Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1878)
- Date
- 1878-08-20
- Page
- Seite 531 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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nach ihr lebten und wirkten, also die Schrecken dieses ungeheuren Aufstandes und der Blutströme, die er kostete, sowie die nach ihm eingetretenen schweren Verfolgungen durchmachten. Aber auch hier finden wir keine wahrnehmbare Andeutung an diese fruchtbaren Begebenheiten und ihre traurigen Folgen für die Masse wie für die Führer. Wir können höchstens hier und da etwas herausfühlen. Es ist, als ob der jüdische Geist durch diese unseligen Prüfungen, sobald er sich auf seinem eigensten Gebiete aussprach, nur um so geklärter, von den weltlichen Verhältnissen zurückgezogener fich kundthun wollte. Denn gerade in diesem 4. Abschnitt finden wir die schönsten Perlen der Ethik, der Lebens- und Weltanschauung. Von jenem Streite zwischen den einseitigen 'Anhängern des Gesetzesstudiums und denen, welche Handlungen und ein Wirken im Leben als Ausfluß der Gesetzeskunde verlangten, begegnen uns nur noch einige Nachklänge. Denn einerseits sagt R. Melr: „Ergieb dich weniger dem Gewerbe und beschäftige dich mehr mit dem Gesetze; hast du dir mit dem Gesetzesstudium viel Mühe gegeben, so hat Gott dir vielen Lohn zu geben." Dagegen lautete der Spruch des R. Jsmael: „Wer da lernt, um zu lehren, dem gelingt es, zu lernen und zu lehren; wer aber lernt, um darnach zu handeln, dem gelingt es zu lernen, zu lehren, das Gesetz zu beobachten und auszuführen." Der einsichtsvolle Mann verlangte also vor Allem ein klarbewußtes Ziel, wollte vom bloßen Studium nichts wifien, sondern daß dieses entweder weiter zu lehren, oder aus ihm die Richtschnur des Handelns zu ziehen, zum Zwecke haben sollte, die That über die bloße Lehre stellend. Noch eines anderen weniger bedeutenden Streites wollen wir vorab erwähnen, nämlich betreffs des Alters. Jener Elischa b. Abujah hatte, wahrscheinlich um Akiba, der erst im reifen Mannesalter zum Gesetzesstudium gekommen, zu ärgern, gesagt: „Wer als Kind lernt, gleichr der Tinte auf neuem Pergament; wer als Greis, der Tinte auf Pergament, auf welchem sie verlöscht." Vielleicht ist dieser, an fich richtige, aber in einzelnen Fällen unbegründete Satz nur angeführt, um die folgenden Sprüche anzufügen. Joße bar Jehudah meinte: „Wer von jungen Leuten lernt, gleicht dem, der unreife Trauben ißt, und Wein von der Kelter trinkt. Wer aber von den Greisen lernt, gleicht dem, der reife Trauben ißt, und alten Wein trinkt." Diesem gegenüber sprach fich der große Jehudah dahin aus: „Sieh nicht auf den Krug, sondern auf das, was darinnen ist; oft ist ein neuer Krug voll alten Weines und ein alter Krug, in welchem nicht einmal neuer Wein ist." Damit hatte jener Streit seinen richtigen Abschluß gefunden. Immerhin ersteht man aus solchen Andeutungen, wie bewegt das Leben in diesen Kreisen war, und namentlich wie stark die Neigung, aus der besonderen Beobachtung in's Allgemeine zu folgern, was ja allen diesen Kernsprüchen zu Grunde liegt. Dies vorausgeschickt, tritt uns gleich beim Beginne des Abschnittes Ben Soma, der Akiba's Schwiegersohn gewesen sein soll, mit einer chrakteristischen Lebensanschauung entgegen, welche auf fich selbst gerichtet, doch zugleich die höchste Achtung vor den Menschen einschließt. Er sagt: „Weise ist, wer von jedem Menschen lernt" — also Westen Erkenntnißtrieb nackallen Seiten hindrängt, jeden Menschengeist achtet, als ein eigenes Wissen enthaltend und einschließend; „stark ist, der seine Leidenschaft beherrscht, reich ist, wer seines Looses fich erfreut" — nicht bloß „begnügt", der stärkste Gegensatz gegen jeden Pesstmismus, eine Befriedigung, die darum den Zustand noch lange nicht für vollkommen zu erachten braucht; „der Ehre werth ist, wer die Nebenmenfchen ehrt," wer also jede löbliche Eigenschaft an seinen Nebenmenschen anerkennt und würdigt und fich gegen Alle bescheidet. Allerdings beziehen sich dieses Lernen von Jedermann, die Selbstbeherrschung, die Freude am eigenen Loose und der Erwerb der Achtung durch die Achtung vor Anderen auf das Individuum selbst, aber zugleich sind sie vom lautersten sittlichen Gehalte, weil sie auf's Genaueste mit der Achtung vor dem Nebenmenschen Zusammenhängen und aus der Selbstbeherrschung die Pflichterfüllung gegen Andere von selbst hervorgeht. Noch höher erhebt fich sein Genosse Ben Asai: „Eile zur Erfüllung einer leichten Pflicht wie zu der einer schweren und fliehe vor der Uebertretung, denn Pflicht zieht Pflicht nach fich und Uebertretung zieht Uebertretung nach fich und der Lohn einer guten That ist Gutes zu thun, und die Strafe einer bösen. Böses zu thun." Es wird hier das sittliche Princip ausgestellt: das Gute allein um des Guten willen zu thun, den Lohn eben nur in der Ausübung des Guten selbst zu suchen, also nicht sowohl in dem fich selbst lohnenden Bewußtsein, sondern in dem dauernden Streben, im Guten sortzuschreiten. Denn jenes Bewußtsein der Befriedigung über vollbrachtes Gutes kann leicht, wenn auch nicht zur Selbstüberschätzung, doch zum Stillstand, gewissermaßen zum Abfinden mit der Pflicht stihren. Wenn Ben Asai aber will, daß wir das gethane Gute nur als Motiv zu weiteren, mehr oder minder opfervollen guten Handlungen süblen und begreifen, und den Lohn, d. h. die Befriedigung erst in dem Forrschreiten finden sollen, so stützt er sich hierbei auf die Erfahrung, daß an eine Pflichterfüllung sich immer neue Pflichten anknüvfen, zu deren Erfüllung wir uns gedrungen fühlen, sowie die Sünde immer neue Sünden gebiert, ein Unrecht ein neues Unrecht verlangt, daß endlich so das Gutewie das Bösethun zur Gewöhnung wird, also zur Tugend und zum Laster. Er ergänzte diesen Satz durch den Ausspruch: „Halte keinen Menschen für gering und keine Sache für geradezu unmöglich; denn es giebt keinen Menschen, der nicht seine Stunde, und keine Sache, die die nicht ihren Platz hat." Auch in diesen einfachen Worten prägt sich der Widerspruch gegen alle Menschen- und Weltverachtung aus, der dem Judenthume so eigenthümlich ist, und es zum vollen Gegensatz des Pessimismus macht. In der Weltordnung hat 34*