Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1878)
- Date
- 1878-08-06
- Page
- Seite 504 (sequence 8)
- Language
- German
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auszugeben, ist zu oft wiederholt und dabei zu absurd, als daß es noch verfangen könnte. Zu sagen, daß die Juden alle dominirenden Stellungen einnehmen, springt dem Volke, wenn es sich umsteht, zu sehr als lügenhaft in die Augen, um noch irgend einen Eindruck zu machen. Gewiß, wenn es wahr wäre, was das Blättchen sagt, daß bereits „mindestens zwei Dritttheile unserer Bevölkerung von der Verjüdung ergriffen seien", würde es Wohl schwerlich im Stande sein, dies zu ändern. Nur einen Hort hat diese Partei noch, nämlich, daß ste die Lächerlichkeit nicht scheut. Oder ist es nicht lächerlich, wenn die „D. Volkswach^ behauptet, der Kampf gegen die jüdischen Literaten und Journalisten, ja gegen die Juden überhaupt, sei „nur mit einer gewisten Lebensgefahr" zu beginnen? Wahrscheinlich fühlt die „Volkswacht" ihren nahen Tod voraus, und will mit einem heroischen Anstrich sterben, indem ste durch die Juden eines unnatürlichen Todes für die heiligen Sache zu sterben mit tragischer Maske vorstellt. Bei allem ihren Widerwillen gegen die Juden kann das Blatt doch nicht umhin, das Judenthum sofort zu bestehlen, indem es zu seinem Motto wählt: „liebe deinen Nächsten als dich felbft", ohne anzugeben, daß es dies aus 3 Mos. 19, 18 entnommen habe. Nun, noch einige Athemzüge, und das kurze Dasein ist vollendet. Berlin, 26. Juli. (Privatmitth.) Von den Sozialdemokraten stnd in dreißig Wahlkreisen Candidaten aufgestellt worden, von denen kein einziger Jude ist. Wir bemerken dies, weil die Conservativen sich bereits die Miene gaben, zu behaupten, daß die meisten sozialdemokratischen Agitatoren Juden seien. Es gehört dies mit zu den lügnerischen Behauptungen, die sich dieselben gegen die Juden erlauben und die ste so oft wiederholen, bis ste zum Credo ihrer Partei gehören. Die Sozialdemokraten würden die Letzten sein, welche daran Anstoß nähmen, Juden auf den Schild ihrer Candidaturen zu erheben, wenn solche unter ihnen wären. Denn an befähigten Führern leiden sie doch im Ganzen Mangel. — Ihre Artikel über die hundertjährige Feier des „Nathan der Weise" haben hier vielen Anklang gefunden. Man kann sich nicht verhehlen, daß Lesstng unter den hervorragenden Deutschen doch bis jetzt der Einzige war, der vollständig alles Vorurtheil gegen Judenthum und Juden konsequent aus seinem ganzen Wesen beseitigt hatte, der das Judenthum vollständig als gleichberechtigte religiöse Erscheinung und die Juden ganz als das, was ste stnd, betrachtete, als Menschen in ihren Vorzügen und Schwächen. Wenn die Gesellschaft, in staatlicher wie in sozialer Beziehung, seit Lesstng große Fortschritte gemacht hat, so ist das Reich der Vorurtheile besonders in Deutschland noch sehr groß. Jedenfalls gab Lesstng einen der wirkungsreichsten Ausgangspunkte zum Besseren. Berlin, 28. Juli. (Privatmitth.) Mit Recht ist schon mehrfach hervorgehoben worden, daß es ein sonderbarer Vorgang sein würde, wenn Rumänien von den Großmächten genöthigt wäre, die Gleichstellung der Juden einzuführen, während in Bestarabien, das von Rumänien getrennt wird, wieder die russischen Ausnahmegesetze betreffs der Juden zur Geltung kämen. Ueberhaupt bleibt es ein Widerspruch, wenn durch die Congreßacte, die doch auch vom russischen Kaiser unterzeichnet wird, die Donaustaaten und die Türkei gezwungen werden, die Religionsfteiheit und Gleichstellung zu ihrem Staatsgrundgesetze zu machen, während diese im großen russischen Reiche noch vielfach beschränkt stnd. Der Gerechtigkeitssinn Alexander II. wird dies selbst herausfühlen. Ich kann Ihnen nun heute einen Brief eines hiesigen hochgestellten GlaubeWgenosten mittheilen, in welchem diese Angelegenheit besprochen wird. Die Authenticität dieses Briefes kann ich Ihnen verbürgen, wenn auch der Name des Schreibers und des Empfängers nicht angeführt werden sollen. Ich hebe die betreffende Stelle hervor. Das Datum ist 9. Juli, also einige Tage vor Schluß des Congreffes. Es heißt darin: „Ich hatte ferner gestern Gelegenheit genommen, in einer einstündigen Unterredung mit Graf Schuwaloff darauf hinzuweisen, wie absolut nothwendig es sei, daß Rußland nunmehr auch mit der Religionsftage in seinem Lande vorgehe, und um wie viel wichtiger es jetzt gerade wäre, wo der Congreß Bestarabien an Rußland zugestanden und wie viel Unbehagliches für die übrigen kleinen Regierungen an der Donau daraus resultirte, wenn das Nachbar-Ländchen Bestarabien andere Principien in Behandlung der Kulten hätte, als solche von dem Congreß für Serbien, Rumänien, und Neubulgarien activirt worden stnd. Graf Schuwaloff, einer der edelsten Männer unserer Zeit, versprach mir mit Hand und Mund diese Angelegenheit zu der seinigen zu machen und hoffe er, daß nach dem Friedensschluß, wo überhaupt verschiedene Freiheiten dem Czaren-Lande gegeben werden müßten, auch diese, die Emancipation der Juden, in erster Linie gewährt würde. Graf Schuwaloff ist ein Edelman vom reinsten Master, und man darf seinem Worte alles Vertrauen schenken. So zweifle ich denn meinerseits auch nicht, daß er, mit der zukünftigen Leitung der Regierung Rußlands betraut, diese für uns und unsere Glaubensgenossen so hochwichtige Frage zur Durchführung bringen wird 1)// —. Man schreibt der „K. Z." vom 27. d. M.: „Die sogenannte christlich-sociale Partei wird hier gar nicht ernsthaft aufgefaßt; ihre Versammlungen wie ihre Candidaten sind lediglich Gegenstand des Spottes, indessen hört man doch andererseits, daß die Regierung gesonnen sei, in der Folge dem Treiben dieser seltsamen Heiligen etwas mehr auf die Finger 1) Man wird sich ans dein in dieser Nr. mitgetheilten Eongreßprototoll erinnern, daß Fürst Gortschakow gegen die (Gleichstellung sich ausgesprochen hat, während Graf Schuwaloff nach dem vom Fürsten Bismarck erhobenen Einwand zu Gunsten der Gleichstellung in sanfter Weise einzulenlen suchte. Redaction.