Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1878)
- Date
- 1878-09-24
- Page
- Seite 620 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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620 1 i'! i Pferden Hafer und Heu, als auch mir einen Löffel warmer Suppe. Was kam aber bei der ganzen Sachlage heraus? Ich versank immer tiefer in Schulden, und es war leicht einzusehen, daß der Ausgang ein heilloser sein werde. Allmählich beschlich mein Herz eine böse Ahnung. Kummer und Gram stahlen sich in daffelbe, als ich sah, daß die Ställe leer und daß alle meine Genoffen fort waren. Ein wilder Schmerz packte mich mit seinen Krallen und benahm mir jeglichen Appetit und Schlaf. Schwarz wie die Nacht malte sich mir ein Sausen und Brausen in den Ohren, mein Kops wirbelte; gepackt von unendlichem Schmerze fing ich an zu rennen, immer niedriger ging mein Weg, schon hörte ich das furchtbare Rauschen des vom Winde aufgewühlten Fluffes. Bald stand ich am Ufer desselben, blickte über seine schäumenden Wogen hin, beugte mich immer näher, immer tiefer seiner Fläche zu. Da kam ein Windstoß, riß mir die Mütze vom Kopfe ab, trug fie über den Spiegel des schäumenden Stromes hin. In diesem flüchtigen Momente kam die volle Scheibe die Zukunft, wenn ich daran dachte, daß ich die Pferde zu des Mondes zum Vorschein und was sah ich in dessen fahlem. verkaufen gezwungen sein werde. — Der Gedanke, daß daheim mein treues Weib und die schmucken Kleinen darben, immer hoffend, daß endlich doch der Vater etwas Geld schicken werde, um die nächste Nothdurst zu stillen, hatte etwas so Grauenvolles, daß er mich zur Verzweiflung trieb. — Die Schulden, die ich machte, häuften sich mit jedem Tage, sie wuchsen und wuchsen. Mein Kopf fing an zu wirbeln, ich verlor jeden Halt in mir, ich fühlte, daß ich immer mehr die Besinnung verlor. Besonders war es die Nacht, die ich am schauerlichsten blassem Scheine? Ich blickte in die Tiefe und mir schien es, ich sehe wie in einem Spiegel die theuren Gesichter meiner lieben Kleinen; sie blickten mich mit ihren unschuldsvollen Aeuglein so flehentlich, so wehmüthig an. Ich glaubte zu vernehmen, wie sie mich baten: „Vater, Vater, o nimm uns nicht den lieben Vater. Es ist ja ein Gott, der kann helfen, retten, auf wunderbare Weise, bete! bete!" Dieses geistige Schauen, dieses geistige Hören benahm mir allen Muth, das Schrecklichste zu vollziehen. Ich verlor den Muth und wankte auf meinem einsamen Lager im Stalle zubrachte. Und sie' langsamen Schrittes vom Ufer weg. kamen die dunkeln Mächte der Nacht, wie finstere Geister umr Wie ich mich wieder im Stalle auf meiner Streu fand. schwirrten fie meinen immer mehr in Nacht und Graus versinkenden Geist; — mit ihren schwarzen Fittigen fächelten sie mir Verzweiflung zu, so daß ich, meiner nicht mehr mächtig, endlich beschloß — ach, ich zittere, es herauszusagen, selbst der Ton dieses Wortes macht mein Blut zu Eis erstarren; selbst jetzt, nach mehreren Jahren, bebe ich, es auszusprechen; doch es muß ja heraus — ich beschloß, meinem Leben, das so jammervoll war, ein Ende zu machen. — Durch einen Sprung in die tiefen, dunklen Wogen des nicht weit von mir dahinfragte ich mich vergebens, was mich dahin gebracht? das weiß ich nicht. Das Regenwasser troff mir vom Haupthaare und Bart nieder. Mein Kopf war so wüst; todtmüde, zerschmettert an allen Gliedern, lag ich halb betäubt da, — als mich das Wiehern meiner Pferde aus meiner Betäubung aufweckte. — Sie streckten die Köpfe nach mir aus, gleichsam mich um eine Hand voll Heu bittend. Ich stand auf, reichte ihnen Futter, schöpfte dann aus dem Brunnen Wasser und tränkte sie. Endlich schlief ich einige Stunden, aber einen sehr unruhigen rollenden Dnieprs wollte ich all' mein Weh, all' meinen j Schlaf, der mich nicht erquickte. Abermals verstrichen ein paar zehrenden und brennenden Schmerz in die ewige Tiefe ver-! Tage und ich blieb rath- und Hilfslos wie bisher. — Abersenken. Aber so mit einem Male, plötzlich scheidet der Mensch mals verstrichen ein paar Tage, ohne daß mir von irgend nicht von der schönen Gewohnheit des Lebens. — Mitten in i einer Seite Hilfe erschien; — was thun, was anfangen? fragte der mich umgebenden Nacht leuchtete mir, wenn auch momentan, | ich mich unaufhörlich, aber ich sah keinen Ausgang aus diesem ein kleines Sternlein der Hoffnung und schob die Ausführung j Wirrsale, keine Rettung. — Mir gab meine Seelenangst aberdes schrecklichen Vorhabens mehrere Tage immer weiter auf.! mals den schrecklichen Gedanken, mich durch den Selbstmord So rang ich noch acht Tage — eine Ewigkeit für meinen j von aller Noth und allen Leiden zu befreien; aber mir fehlte Schmerz. — Der li>. Eheschwan war gekommen, eine rabender Muth dazu, immer standen mir die lieben Kleinen vor schwarze Nacht warf ihre Schleier über Kiew und hüllte meinem geistigen Auge. — Endlich bes chloß ich den Abend ab- Himmel und Erde in die Trauerfarbe meines Innern. — j zuwarten und mir ein Räuschchen anzutrinken, um den Muth Schwere Regenwolken, vom Herbstwinde am nächtlichen Him-, zum schrecklichen Werke aus dem genossenen Branntwein zu mel gepeitscht, ballten sich bald in dichte Massen zusammen,; schöpfen. Ich ging daher des Abends in die nächste Schankbald folgten sie einander in wilder Flucht und ließen momentanbude, ließ mir eine gute Portion Branntwein geben und bedie volle Scheibe des Mondes leuchten, um bald wieder die! lebte meinen gesunkenen Muth, das abscheuliche Werk der ganze Umgebung in Nacht und Graus zu hüllen. — Der j Hölle zu vollziehen. Regen strömte hernieder. Ich stand allein am großen Thöre y (Fortsetzung folgte des Gasthauses und mit beklommenem Herzen blickte ich in' diese schauerliche Finsterniß hinaus. — Ich war nicht allein geistig, sondern auch körperlich gebrochen. Ich vernahm bald i i v