Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1878)
- Date
- 1878-08-13
- Page
- Seite 518 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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518 2beitaocj 6utotc&U/C&teu. Deutschland. Bonn, 2. Aug. (Privatmitth.) Eine Zuschrift des Großherzogl. Badischen Oberraths der Israeliten, datirt Carlsruhe, den 31. Juli, zeigt uns an, daß durch Circular an die Rabbinate des Landes das Lehrbuch der israelitischen Religion für die oberen Klaffen der Mittelschulen und Gymnasien von I>r. Ludwig Philippson in Bonn (Wien, 1878, bei Alfted Holder, k. k. Hof- und Universitätsbuchhändler) zur Einführung in den betreffenden Lehranstalt en empfohlen worden. Berlin, 31. Juli. (Privatmitth.) Tie gestern vollzogenen Wahlen zum Reichstage enthalten vieles Lehrreiche. Sic zeigen, daß in Berlin der Fortschritt noch in sehr großer Mehrheit die vorwaltende politische Gesinnung ist, daß diese der allerdings in der Hauptstadt stark vertretenen Socialdemokratie die Spitze bietet, die Conservativen hingegen nur einen sehr geringen Antheil am allgemeinen Stimmrecht der Residenz haben. Aus einem Sitze sind die Socialdemokraten allhicr bereits verdrängt, in dem anderen haben sie es nur bis zu einer Stichwahl gebracht. Sind die Resultate der Conservativen hier kläglich, so fallen die sog. Christlich-Socialen der Lächerlichkeit anheim. Der Hofprediger Stöcker hat es auf 717, der Maler Bernstorf ans 277 und der Schneider Grüneberg auf 317 gebracht. Wie groß ihre Gemeinden außerhalb Berlins sind, sieht man daraus, daß Stöcker, der sich auch im Landkreis Cöln aufstellen ließ, dort wirkliche 20 Stimmen erlangt hat. Rur in Aachen-Stadt brachte es ein gewiffer Brauer zu *64 Stimmen und in Siegen der Hofprediger Kögel zu 207. Dies wird Wohl die ganze Garde sein. Die Nationalzeitung bemerkt: „Ob diese jüngste Partei dem Berliner mehr lächerlich oder mehr verächtlich erschienen sein mag, wagen wir nicht zu entscheiden." Dabei setzt die „deutsche Volkswacht", von der Sie als dem Organe dieser Partei bereits gesprochen haben, ihre judengehässigen Artikel munter fort. Jüngst verlangte sie der Alliance israelite gegenüber einen antijüdischen Verein zu bilden, der zwei Wege verfolge: I) Man wähle keinen Juden in die Gesetzgebung mehr und rekrutire die deutsche Nationalvertretung nicht durch Repräsentanten jüdischer Weltanschauungen (d. h. man wähle keine Liberalen, sondern christlich-sociale Abgeordnete'.); 2) man revidire unsre Gesetzbücher, deren Lückenhaftigkeit den straflosen Verbrechern, wie solche in unsrer verjüdeten Gesellschaft gang und gäbe geworden sind, nur Vorschub leistet, (Herr Stöcker giebt nicht an, welche Verbrecher dies sind, wahrscheinlich Jedermann, der nicht zu seiner Fahne schwören will!, Tie christlich-socialen Männer glaubten hiermit gewiß die beste Taktik zu verfolgen, um sich einen recht großen Anhang zu verschaffen. Nun, sie haben gestern Gelegenheit gehabt, ihre ganze Schaar zu mustern, und zu erkennen, daß Berlin noch lange kein Rumänien ist. Wann aber wird, während die Socialdemokratie niedergetreten werden soll, die Protection solcher verrotteten Parteigänger aufhören, welche doch offenbar auch nicht den geringsten Einfluß auf das Volk besitzen, aller wahrhaften Kultur jedoch ins Gesicht schlagen und neben Blödsinn nur Haß predigen?! Bezeichnend ist es, daß im 4. Wahlbezirk, wo eine Stichwahl zwischen dem Fortschrittler Zelle und dem Socialdemokraten Fritzsche statt finden wird, die Christlich-Socialen für den Socialdemokraten stimmen werden!'. Mehr braucht man nicht. — Nach den bis heute eingelaufenen Nachrichten find Lasker, Bamberger und Wolfson wieder gewählt. Berlin, 1. August. (Privatmitth.) Es leuchtet ein, daß auch für uns die Frage große Bedeutung hat, welche Bürgschaften die Beschlüffe des Congreffes für ihre Ausführung haben — auch für uns, da es eben fraglich ist, wie und in wie weit in den Staaten, über welche der Congreß verhandelt hat, die Gleichstellung aller Confessionen auch verwirklicht werde. Der Congreß verhandelte hierüber in seiner sechszehnlen Sitzung. Es wird daher interessiren, aus den Protokollen über diese Sitzung etwas Näheres zu erfahren: „Der Präsident wünscht, daß die russischen Bevollmächtigten eine formelle Proposition einbringen. Fürst Gortschakow kommt diesem Wunsche nach, indem er beantragt, daß alle am Congreffe betheiligten Mächte eine Collectiv-Garantie für die Ausführung der Congreßbeschlüffe übernehmen sollen. Fürst Bismarck erwidert, nicht als Präsident des Congreffes, sondern in seiner Eigenschaft als Vertreter Deutschlands, es sei selbstverständlich, daß die Mächte, wenn sie sich über Fragen einigen, welche Europa seit fast einem Jahrhundert beschäftigen und namentlich seit zwanzig Jahren die Ruhe des Welttheils gefährden, sie auch alle darüber wachen müffen, daß ihre Stipulationen, welche ein Ganzes bilden, ausgeführt werden; aber er glaubte nicht, daß jeder Staat für sich Hand anlegen müffe bei der Durchführung dieser Vereinbarungen und daß eine Solidar- und Collectiv-Garantie existiren könne. Er sage dies als Repräsentant Deutschlands. Er glaube nicht, daß eine Formel gefunden werden könne, welche in absoluter Weise Europa gegen die Wiederkehr der Ereigniffe, durch die es erregt wurde, schütze, und wenn die Mächte sich solidarisch verpflichteten, im Bedürfnißfalle Gewalt zu brauchen, so würden sie riskiren, daß zwischen ihnen selbst schwere Zerwürfniffe zu Tage kämen. Der Congreß könne nur Menschenwerk hervorbringen, das, wie jedes