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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-09-24 · Heft 39 (24.9.1878) · p. Seite 619

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 39 (24.9.1878)
Date
1878-09-24
Page
Seite 619 (sequence 11)
Language
German
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619 Gelegenheit zur Rückfahrt suchte, und der Zufall war mir günstig. An der Ecke einer Straße hielt ein schöner, neuer Wagen, mit zwei kräftigen, wohlgenährten Falben bespannt. Auf dem Bocke saß der Fuhrmann, die Peitsche in der Hand, nach allen Seiten spähend. Ich dachte mir, daß er Passagiere suche, und der Mann gefiel mir, untersetzt und breitschultrig, mit einem fast intelligenten Gesichte, reinlich gekleidet; der rothe Gürtel der Fuhrleute mit den Frangen an den beiden Seiten stand ihm gut. Der Stand der Fuhrleute wird in unserm Lande bekanntlich fast nur von Juden eingenommen, und auch hier erkannte ich leicht den Stammesgenosien. Er kam mir mit der Frage entgegen, ob ich eine Reisegelegenheit suche, und bald wurden wir handelseins und er verhieß mir, mich kurz nach Anbruch des Morgens vor der Thüre meines Hauses abzusetzen, eine Sache, die, wie er meinte, nur er mit daß ich die Sache nicht verstehen könnte, wenn ich nicht seine frühere Lebensgeschichte gehört hätte. Er war der Sohn eines kleinen, armen Getreidehandlers in einem Städtchen nicht allzu weit von Kiew. Als er noch Knabe war, kam ein „Schreiber" in das Städtchen und zog in das Haus des Vaters. Dieser machte den geweckten Knaben mit einigen Schriften der neueren hebräischen Literatur bekannt, und dieser bekam Lust, nach Zitomir in die Rabbinerschule zu gehen, deren Zögling der Schreiber gewesen. Der Vater war außer sich, fand die verpönten Bücher, verbrannte sie; der Schreiber wurde aus der Stadt gejagt und unser Knabe wurde — verheirathet. Bald wohnte die Roth der Armuth mit ihnen im Hause des Vaters und wurde um so drängender, als unser junger Mann Vater von zwei Kindern wurde. Da starb sein Vater, und es blieb ihm nichts übrig, als aus der geringen Hinterlassenschaft einen zwei solchen Gäulen fertig bekommen könnte. Eine kurze Weile I erbärmlichen Wagen und zwei armselige Gäule anzuschaffen darauf waren wir unterwegs, und mein Wagen rollte flugs in die Nacht hinaus, die sich bald mit frischem Windeshauche und hellfunkelnden Sternen auf die Erde senkte. Die gute Chauffee führte schnurstracks in den Wald hinein, der sich unabsehbar über die Ebene hindehnkd. Die Schatten des Waldes legten sich düster auf mein Gemüth und schwere Gedanken rollten und Fuhrmann zu werden. Das Geschäft ging schlecht, so viel sich der Mann auch bemühte, und immer schlechter, da es ihm bei der Beschaffenheit seines Fuhrwerks immer schwer wurde. Paffagiere oder Güter zu bekommen. Jetzt lasse ich den Mann selbst erzählen. Es war einst im Herbste, ungefähr um diese Zeit, nach mir durch den Kopf, Bilder aus der Vergangenheit, Sorgen Idem jüdischen Kalender aber waren die letzten Tage von Su für die Zukunft. Da wandte sich der Fuhrmann zu mir um und fragte mich: „Schläft der Herr!-" — Das hatte ich schon gemerkt, daß der Mann nicht zu der ganz gewöhnlichen Art seiner Elaffe gehörte, und seine Redeweise ging über den landesüblichen Jargon hinaus. Ich antwortete: „Nein!" — „Das setzte ich auch voraus", meinte er, „denn ein rechter Jude Seele ccoth bereits vorüber, als ich mich mit anderen Fuhrleuten, die aber weit beffer fituirt waren, als ich, nach Kiew begab, um mir dort mit meinem Fuhrwerke irgend einen Verdienst zu erwerben. Der Herbst war damals nicht so schön, wie gegenwärtig. Es hatte schon fast eine ganze Woche ununterbrochen geregnet. Ich nahm mit schwerem Herzen Abschied schläft in dieser Nacht nicht, sondern beschäftigt seine! von meinen Lieben, denn ich ließ sie ja in der trostlosesten mit irgend etwas, was an die Dibrei Thauroh er- Lage zurück. Den letzten Groschen mußte ich für den Paß abgeben. Dem Hauswirthe war ich noch die vorjährige Miethe ihm anzufangen wäre, um zu Dibrei Thauroh zu j schuldig. Der Melamed meiner Kinder weigerte sich absolut. Ich ftagte ihn daher nach einer Weile: „Was haben! meine Knaben ferner zu unterrichten, falls ich nicht den rückinnert." — Bei dieser Bemerkung wußte ich doch nicht recht, wo bei kommen. Sie für prächtige Gäule und für einen trefflichen Wagen? Die findet man hier nicht oft in den Händen von Lohnkutschern." Der Mann schmunzelte und sagte: „Und solcher Wagen habe ich zu Hause noch zwei, wenn auch verschieden, weil zu verschiedenem Gebrauch. Da wollen Sie wohl wiffen, wie ich dazu gekommen ‘i Gut, wenn Sie wollen, will ich es Ihnen erzählen. Es ist sehr wunderbar, eine große Fügung! und war weggefahren, des lebendigen Gottes. Wenn Sie sich neben mich auf den an, aber kaum hatte Bock setzen wollen, so kann ich es Ihnen erzählen, denn ich genommen, als er mit einem verächtlichen Achselzucken sich von muß weit ausholen. Es sind zwar keine Dibrei Thauroh,! mir wendete und mich ganz verblüfft stehen ließ. — So vorüber Dibrei Chajim, wenn ich so sagen darf, und Gott spricht »strich ein Tag nach dem andern; ich bot mich unverdrossen an, auch durch das Leben zu uns, meine ich." — Ich folgte seiner \ war bereit, um einen Spottpreis mich und mein Fuhrwerk zu ständigen Sold bezahle. Wir waren Alle halbnackt. Ter Winter war im Anzuge.Ich kam nach Kiew. Tie jüdischen Kaufleute, die nach Poltawa, Charkolo Etatberinislav u. s. w. reisen, erschienen bald. Ein Jeglicher von ihnen kam bald mit einem meiner Genoffen überein. Nach und nach hatte Jeder von ihnen seinen Reisenden gesunden Auch ich bot mich und mein Fuhrwerk ein Kaufmann daffelbe in Augenschein Aufforderung, und will hier nun das sonderbare Ereigniß mittheilen, das er mir erzählte, wobei ich natürlich die Eigenthümlichkeiten seiner Redensarten übergehe. vermiethen, aber alles war vergebliche Mühe. — Die Pferde mußten fteffen, ich selbst konnte auch nicht ganz darben. Zum Glücke war der Gastwirth ein redlicher, mitleidiger Mann, der Der Mann holte wirklich weit aus; denn er behauptete, mich schon jahrelang kannte; er gab auf Borg, sowohl meinen 39*

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