Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1878)
- Date
- 1878-10-01
- Page
- Seite 626 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227177-3227218--36582-3306643- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
626 Läuterung und Besserung, in welcher ihm die Barmherzigkeit^ Gottes Vergebung auch der schwersten Schuld zustchert *). Aber die Mehrzahl der Menschen, glauben wir, gelangen im Gleichmaß des Lebens nicht bis zu diesem Aeußersten, bis zum frevelmüthigen Verbrechen. Dafür breitet sich vor ihnen das unübersehbare Feld der Verirrungen aus. Jedermann beschreitet es und wandelt darauf mehr oder weniger umher, verfällt größeren oder geringeren, schwereren oder leichteren Jrrthümern, mit denen er sich verschuldet, die mehr oder weniger seine Seele vergiften und von denen er, wenn er nicht innehält und verleugnen oder doch verhüllen, unsere Fehltritte entschuldigen oder gar rechtfertigen wollen. Und an diesem Willen sehlt es uns niemals. Pochte es einmal ernstlich an unsere Brust, so eilen wir, die Bewegung unserer Seele nach einer aufrichtigen Einschau in ihre Beschaffenheit und Zustände zu beschwichtigen und von ihr wieder abzukommen. Dies ist es, was uns am meisten fehlt, das Streben nach einem aufrichtigen Bewußtsein unseres Seelenzustandes. Wenn wir etwas fühlen, wollen, thun, wie selten machen wir uns die Beweggründe klar und gehen auf den wirklichen Ursprung unseres Wollens und sich von ihnen befreit, immer weiter in die Irre geführt wird. Handelns zurück. Und hierzu trägt am meisten die Gewohn- Dies ist mehr oder weniger der Zustand jedes Menschen.' heit bei, allzusehr im Schein und für den Schein zu leben. Und doch muß er immer wieder aus ihm heraus, will er frei! Der an und für sich berechtigte Wunsch, von seinen Nebenvon Schuld, rein in seiner Seele, rein vor Gott werden!! menschen für gut und mit schönen Eigenschaften begabt an- Hier ist es nun, wo der Sänger sich wieder zu Gott wendet! gesehen zu werden, bringt uns dahin, beffer und mehr scheinen und um Freisprechung bittet von den Verirrungen, die ihm zu wollen, als wir sind. Dieses Haschen nach dem Schein verborgen bleiben, denn „Verirrungen, wer sieht sie ein", d. h.j senkt sich auch in unser Inneres und macht sich geltend, soschwer, sehr schwer wird es dem Menschen, seine Verirrungen! bald wir uns selbst betrachten, und so ist unsere Seele listig einzusehen, sich ihrer schuldig zu finden, und sich ihrer ernstlich genug, uns über uns selbst zu täuschen, uns. Tugenden anzu- und dauernd zu entledigen. Und warum wird ihm dies so; dichten, die wir nicht besitzen, und all' die Mangelhaftigkeit zu schwer? Fehlt es ihm etwa überhaupt an dem rechten Wiffen, verhüllen und zu beschönigen, an der wir kranken, oder doch an den Unterschieden des Guten und des Bösen, des Rechten j das geringste Maß derselben anzunehmen. Darum ruft der und des Unrechten? Gewiß nicht, denn wir sehen ja, wie; Prophet Jeremias aus (17,9): „Voll Liste ist das Herz, mehr leicht wir die Fehler unserer Nebenmenschen erkennen, ihr! denn Alles, und siech ist es, wer durchschaut es?" Wie sehr Unrecht tadeln, ihre Vergehungen züchtigen. Derselbe Scharfdies die Selbsterkenntniß erschwert, ja das Verlangen danach blick sollte nur auch auf uns selbst angewendet werden! Um! gar nicht auftommen läßt, ist einsichtlich. So scheiden die so mehr müffen wir uns klar machen, was uns in der Er-" meisten Menschen aus dem Leben, nachdem sie immer noch mehr süllung dieses unseres dringenden Bedürsniffes behindert. von dem erlernt und erfahren haben, was sie umgiebt, als sich Zuerst ist es die Eigenliebe, unter deren Herrschaft am ’ selbst erkannt haben, allgemeinsten und am öftersten der Mensch steht, die ihm seine Das zweite Hinderniß ist die Leidenschaft. Sobald eine Fehler verhüllt und seine Vergehen entschuldigt, ja rechtfertigt. Neigung des Menschen eine heftigere Bewegung in seinem Der Mensch ist stets geneigt, sich zu überschätzen, seine guten Herzen hervorgebracht, eine größere Stärke erlangt hat, daß Eigenschaften und Handlungen höher anzuschlagen, als sie in sich die Kraft unserer Gefühle und unseres Willens darin Wirklichkeit sind und verdienen. Um so weniger mag er die concentrirt, so ist sie eine Leidenschaft geworden. Die übrigen Mängel und Lücken, mit denen er behaftet ist, erkennen und Kräfte unseres Geistes, die anderen Richtungen unseres Gefühls sie in der Größe bemeffen, in welcher sie in ihm vorhanden > und Willens werden von der Gewalt dieser Bewegung zurücksind. Ist hierdurch schon die Verwirrung der Gesichtspunkte,! gedrängt, und so ist es insbesondere der Verstand, der seine aus denen die Dinge zu betrachten wären, sehr groß, was Herrschaft verliert, während die Einbildungskraft sich in den namentlich bei den Unterlassungssünden der Fall ist — man (Dienst dieser Leidenschaft stellt. Es ist eigenthümlich, daß denke z. B. an die geringe Verhältnißmäßigkeit, in welcher die! mehrere Sprachen für diesen Seelenzustand eine Bezeichnung Menschen das beurtheilen, was sie für sich selbst aufzuwenden und! haben, welche ihn als einen leidenden, unfteien ausprägt, wie was sie zum Nutzen ihrer Ncbenmenschen hinzugeben pflegen—so das griechische naü-og (von Tta&eZv, leiden, einen Eindruck wächst diese Verblendung, sobald wir vor thatsächlichen Fehlern erleiden , das lateinische (spätere) passio (von pati) und das und Fehltritten stehen. Wir sind am erfindungsreichsten, wenn deutsche Leidenschaft, während andere mehr die Bewegung der wir, sei es vor Anderen, sei es vor uns selbst, unsere Fehler Seele in's Auge faßten, wie das hebräische r»X3p (vom ungebr. " »n-lmudist-n «°ch°n d-h-r, -,u-hn-°d -n - Mos. -4. I. i "Slüb-N. -uffl-mm-n. gl-ich mn) neben ran, di- Gluch. einen dreifachen Unterschied zwischen 7^-77 aus Frevelmuth, Jedenfalls befaßt die Leidenschaft beides: die Gluth der einen Verstocktheit und Widersetzlichkeit und 7777775 Verirrungen (Jom. 36,2). l Empfindung und des einen Wollens mit dem leidenden Zu- W ** «-»d--unf-°tz-itd-sG°ist°r die Umkehr am seltensten ist, und die religiöse Mahnung am wenigsten Gehör findet. nach jeder anderen Richtung hin. Da ergiebt es sich denn