Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1878)
- Date
- 1878-09-24
- Page
- Seite 616 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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die Schöpfung größerer Institute, wenn sie die Theilnahme - der ganzen Provinz in Anspruch nehmen, zwar von hoher! Bedeutung ist, doch aber nur Früchte tragen kann, wenn sie durch eifrige Bemühungen und Veranstaltungen an einzelnen , Orten unterstützt werden, weil sie sonst mehr auf dem Papier als in der Wirklichkeit stehen werden. Hierbei ist noch e in Gesichtspunkt festzuhalten. Wir befinden uns hier überall! zwischen zwei Parteien, den Zeloten auf der einen und den! Jndifferentisten auf der andern Seite. Wir glauben nun, daß! die größte Anstrengung darauf gerichtet werden müsse, den, religiösen Jndifferentismus zu bekämpfen und Diejenigen wieder; zu uns herüberzuziehen, welche sich demselben überlasten haben., Hierdurch werden zugleich unsere Waffen gegen die Zeloten gestärkt und die blos conservativen Elemente mit unseren Be-! strebungen ausgesöhnt. In diesem Sinne haben wir in! hiesiger Stadt einen Verein nyi ^srvn gegründet, um dessen; Constituirung sich Herr E. Gräber ein großes Verdienst erworben hat. Der Zweck deffelben ist: Förderung und Verbreitung jüdischen Wistens und hebräischer Literatur, besonders unter der hier weilenden Jugend, namentlich durch Abhaltung von Vorträgen aus religionswistenschaftlichem jüdischem Gebiete, ferner durch Auslegung jüdischer Werke und Zeitschriften im Vereinslocale. Hierzu werden monatliche Beiträge geleistet. Der Verein hat bereits eine nicht unbeträchtliche Zahl von Mitgliedern, und die Versammlungen werden zahlreich besucht. Zum Obmann des Vereins ist gegenwärtig Herr Jacob Ehrlich gewählt, der uns mit einer Reihe von Vorträgen erfteut, und zwar über Bechinoth Olam, während das Mitglied Herr Nastal Veiney über die acht Abschnitte des Maimonides sehr interestant spricht. Wir hoffen, daß sich nicht blos die Zahl der Mitglieder, sondern auch die der Vortragenden recht vermehren wird. Einige Zeloten haben nicht Unterlasten, den Verein bereits zu begeifern, wovon er jedoch keine Notiz nimmt. Die Conservativen nehmen eine abwartende Stellung zu ihm ein, und wird sich auch unter ihnen der Verein durch seine objective Haltung und aufrichtig religiöse Tendenz bald Freunde erwerben. Bon der Donau, 11. September. (Privatmitth.) Unerwartet sieht sich nun auch Oesterreich-Ungarn in einen Krieg verwickelt. Die Occupation Bosniens, welche anfangs für so leicht gehalten wurde, gestaltet sich immer ernstlicher und spitzt sich allmälig zu einem förmlichen Kriege zu. Auch unsere Glaubensgenosten haben bereits ihr Contingent zu den Todten, schwer und leicht Verwundeten gestellt und Namen wie Deutsch, Pollak, Morpurgo u. dgl. m. lasten leicht die Abstammung errathen. So unpopulär die bosnische Occupation, wie sie noch immer genannt wird, auch ist, so lasten es doch die Israeliten, sowohl die Gemeinden, als Vereine und Private an Opferwilligkeil nicht fehlen. In vorderster Reihe stehen hierin wieder Wien und Pest. Der Pester israelitische Frauenverein entfaltet in der Sorge für die Frauen und Kinder der im Felde stehenden Soldaten und für die Verwundeten eine anerkennenswerthe Thätigkeit. Die Pester israelitische Gemeinde hält in ihrem Spitale 25 Betten sammt Verpflegung für ebenso viele Verwundete ohne Unterschied der Confession in Bereitschaft. Die Spenden für die Mobilisirten fließen von den Juden sehr reichlich. Von dem Wolkenbruch, der in der Nacht aus den 31. v. M. so viele Städte und Ortschaften Ungarns heimsuchte, haben Sie bereits gehört. Unsere Glaubensgenosten in Miskolcz, Erlau, Mäv u. a. m. wurden schwer heimgesucht. Viele Menschenleben wurden ein Opfer der gierigen Wasterfluth — in Miskolcz allein zählte man 129 jüdische Leichen — und ein großer Theil der Mitglieder in den genannten Gemeinden sind über Nacht an den Bettelstab gekommen. Das Elend und der Jammer sind unbeschreiblich. Türkei. Constantmopel, im August. Ueber die Zurückführung der jüdischen Flüchtlinge, namentlich aus Bulgarien, nach ihren früheren Wohnstätten enthält der Monatsbericht der Alliance isr. aniv. ein Schreiben des Herrn Fernande; wie folgt: „Alle Tage kommen Leute in unsere Büreaus, die nach Hause geschickt zu werden wünschen. Die Eisenbahngesellschaft und der österreichische Gesandte überlasten uns Fahrbillets für den halben Preis, während die anderen Verwaltungen uns von ihren Tarifs keinen Rabatt geben. Wir geben jeder Familie außer dem Fahrpreis noch eine kleine Summe je nach ihrer Mitgliederzahl, 1 bis 1 */.. Psd. trk. an Familien von 0, 2 Psd. an Familien von 8 Personen :c." — Von 2500 israelitischen Flüchtlingen zu Constantinopel hatte das Bezirks- Comitn am 17. Juli 511 repatriirt; an demselben Tage bereitete es sich vor, die Flüchtlinge von Carnabat, 320 an Zahl, nach Hause zu schicken, nachdem es den General Totleben dieserhalb angefragt und von demselben Empfehlungsschreiben an die russische Behörde erhallen hatte. — Leider findet jedoch die Stimme der Behörde gleich nach den Kriegs - wirren nicht immer Gehör; so haben diese armen Leute, als sie nach einer sehr beschwerlichen Reise, Männer, Weiber, Kinder, in Burgas ankamen, nicht blos keinerlei Beistand gefunden, sondern man hat ihnen noch für die Erlaubniß, landen zu dürfen, Geld abgefordert und ihnen, da sie 70 Pfd. trk. beim Zollamt nicht zahlen konnten, das Bekleidungs- und Bettzeug abgenommen, das die Alliance unter sie vertheilt hatte. Unter diesen Umständen richteten sie folgendes Telegramm an das Bezirkscomite: Seit vier Tagen hier angekommen, haben wir die Briefe an deren Adreste abgegeben. Kein Beistand, kein Ouartier,