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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-09-24 · Heft 39 (24.9.1878) · p. Seite 610

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 39 (24.9.1878)
Date
1878-09-24
Page
Seite 610 (sequence 2)
Language
German
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610 Lämmer durchziehen unter seinem Stabe: so lassest du vorkeine religiöse Lehre hat stch die moderne Gleichgültigkeit und überziehen und zählest und schätzest und musterst die Seelen! Leichtfertigkeit mehr hinweggesetzt, keine hat der moderne Unaller Lebenden, und theilest jeglichem Geschöpf sein Verhängniß I glaube mehr bekämpft und verurtheilt. Man sagt zunächst: zu und schreibest nieder das über sie verhängte Urtheil." Hier j ist es nun die Frage, die stch aufdrängt: wie kam es, daß man die Fällung des Urtheils, die Bestimmung des Geschickes vor dem Versöhnungstage sich vorstellte, während man voraussetzen sollte, daß jenes von der am Versöhnungstage empfundenen Reue, vollbrachten Buße und ernsten Besserung abhängig sei? Diesem Einwande wurde man denn auch gerecht, indem man in der kindlich symbolischen Ausdrucksweise das Urtheil am Neujahrsfeste „niederschreiben", am Schluffe des Versöhnungstages „besiegeln" läßt (Rosch hasch. 16, 1). Später dachte man sogar an eine noch längere Frist bis zum siebenten Tage des Laubhüttenfestes, und es stützte sich dies auf den feierlich verkündeten Lehrsatz: „Reuige Umkehr, Gebet und gute Werke wenden das böse Verhängniß ab." Es ist dies eine volksthümliche Ausmalung zu Anhaltspunkten für die großen Gedanken, welche die Religion immer und immer wieder in dem Geiste des Volkes erwecken wollte. Mitten in der talmudischen Discusfion über die vier Jahresanfänge, Gerichtszeiten, Neujahrs- und Versöhnungsfest sagte R. Jose: „Der Mensch wird gerichtet an jedem Tage, wie es heißt (Hiob 7, 18): „Du musterst ihn alle Morgen", und R. Nathan sagt: „Der Mensch wird gerichtet zu jeder Stunde, wie es heißt (ebd.): „Du prüfest ihn alle Augenblicke." Aber gerade diese vernunftgemäße Anschauung forderte, daß man dem im Treiben des Lebens und im Gewühle der Leidenschaften den höheren Standpunkt vergeffenden Menfchengeift dadurch zu Hülfe komme, daß man ihm Jahr für Jahr zu bestimmter Zeit diese höchsten sittlich-religiösen Gedanken zum Bewußtsein bringt und zur Wirksamkeit in ihm einschärft. Da läßt sich uns nun die oben aufgeworfene Frage folgendermaßen beantworten. Die aufrichtige Reue kann nur hervorgehen aus der ernsten Prüfung seiner selbst, aus der Erkenntniß der Fehler, die uns anhaften, des Unrechts, der Sünden, die wir begangen haben. Zu dieser Erkenntniß regt aber am stärksten, wie der Mensch einmal beschaffen ist, der Gedanke an die göttliche Vergeltung, an das göttliche Gericht an. Und somit war es erforderlich, um den Weg zur aufrichtigen reuigen Umkehr, zur Versöhnung vor Gott am Versöhnungstage zu ebnen, dem Neujahrsfeste den ihm natürlichen Gedanken der göttlichen Vergeltung einzupflanzen. Ohne alle theologische Spitzfindigkeit haben wir hier den psychologisch richtigen und natürlichen Gang: von der Vorstellung der göttlichen Vergeltung zur Selbstprüfung und Selbsterkenntniß, und von dieser zur Reue und Umkehr, zur Versöhnung vor Gott. Hiermit sind aber auch aus der Umhüllung die ewig gültigen Lehrsätze und Motive der Religion herausgeschält. Tie göttliche Vergeltung, das göttliche Gericht'. Uebcr das Gute muß um des Guten willen gethan, das Böse, weil es böse ist, unterlaffen werden. Jedes andere Motiv, sei es Furcht vor der Strafe, sei es Hoffnung auf Lohn, verkümmere den sittlichen Wetth der Handlung. Völlig einverstanden. Wir fügen hinzu: das Gute muß gethan werden, weil es dem Willen Gottes, dem höchsten Ideal des Guten, der Bestimmung des Menschen und der Entfaltung seiner sittlichen Kräfte entspricht. Dies ist das Ziel, nach dem wir mit vollem Bewußtsein und immerwährender Anstrengung zu ringen haben. Aber wenn dies den sittlichen Charakter auf seiner Höhe ausmacht, kann darum die Maffe der Menschen, kann selbst der Edle und Hochsinnige im Gleichmaß der Tage, im Treiben und Gewühle der Leidenschaften aller anderen Factoren entbehren? Darf man dem Enthaltsamen, der sich aus gesundheitlichen Rücksichten den Genuß und das Uebermaß deffelben versagt, zurufen: Deine Enthaltsamkeit hat keinen Werth, weil sie nicht um der Tugend selbst willen geübt wird? Darf man dem Arbeitstriebe des Menschen allein überlasten, was für den unermeßlichen Kreis der Bedürfniste, geistig und materiell, gearbeitet oder geschaffen werde, oder müffen Erwerb und Gewinn als Motive zu Hülfe gerufen werden? Verliert die militärische Tapferkeit allen Werth, wenn die Hoffnung auf Auszeichnung und Aufsteigen mit im Spiele ist? Gewiß nicht. Es sind dies gewistermaßen erziehliche Mittel, und zwar unentbehrliche, denn der Enthaltende wird auf diesem Wege wirklich enthaltsam, der Arbeitende arbeitsam, der Tapfere wirklich tapfer, und, von derartigen Motiven und Beweggründen geleitet, wird die Tugend, die um ihrer selbst willen handelt, erreicht. Es giebt kein menschliches Verhältniß, von dem des Kindes bis zum Greisenalter, von dem des Lohnarbeiters bis zum Throne, in welchem nicht die Aussichten auf die Folgen des Thuns bestimmend ein- oder doch Mitwirken. Wie sollten wir also das schwerwiegende Motiv der göttlichen Vergeltung auf dem sittlichen Gebiete entbehren wollen, in der Erziehung und Förderung der Menschen zur Sittlichkeit es zu entfernen gedenken! Segnen wir vielmehr die Religion, daß sie uns dastelbe dargeboten und im Bewußtsein der Menschen befestigt hat, immer mit dem Vorbehalt, daß es eben nur als Erziehmittel, nicht als der wirkliche Ankergrund der Sittlichkeit angesehen werden dürfe. Noch mehr aber irren sie, wenn sie die göttliche Vergeltung überhaupt bezweifeln, ja leugnen. Wir meinen nicht die, welche der Unendlichkeit Gottes nicht zumuthen wollen, sich um die kleinen Angelegenheiten der Menschen zu kümmern. Welche enge Beschränkung setzen diese der Unendlichkeit Gottes! Er ist im All und in Allem — was ist da groß oder klein? Schon im Sinnlichwahrnehmbaren giebt es jetzt selbst für den

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