Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1878)
- Date
- 1878-08-06
- Page
- Seite 505 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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zu sehen, namentlich socialiftischen Anwandlungen der Hof- Prediger-Partei energisch entgegenzutreten." — Dem gegenüber meldet ein Telegramm der N. Fr. Pr.: Gestern wurde die Wahlversammlung der Christlich-Socialen wegen höchst aufreizender Reden des Vorsitzenden, des bekannten Schneiders Grüne berg, gegen die Juden, die er als Hochverräther und Verfechter des Meuchelmordes bezeichncte, polizeilich aufgelöst. München, 19. Juli. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde zu München hat an den Fürsten Bismarck ein Dankschreiben für seine Bemühungen um die Juden in Rumänien gerichtet. Aus dem Schweinfurter Gau, im Juli. (Privatmitth.) Es war vorauszusehen, daß die ultramontanen Blätter die Excesie des katholischen Pöbels in Kalisch und den Antrag des närrischen Jstoczy benutzen werden, um auf die Juden zu schmähen, da sie sich so gern mit Greueln und selbst Lächerlichkeiten identifiziren, sobald dieselben für den Judenhaß in Ernst oder Scherz eine Handhabe bieten. Das „fränk. Volksblatt", das in Würzburg erscheint, hatte nach der Bestrafung seines früheren Redakteurs Di-. Mittler eine Zeitlang nach dieser Richtung hin geschwiegen. Um so lebhafter erhob es sich bei obigen Veranlasiungen in seiner Nr. 150. Es entblödet sich nicht, den thatsächlichen Berichten entgegen, alle Schuld in Kalisch auf die Juden zu wälzen und zu verstehen Zu geben, daß die Juden wirklich die Altäre umzustoßen beabsichtigten und nur durch die bewaffneten Bauern davon abgehalten worden seien. Tie Absicht mit dieser Lüge liegt auf der Hand: man will den fränkischen Bauern die Meinung einflößen, die Juden trugen sich mit Plänen gegen die katholische Religion und ihre Heiligthümer. Daß es durch die Untersuchung konstatirt ist, wie in Kalisch die Emeute schon lange geplant und vorbereitet gewesen und durch die heftigsten Predigten von der Kanzel herab eingeleitet worden, wie denn auch zehn katholische Geistliche deshalb verhaftet wurden, verschweigt natürlich dieses „für Wahrheit und Recht" kämpfende Blatt. Uebrigens ist feine Weisheit, sowie seine witzig sein sollende Auslassung über den Antrag Jstoczv's nicht einmal Orginal, sondern wörtlich aus dem „schwarzen Blatt" der Germania entlehnt. Man sieht hieraus, auf welche Weise diese Partei ihre Jnvectiven zu verbreiten versteht. Italien. Hannover, im Juli. (Privatmitth.) Daß nach dem Tode des Königs Victor Emanuel, bei der dankbaren Verehrung, mit welcher die Juden Italiens demselben wegen den vielen, ihnen erwiesenen Wohlthaten anhingen, in sämmtlichen jüdischen Gemeinden Italiens Trauerfeierlichkeiten zum Andenken an den Uv Oalantuomc» stattfanden, ist ganz erklärlich und werden in dem Märzhefte der in Corfu monatlich erscheinenden italienischen Zeitschrift „Mose" die Trauerfeierlichkeiten besonders erwähnt, welche aus dieser Veranlassung in den Synagogen von Rom, Livorno, Padua, Ferrara, Modena, Acqui, Alefsandria, della Paglia, Ancoma, Asti, Biella, Cunco, Florenz, Genug, Mantua, Reggio Emilia, Casale, Rovigo, Sinigaglia, Turin, Verona re. abgehalten wurden, wobei zugleich mitgetheilt wird, daß die kleine Gemeinde Parma ihre patriotische Trauer nicht allein durch Gottesdienst, sondern auch durch ein Werk der Woblthätigkeit zum Ausdruck brachte, indem sie auf Anregung des Oberrabbiners eine Subscription zur Gründung eines den Namen des verstorbenen Königs tragenden Waisenhauses eröffnete, welche die ansehnliche Summe von mehr als 2000 Francs ergab. Ueber die Feierlichkeiten bei den Erequien in den Synagogen zu Rom, Padua und Venedig liegen uns ausführliche, von christlichen Berichterstattern herrührende Schilderungen in italienischen Tageblättern vor, die wir jedoch schon des Raumes wegen hier nicht reproduciren können. Wir begnügen uns daher mit der Bemerkung, daß überall der Ernst, die Weihe und die Ordnung rühmend erwähnt wird, welche bei dem von dem aufrichtigsten Patriotismus getragenen Gottesdienste, an welchem die hervorragendsten Mitglieder der Militär- und Civilbehörden Theil nahmen, geherrscht hat. Nur auf einige Punkte gestatten wir uns hier aufmersam zu machen, die für die Israeliten in Deutschland von Interesse sein dürften. Schon die Art und Weise, wie die christlichen Journalisten über die Feierlichkeiten, denen sie beigewohnt haben, berichten, zeigt deutlich, daß dem christlichen Publikum in Italien ein jüdisches Gotteshaus eine völlige terra incognita ist und daß eine Synagoge dort von Christen kaum jemals betreten werden möchte. Daher begnügen sich die Referenten nicht damit, über die Feier selbst zu berichten, sondern geben ihren Lesern auch von der inneren Beschaffenheit der Synagogen, dem Hechal, der Tewa, dem Almemor und der Frauengallerie Kunde und weisen als auf etwas besonders Merkwürdiges hin, daß die Sitze der Männer von denen der Frauen getrennt seien. Was nun aber den Gottesdienst selbst, wie er bei dieser Gelegenheit sich kundgab, betrifft, so hatte derselbe einen uns Nordländern fremden, mehr katholischen Charakter, indem z. B. in Venedig die ^onata patetiva von Beethoven gespielt und in Padua gar das de Profundi* vom Chore erecutirt und das ülorifteetur vom Cantor vorgetragen wurde. Bei solcher Bewandtniß sollte sich der Redacteur der gedachten Zeitschrift Mose nicht darüber wundern, daß, wie er tadelnd bemerkt, in einzelnen Berichten über die stattgehabten Trauerfeierlichkeiten die heilige Lade als alrarv und nicht als arca deU'alleanza (Bundeslade) bezeichnet wird. Endlich zeigt die Schilderung jener Feierlichkeiten, daß trotz der conservativen Anschauungen, welche in fast allen Synagogen Italiens in der Lithurgie zum Ausdrucke kommen, die Orgel beinahe überall in den jüdischen Gotteshäusern im 32