Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1878)
- Date
- 1878-08-20
- Page
- Seite 530 (sequence 3)
- Language
- German
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530 Schreier zuerst wieder den fanatischen Verfolgungsruf gegen die' Juden. Was diese bezweckten, ist sehr klar. Es kam ihnen darauf an, Unruhen und Emeuten des Pöbels zu bewirken, das Volk so an Tumulte und Gewaltthätigkeiten zu gewöhnen, die, mit den Juden anfangend, sich bald auf ihr eigenstes Gebiet hinübertragen ließen. Es war dies eine falsche Berechnung. Das deutsche Volk bewies, daß es von Ungehorsam gegen die Gesetze, von Störungen der Ruhe, von thatsächlichen Feindseligkeiten überhaupt und gegen die Juden insbesondere nichts wissen wolle. So stramm das katholische Volk an der Wahlurne auftrat, wohl auch für geistliche Zwecke Geld opferte, so wenig ließ es sich zu Emeuten verleiten. Trotz dieser Lehre versuchten die Conservativen, seitdem sie sich wieder zum Kampfe gegen den Liberalismus rüsteten und besonders seit der Auflösung des Reichstages, gleiches Unternehmen. Zwar hatte das Gemurmel gegen die Juden und ihre Gleichstellung in diesem Lager niemals ganz aufgehört. Aber zu einer so schrankenlosen Wuth rafften sie sich erst in den jüngsten Tagen wieder auf. Sie gehen aber einen Schritt weiter. Sie sprechen es jetzt unumwunden aus, daß die deutsche und preußische Verfassung, daß das Gesetz vom 3. Juli 1869 geändert und den Juden die staatsbürgerliche Gleichstellung wieder genommen werden müsse. Um nur ein Beispiel anzuführen, — so bringt die „Schles. Volkszeitung" Nr. 164 einen Schmähartikel: „Der jüdische Referendarius", der auch in einem Separatabdruck verbreitet worden. Wir wollen auf dieses erbärmliche Product nicht näher eingehen. Es entwirft von den Referendarien, die der jüdischen Religion angehören, nichts als eine Carricatur, welche schließlich doch nur unschädlich ist, da Jedermann der Wirklichkeit gegenüber die maßlosen Uebertreibungen und Unwahrheiten erkennt. Uebrigens weiß das Schandblatt den jüdischen Referendarien nichts wirklich Böses nachzusagen, keinen Mangel an Pflichttreue, keine Unredlichkeit, keine Unzuverlässigkeit, keinen Mangel an Befähigung — und dies ist doch das Entscheidende. Daß das Blatt bei all' seiner Frechheit dies nicht vermag, ist wohl das glänzendste Zeugniß für die jungen Männer, die hier getroffen werden sollen. Der Schluß des Blattes geht dahin: „Ein Judengesetz muß zu Stande kommen, mindestens aber eine Suspension des Gesetzes vom 3. Juli 1869." Dies ist des Pudels Kern. Damit haben die Reactionäre ihre Absicht, ihr Ziel klar ausgesprochen, sobald sie die Mehrheit im Reichstage erlangt hätten. Nun, dieser Zweck wird von ihnen gerade so erreicht werden, wie die Judenhetzen. Das deutsche Volk hat bereits auch hierin sein Veto ausgesprochen, abgesehen davon, daß auch die gegenwärtige Reichs- und preußische Staatsregierung darauf nicht eingehen kann und wird. Was Fürst Bismarck am 5. Juli in der 13. Sitzung des Congreffes ausgesprochen: „Die Zustimmung Deutschlands gehört jedem Anträge, welcher die Religionsfreiheit begünstigt", ist der vollste Gegensatz zu diesen Absichten der Deutsch-Conservativen. Man wird sich erinnern, daß dieselben Reactionäre unter der Leitung Gerlach's und Wagener's schon 1856 eine derartige Ausmerzung der Gleichstellung aus der preußischen Verfaffung beantragten. Aber obgleich das damalige Ministerium auf ihrer Seite stand und die Rechte in der Kammer die Mehrheit hatte, wurde der Antrag durch die Tagesordnung beseitigt und nahm kein einziger Vertheidiger deffelben das Wort — und doch hatte das Haus eine Commission gewählt, die den Antrag befürwortete. Jetzt liegen die Dinge ganz anders, und die 51 Conservativen im Reichstage werden kein anderes Resultat erzielen. Die Erlangung der Gleichstellung hat in Deutschland einen langen Kampf gekostet, der z B. in Preußen von 1812 bis 1869 dauerte. Konnte man erwarten, daß mit der Erreichung des Zieles der Kampf zu Ende sein werde? Wenn wir diese Zeitung aus den Jahren 1848, 1856 und 1869 durchmustern, so werden wir trotz jedem erfochtenen Siege immer die Mahnung finden, daß es der angestrengten Wachsamkeit bedürfen werde, um nicht bei jedem Schritt das gesetzliche Recht verletzt zu sehen. Es lag darin das Bewußtsein, daß die durch den Gang der Entwicklung und der Ereigniffe überwundenen gegnerischen Mächte keinen Frieden mit der siegreichen staatlichen Institution geschloffen haben, und daß sie unter irgend günstigen Umständen das Resultat so langer Kämpfe wieder zu vernichten streben werden. Darum unterscheidet sich die Lage der Dinge in Deutschland so wesentlich von der in anderen Ländern, wo die Gleichstellung der Culte nicht erst mühsam errungen werden mußte, sondern frisch und frei aus dem Volksgeiste wie eine ursprüngliche Rothwendigkeit hervorging. Ja, die deutsche Eiche bedarf einer längeren Zeit, um zu wurzeln und zu wachsen. Desto kräftiger ist sie, wenn sie erst groß und stark geworden, den Stürmen der Zeilen zu widerstehen! Die Moral der Pirke-Aboth. v. An diesen Kreis der Jamnischen Schule unter Gamliel II. und insbesondere an Akiba schließen sich die Männer, deren Lebenssentenzen uns im 4. Abschnitt überliefert worden, Männer, die uns, wie Ben-Soma, Ben-Asai, Meir, Elieser b. Jakob als Schüler Akibas bekannt sind — auch der berüchtigte Elischa b. Abujah (Acher), der vom Judenthume abfällig wurde, unter ihnen — von denen aber einige auch der früheren Periode schon angehört hatten, wie Samuel der Kleine, Zadok u. s. w. So reicht die Kette bis zu Rabbi d. i. Jehuda Hanaßi, den wir schon den Schluß des ersten Abschnittes (d. h. den Anfang des zweiten) bilden sahen. Diese Gelehrten waren es, welche vor der Katastrophe des Bar-Cochba, während derselben und