich da, wo eine sichere Sta- Zeit. Wer hat da noch Zeit, die Sonde in das eigene Herz j tistik noch nicht vorhanden, zur ungefähren Schätzung nach zu senken und die Wundmale unserer Seele zu prüfen? Wer j etwaigen Notizen uns bequemen. Wir haben nun in Oefterfühlt sich veranlaßt, stillzustehen auf seinem Wege und sich i reich-Ungarn 1,200,000, im deutschen Reich eine halbe Million, prüfend nach den Schritten umzusehen, die er gethan, ob sie! in Frankreich mit den nunmehr naturalisirten Israeliten in 40*