Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1878)
- Date
- 1878-09-17
- Page
- Seite 595 (sequence 3)
- Language
- German
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595 Verzeihung zu verlangen. Bo vorbereitet trat man in den' geweiheten Tag der Versöhnung selbst ein. Zwei Gedanken! ließ man durch alle Gebete des ganzen Tages immer wieder- > holt durchklingen: Nur durch wahrhafte Reue und Umkehrj kann die Reinigung vor Gott, die Versöhnung unserer Schuldhaftigkeit erwirkt werden, und unendlich ist die Barmherzigkeit Gottes, welcher dem reuigen Sünder die Vergebung seiner Fehltritte und Sünden, die Läuterung aus seiner Mangelhaftigkeit zusichert. So erwies das Judenthum, daß der Opfercultus, das ganze symbolische Ceremoniell mit der Vorstellung der Versöhnung durch äußerliche Opfer oder gar durch Opferung eines Dritten nichts bedeute für die Erlangung wahrhafter Vergebung der Sünde, daß aber diese selbst im Geiste erstrebt und erlangt, den lebendigen Mittelpunkt der Religion einnimmt. So hat diese Lehre durch alle Jahrhunderte hindurch nur immer festere Wurzel im Judenthume gefaßt; so ist sie auch unserem Geschlechte überliefert worden, hat sich in ihm gestärkt und vergeistigt und widersteht allen zersetzenden Einflüffen des modernen Geistes, der zwar dieses und jenes Individuum auch hiergegen gleichgültig machen kann, jedoch niemals diesen in der Natur des Menschen begründeten Seelendrang, dieses urkräftige Herzensbedürfniß auszulöschen vermag. Literarischer Wochenbericht. Bonn, l. September. Als im Jahre 1864 von den Leitern des „Instituts zur Förderung der israelitischen Literatur" die Frage ventilirt wurde, unter den Schriften des Instituts auch eine „Bibliothek der griechischen und römischen Schriftsteller über Judenthum und Juden" herauszugeben, machte Iw. Herzfeld darauf aufmerksam, daß, um diese Aufgabe vollständig zu lösen, auch die Literatur der Kirchenväter (Patristik) eine besondere Berücksichtigung finden müsie, weil in derselben noch viele Schätze für die Geschichte des Judenthums und der Juden ungehoben seien. Die Richtigkeit dieser Bemerkung wurde anerkannt, denn die Sammlung von Stellen griechischer und römischer Schriftsteller, welche vom Judenthume und den Juden sprechen, die bis dahin erschienen war, war vor den Kirchenvätern stehen geblieben. Allein die gedachte „Bibliothek", welche in 4 Bänden erschien, gelangte nicht so weit, um auf die Kirchenväter einzugehen. Um so erfreulicher ist uns das Erscheinen eines Werkes, welches die Patristik insofern zu bearbeiten angefangen, als es die Klarlegung des Verhältnisses des Christenthums in seinen ersten Jahrhunderten zum Judenthume aus den Kirchenvätern zum Zwecke hat: „Patristische und talmudische Studien. Von vr. M. Friedlander." (Wien 1878. Holder.) Und es ist ein tüchtiger Anfang. Der Versasier hat sich in den Kirchenvätern mit großem Fleiße umgesehen und aus ihnen zusammengetragen, was zum Verständniß und zu scharfer Charakteristik dienlich ist; er besitzt Scharfsinn genug, um das, worauf es ankommt, herauszuerkennen, das Wesentliche herbeizuschaffen und alles Beiwerk liegen zu lassen. Hierzu kommt nun eine genaue Vertrautheit mit dem jüdischen Schriftthum, und so war er der Mann, die Waage zwischen Hüben und Drüben mit fester Hand zu halten. Was seine Darstellung betrifft, so ist sie sehr lebhaft, wir möchten sagen, selbst unterhaltend, oft sehr zutreffend. Allein wir können nicht verschweigen, daß sie hierin auch über das Ziel hinausgeht, und der Feinheit und des Adels des Ausdrucks bisweilen entbehrt, der von einer wissenschaftlichen Arbeit zu fordern ist; seine Sprache grenzt manchmal an's Burschikose. Auch bedient er sich zu oft der Gleichniffe, und da wird er bisweilen incorrect. Z. B. wenn er S. 26. Moses und Plato mit einer „von duftiger Wärme durchströmten Zelle" vergleicht, wo man sich „dem sanften Fahrwaffer des Glaubens überläßt." In einer Zelle giebt es kein Fahrwaffer. S. 51 : „Der nach neuem Leben schnappende heidnische Körper." S. 70: „Es wurde ihm allzuhart auf die Bude gerückt," u. A. — Das Buch befaßt 3 Abschnitte. Der erste „Moses und Plato" überschrieben. Der Verfaffer will selbstverständlich hier keine vergleichende Darstellung des Mosaismus und Platonismus geben, sondern er zeigt, wie und warum die ersten Kirchenväter sich ganz und gar auf das Alte Testament stützten, der heidnischen Welt aber erweisen wollten, daß die griechischen Philosophen von Moses entnommen und aus den biblischen Schriften geschöpft und entlehnt hätten, hierzu aber besonders die Lehren Plato's geschickt gefunden. Die zahllosen Halbgebildeten der damaligen Zeit, in welcher die heidnische Religion völlig bedeutungslos geworden war, fühlten sich ebenso von den einzelnen Philosophemen unbefriedigt, wie sie sich nach einer positiven Religionslehre sehnten. Zu diesem Zwecke nun wurde von den Kirchenvätern die Trinitätslehre, die sie vorbereitet im Platonismus fanden, aus der rein geistigen Natur bei Plato zu wirklicher, körperlicher Faffung gebracht und zum grundlegenden Dogma des Christenthums umgestaltet. Auf diesem Wege fanden sie sich von Philo angeleitet und unterstützt, und standen so nicht an, die Trinität durch die willkührlichste Auslegung auch in die biblischen Schriften hincinzutragen. Diesen ganzen großen Proceß stellt unser Verfaffer mit vieler Klarheit, fast dramatisch dar, und unterstützt seine Schilderung überall mit dem nöthigen Beweismaterial. Ter enge Rahmen läßt natürlich die Oberflächlichkeit nicht immer vermeiden. Der Unterschied zwischen dem echten Plato und dem, was seine spätern Jünger in ihn hineingetragen, wird nicht genug gewahrt. Ganz besonders müssen wir seine Behandlung Philo's rügen. Er giebt ja selbst zu, daß Philo dem Monotheismus streng treu geblieben, und sich den Logos 38*