Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1878)
- Date
- 1878-09-24
- Page
- Seite 617 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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617 keine Rationen, kein Wagen. Wir flehen Sie an, helfen Siel uns. Wir warten. Ha im Berne. | Das Bezirkscomite hat sofort an Herrn General Totleben! einen neuen Brief gerichtet, in welchem es ihm diesen Vorfall anzeigte und ihn um seine hohe Vermittlung bat. Außerdem schickte es einen Vertrauensmann mit einer Geldsumme nach Burgas, um die Flüchtlinge zu unterstützen und nach Carnabat zu dirigiren. Von dem kaiserlich russischen Commisiar, Sr. H. dem Fürsten Dudukoff-Korsakoff, an den sich das Bezirks-! comite gleichfalls zu Gunsten der Israeliten gewandt hatte, | hat dasselbe folgende Antwort erhalten: ' Kaiserl. Commissariat Herrn Fernandez, Vicepräsidenten! von Rußland in Bulgarien. der Alliance israelite j Nr. 645 in Constantinopel. > den 17. Juni 1878. Herr Vicepräsident! Ich habe die Ehre, Ihnen den! Empfang Ihres Schreibens vom 14. Juni c. zu bestätigen und Ihnen anzuzeigen, daß ich Befehl ertheilt habe, die! nvthigen Maßnahmen zur Wiederaufnahme der Israeliten an ihren früheren Wohnsitzen zu treffen. Hülfe und Protection! wird ihnen überall gewährt werden und sie werden friedlich I ihre Geschäfte besorgen können. j Was die Israeliten von Carlova betrifft, so ziehe ich! es vor, zu warten, bis sich die Animosität, die noch gegen siel herrscht, beruhigt hat, ehe ich sie in diese Ortschaft zurückkehren! heiße; dennoch sind alle Dispositionen getroffen, daß ihnen das! Getreide, das sie bis zur nächsten Ernte gebrauchen werden, geliefert werde.! Niemand wünscht mehr als ich die Wiederkehr von Ordnung und Sicherheit in Bulgarien und das gute Einvernehmen zwischen den verschiedenen Nationalitäten, aus denen die Bevölkerung besteht; aber ich muß gleichzeitig Alles vermeiden, was durch zu große Ueberstürzung unangenehme Conflicte herbeiführen könnte. Indem ich Vorstehendes zu Ihrer Kenntniß bringe, bitte ich Sie, Herr Vicepräsident, den Ausdruck meiner ausgezeichneten Hochachtung zu genehmigen. gez. Fürst Dudukoff-Korsakoff. Die Animosität, auf welche dieses Schreiben anspielt, rührt von der bei den Bulgaren von Carlova verbreiteten Meinung her, daß die. flüchtigen Juden gemeinsame Sache mit den Türken gemacht hätten. Die Israeliten von Kazanlik und Eski-Sagara, deren Wohnungen übrigens nicht mehr existiren, und W4 Flüchtlinge zu Adrianopel stehen unter ähnlichen Beschuldigungen. Das Bezirkscomite von Constantinopel bittet, daß in Beziehung auf diese.Unglücklichen Bestimmung getroffen werde. — In Salonichi befindet sich nur noch eine kleine Zahl von Flüchtlingen, dieselben sind fast sämmtlich am 16. Juli über Dedeagatsch abgereist, und der Rest wird bald Nachfolgen. — Rumänien. Bukarest, 7. Sept. Der „Polit. Corr." schreibt man unter obigem Datum: Eine Deputation der hiesigen israelitischen Gemeinde ist vorgestern Nachmittags vom Minister Rosetti empfangen worden. Nachdem dieselbe den Zweck ihres Erscheinens vorgetragen hatte, welcher bekanntlich darin gipfelte, daß die hiesige Judenschaft anläßlich wiederholter und selbst bis gestern noch immer nicht eingestellter Brand- und Hetzartikel, die in einigen nationalliberalen Blättern gegen die Israeliten erschienen sind, die Befürchtung hege, daß die hiedurch irregeleiteten, leicht erregbaren unteren Volksklaffen zu thätlichen Ausschreitungen wider die Juden sich könnten Hinreißen laffen — gab der genannte Minister die folgende Antwort: „Jene fraglichen Zeitungs- Artikel seien nur das Produkt eines Einzelnen oder einiger Personen, welches keiner weiteren Beachtung Werth sei, übrigens auch durchaus keine Gefahr involvire; verbieten könne die Regierung derlei Artikel nicht, nachdem hierzulande bekanntlich die vollste Preßfreiheit herrsche; doch brauchten die Israeliten solcher Artikel halber durchaus nicht in Angst zu gerathen; er — der Minister — garantire den Juden die vollste Sicherheit der Personen und des Eigenthums, und die. Israeliten mögen überzeugt sein, daß er „dieselben schützen werde wie seine Brüder . . ." Hierauf ging das Gespräch, auf die ,Huden-Frage" im Allgemeinen über; Rosetri versicherte, daß er schon seit Dezennien aus allen Kräften darnach strebe, diese Frage einer nach allem Seiten hin befriedigenden Lösung zuzuführen, doch seien seine diesfälligen Bemühungen bisher noch immer an den Vorurtheilen gescheitert, die gegen diese Religionsgenoffen nicht des Glaubens wegen, sondern rein nur aus socialen Gründen im Volke wurzeln. . . . Minister C. A. Rosetti gab der Deputation weiter die Versicherung, daß er schon jetzt der in wenigen Tagen zusammentretenden Kammer einen bereits vorbereiteten Gesetzentwurf unterbreiten werde, wonach allen Juden, auch den „fremden", die „Civilrechte" eingeräumt werden sollen; was die „politischen" Rechte anbelangen, so könnte diesfalls nur durch eine Konstituante eine Entscheidung erfolgen, allein eine solche außergewöhnliche National-Versammlung könne, bevor das Land von allen fremden Okkupationstruppen nicht gänzlich geräumt sei, unmöglich einberufen werden, die Israeliten würden demnach in dieser Richtung Wohl noch sieben bis acht Monate Geduld haben müffen. — Unter der wiederholten Versicherung, daß er alle Maßregeln ergreifen werde, um auch die geringste Ausschreitung des Pöbels Wider die Israeliten in der Hauptstadt sowohl, wie auch im ganzen Lande hintanzuhalten, entließ der Minister die Deputation. Inzwischen fährt der national-liberale „Telegraful" auch heute fort, gegen die Juden Mord und Zeter zu schreien; er 29