Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1878)
- Date
- 1878-08-27
- Page
- Seite 547 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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547 Menschen sich erstreckend gedacht, und schließlich zu völligem Ausgleich in das Jenseits verlegt wird. Zu diesen und noch anderen wirksamen Momenten der Einheit und der Mannigfaltigkeit tritt aber als ein besonders erkennbares der Verlauf der nationalen Geschichte und des in dieser wirkenden Geistes. Denn von der einen Seite werden durch die Lage und die Schicksale der Nation sehr verschiedene Bedürfnisse bezüglich der sittlichen Lehre bereitet, von der anderen entfaltet sich der Geist nach sehr mannigfaltigen Richtungen, wodurch dann auch der Gedankeninhalt und die Lehrform der Zeit bestimmt wird. Man braucht nur, wie wir es gethan, auf die höchst verschiedene Beschaffenheit des nationalen Lebens und der Geschicke des Volkes in der Zeit der beiden Jesaias und in den vier Jahrhunderten der Pirke-Aboth einen Blick zu werfen, um sich deffen in frappanter Weise bewußt zu werden. Was für die Propheten das drängendste Bedürfniß war, die Lehre vom einzigen Gotte im Volke lebendig zu machen und zu befestigen, das hatte für die Meister der Mischna aufgehört. Wenn die Propheten ihr ethisches Hauptziel darin finden mußten, in der israelitischen Volksgesellschaft Recht und Gerechtigkeit zur Geltung zu bringen und sie von vorherrschend gewordenen Volkslastern zu reinigen und zu befreien, so war auch diese Aufgabe den Mischnalehrern erspart. Diese hatten bei der treuen Festigkeit des Volkes im Glauben an den einzigen, unkörperlichen Gott, den Weltenschöpfer und Lenker der Geschicke, und bei der Auflösung des nationalen Staates und später des nationalen Volkslebens, von der Gesammtheit zu abstrahiren und sich an das Individuum und deffen Leben unter den gegebenen allgemeinen Verhältniffen zu wenden. Dies gab einen völlig umgewandelten Standpunkt ab, und so wenig das Volk Israel als solches mit den Kernsprüchen der Mischnalehrer etwas zu machen gewußt hätte zur Zeit der Propheten, ebenso wenig konnten um die Zerstörung Jerusalems durch die Römer und um den Aufstand des Bar Kochba die Reden der Propheten an das zerschlagene und zerstreute Volk gerichtet werden. Doch wir wollen in diese Vergleichung nicht weiter eingehen, da das Gesagte genügen wird, um zum Bewußtsein zu bringen, daß zu einem richtigen Verständniß auch auf dem ethischen Gebiete die geschichtliche Erkenntniß durchaus nothwendig ist, und daß wir es auch aus diesen: mit einem weilen Entwicklungsgänge im Judenthume zu thun haben. Falsch wäre es, die Pirke-Aboth nur als eine Perlenschnur bald mehr, bald weniger bedeutsamer Sittensprüche anzusehen. Vielmehr deutet schon die ziemlich genaue chronologische Anordnung auf den geschichtlichen Sinn, welchen der Abfaffer dieses Mischna-Abschnittes damit verband. So sahen wir denn auch von der „großen Versammlung" selbst schon das Fundament zu einem ethischen Systeme gelegt. Die lebhafte Bewegung der Geister, welche zum Ausbau des Systems wesentlich beitrug, tritt bereits in den ersten Nachfolgern jener Versammlung hervor. Denn es hatten sich in der ethischen Anschauung Parteien gebildet, von denen die eine die strenge einseitige Vergeltungstheorie vortrug, die andere die Liebe zu Gott, oder wie man damals sagte, die Ehrfurcht vor Gott und die freie Nächstenliebe zur Triebfeder des sittlichen Handelns gemacht haben wollte. Wir finden dann nach einiger Zeit in einem hervorragenden Lehrer beide Ansichten gewiffcrmaßen unvennittelt nebeneinander bestehen, von wo aus beide ihren Streit fortsetzen, bis in Juda Hanassi und seinem Sohne Gamlicl die strenge Vergeltungslehre die Oberhand gewann und die folgenden Geschlechter beherrschte. An dieses Streitelement schlossen sich noch andere, namentlich ob das Gesetzesstudiuin an sich den sittlichen Charakter ausfüllt und den ganzen Inhalt des Lebens auszufüllen bestimmt ist, oder ob trotz des großen Werthes desselben die Thätigkeit und Handlung in der Gesellschaft voranzustellen und erst in ihnen der sittliche Charakter zu erlangen ist? Auch für diese Frage haben wir zuerst einigende Aussprüche, und nicht selten ist das Anstreben der Vermittelung, daß beide nicht ohne Verbindung mit einander bestehen könnten, beide einander bedingen; trotzdem erlangte auch hier der einseitige Eifer für das Gesetzesstudium zuletzt den Sieg. — Was jedoch diesen Entscheid innerhalb der ethischen Parteiungen überaus mildette, war der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele, der immer tiefer wurzelte, sich ausgestaltete und Lehrer und Volk erfüllte. Hierüber giebt uns unsere Sammlung das vollgültigste Zeugniß, da viele Sprüche die Unsterblichkeitslehre nicht bloß absichtlich zum Ausdruck bringen, sondern auch nur andeutend sie in unbedingter Geltung voraussetzen. — Neben dieser, in mildester Form, doch aber unverkennbar hervortretenden Polemik der vorhandenen Ansichten untereinander, giebt sich hier und da in den Sentenzen auch das Bestreben kund, irrige und schädliche Meinungen und Richtungen von außen abzuwehren, namentlich die Richtung zur Verachtung des Erdenlebens, zur Verwerfung der Menschennatur, zur Flucht aus dem Leben, wie andrerseits gegen die Atheisten und Materialisten auf's Ernsteste Front gemacht wird. Im Ganzen bekundet sich in unserer Sammlung das Streben, Vernunft und Herz mit den überlieferten und ausgestalteten Glaubenslehren zu verbinden und in der Uebereinstimmung dieser drei Faktoren des religiös-sittlichen Lebens die Eigenart des Judenthums zu erweisen und zu bethätigen. Die Nächstenliebe wird bis in ihre zartesten Formen, bis zu ihrer Bcthätigung im geselligen Verkehr nachdrücklich empfohlen, und jede edle Regung des Menschenherzens gewürdigt und belebt. Mitten durch alle Wirren und Stürme der Zeiten bricht sich die cr- > Habenste Anschauung, das Gute nur um des Guten willen, die > sittlichste Hingebung in der Erfüllung des göttlichen Willens :ju üben, immer wieder Bahn, und die Freiheit des mensch-! lichen Willens wird mit der felsenfesten Ueberzeugung von der Allwissenheit Gottes, der göttlichen Vorsehung und Vergeltung 35*. ■i